Stand: 07.11.2017 08:59 Uhr

Gift im Bau: Asbest steckt in vielen Gebäuden

von Kai Salander, Jörg Jacobsen

Die Zimmerleute bewegen sich ganz vorsichtig durch das alte Landhaus in Drage (Kreis Steinburg). Hausbesitzer Heiner Thode hatte dort Dachplatten entdeckt, die Asbest enthalten. Brechen diese Platten, kann krebserregender Asbeststaub in die Luft gelangen - ein Gesundheitsrisiko für die Bauarbeiter und den Bauherren. Die Asbestplatten hatte Thode durch Zufall entdeckt. In welchem Gebäude wie viel Asbest steckt, ist nirgendwo erfasst. Experten gehen davon aus, dass in den 60er- und 70er-Jahren fast in jedem Haus asbesthaltige Produkte verbaut wurden. In Schleswig-Holstein könnten nach Einschätzung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) noch immer Zehntausende Gebäude betroffen sein.

Asbest-Kleber unter Fliesen und Fußböden

Viele Einfamilienhäuser aus dieser Zeit wechseln gerade ihre Besitzer. Die ersten Bewohner ziehen aus, junge Familien ziehen ein - und bauen um. Die gelben Fliesen im Bad sollen runter und auch der alte Fußboden muss weg. Doch das kann für Heimwerker in vielen Gebäuden aus der Zeit gefährlich sein. Denn hinter den Fliesen oder unter dem Fußboden steckt ein verborgenes Problem: asbesthaltiger Kleber. Bis in die 90er-Jahre hinein wurde der verwendet. Erkennbar ist das heute für Laien nicht mehr. Wenn sie selbst die Reste abhobeln, entsteht Staub und Asbestfasern können in die Luft gelangen. Von den Spätfolgen sind besonders häufig Handwerker betroffen: In Schleswig-Holstein melden sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums jährlich etwa 100 Arbeiter mit einer sogenannten Asbestlunge oder ähnlichen Erkrankungen.

Gewerkschaft fordert finanzielle Hilfen

Auch in Fassaden, Dachplatten, Nachtspeicheröfen, Fensterbänken und Beton-Blumenkästen steckt noch immer Asbest. "Das Problem tritt erst dann auf, wenn großflächig Sanierungsmaßnahmen erforderlich sind", sagt Ina Köhler vom Gesundheitsministerium in Kiel. "Der Hausbesitzer sollte wissen, zu welcher Zeit das Haus gebaut wurde und sich mit einer sachkundigen Firma in Verbindung setzen." Größere Mengen Asbest müssen Spezialisten entfernen. Das kann allerdings mehrere Tausend Euro kosten. Die Gewerkschaft IG BAU fordert deshalb ein Asbest-Abwrackprämie für private Bauherren.

Auch die Kommunen kämpfen noch immer mit den gefährlichen Fasern. Bevor sie Schulen oder Büros umbauen, untersuchen Gutachter die Gebäude. Die Stadt Quickborn saniert in diesem Jahr einen Teil der Comenius-Schule. Dort steckte Asbest im Kleber unter sogenannten Flex-Platten auf dem Fußboden. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass jedes zehnte Gebäude der Stadt mit Gefahrstoffen wie Asbest belastet ist.

Illegaler Asbest-Abbruch: Polizei ermittelt

Wer leichtfertig mit Asbest hantiert, begeht eine Straftat. Einen schwerwiegenden Verstoß deckten Ermittler der Polizei im August in Bönningstedt (Kreis Pinneberg) auf. Dort hatten mehrere Personen Asbestplatten mit Vorschlaghämmern von einem Dach geschlagen und die zerbrochenen Teile am Boden liegen gelassen. Schutzanzüge trugen sie nicht. "Dabei kam es unweigerlich zu einer unkontrollierbaren Staubentwicklung. Die Baustelle wurde durch die staatliche Arbeitsschutzbehörde stillgelegt", teilte die Polizei mit.

"Hohe kriminelle Energie"

Allein im Kreis Pinneberg zählten die Beamten im vergangenen Jahr 20 solcher Straftaten. "Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein", sagt Alexander Rohde vom Ermittlungsdienst Umwelt und Verkehr des Polizei-Autobahn- und Bezirksreviers Pinneberg. "Einige Leute wissen gar nicht, dass sie mit Asbest hantieren oder kennen die Vorschriften nicht", sagt Rohde. "Bei anderen beobachten wir eine hohe kriminelle Energie." Einige Firmen hätten ihre eigenen Mitarbeiter und das Umfeld aus Profitgier in Gefahr gebracht, sagt Rohde. Er und seine Kollegen ermitteln auch, wenn Asbest oder anderer Bauschutt illegal entsorgt wird.

Landwirt Heiner Thode aus Drage geht auf Nummer sicher. Er lässt die Asbestplatten von Fachleuten entsorgen: "Das ist zwar teurer, aber dafür habe ich ein gutes Gewissen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 07.11.2017 | 09:00 Uhr

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