Stand: 03.09.2014 12:34 Uhr

30.000 Meilen auf dem Meer

von Sebastian Parzanny

Unter der Woche ist nicht viel los im Flensburger Hafen "Im Jaich": Die meisten Segler kommen nur am Wochenende. Doch auf der knallroten Segelyacht "Marlin" tobt das Leben. Mutter Nathalie Müller bereitet in der großen Wohnküche das Essen zu, während Vater Michael Wnuk an dem gemeinsamen neuen Buch über die lange Segelreise weiterarbeitet. 14 Jahre lang waren die beiden auf hoher See rund um die Welt unterwegs. Los ging es zu zweit, mittlerweile sind sie zu viert. Jetzt wollen sie sich in Flensburg auch an Land niederlassen. Mitgebracht haben sie Tausende tolle Fotos und jede Menge spannender Geschichten und Erinnerungen.

Zwei Kinder unterwegs

Nathalie Müller und Michael Wnuk wurden während ihrer XXL-Segeltour zwei Mal Eltern: Maya wurde vor neun Jahren in Malaysia geboren, ihre kleine Schwester Lena kam zwei Jahre später in Südafrika zur Welt. Daraufhin legte Nathalie Müller einen kurzen Stopp in Deutschland ein. Ansonsten waren die Vier auf der gesamten Welt unterwegs. Entsprechend schwer fällt es Michael Wnuk, sich auf den schönsten Ort festzulegen: "Patagonien war wunderschön, Südafrika und die Kapverden aber auch. Eigentlich war es überall schön", sagt der gelernte Werbegrafiker. Vor fast 15 Jahren verkaufte er seine Werbeagentur in Düsseldorf um loszusegeln. Dass sie so lange unterwegs sein würden, war gar nicht geplant.

Mit wenig Segelerfahrung um die Welt

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Geschichten aus 14 Jahren Segel-Abenteuer

Im Blog über die Reise der Segelyacht "Marlin" finden Sie Geschichten aus 14 Jahren Abenteuer auf hoher See. extern

"Als Erstes ging es auf die Kanaren. Aus heutiger Sicht hatten wir kaum Segelerfahrungen", sagt Wnuk. Heute sind er und seine Lebensgefährtin ein eingespieltes Team. Gefährliche Situationen meiden sie, soweit es geht und inzwischen können sie routiniert reagieren: "Nach über 30.000 Seemeilen wird es kaum noch richtig gefährlich. Vor Kolumbien auf Höhe von Santa Marta hatten wir aber einmal eine heftige Situation: drei Riesenwellen. Irgendwie von allen Seiten gleichzeitig. Wir dachten, da käme ein Zug hinter uns her. Die Wassermassen waren so hoch wie das Segel. Und das wurde durch die Riesenwellen aufs Wasser gelegt." Aber auch die karibischen Stürme konnten das Paar auf seiner Weltumsegelung nicht stoppen. Nach den berüchtigten Superwellen mit dem Spitznamen "Drei Schwestern" ging es noch fünf Jahre weiter auf hoher See.

Delfine und Pinguine statt Eichhörnchen

Doch solche Situationen sind glücklicherweise selten: Auch auf so einer abenteuerlichen Reise gibt es so etwas wie einen Alltag. Das bedeutete für Lena, Maya und ihre Mutter zum Beispiel Schulunterricht. Nur kurz besuchten die Kinder Schulen auf Kuba und auf Grenada. Auf dem hohen Meer war Mama ihre Lehrerin: "Ich hatte vorher einen Lehrplan mit mehreren Grundschulen und einer befreundeten Lehrerin zusammengestellt", sagt Nathalie Müller. "Alles was wir für den Unterricht an Bord brauchten, hatten wir dabei." Allerdings hat die 41-Jährige den Lehrplan immer ein bisschen angepasst: "In Biologie zum Beispiel. Da ging es natürlich weniger um Eichhörnchen, sondern eher um Delfine, Seelöwen und Pinguine. Je nachdem, was wir gerade aktuell vor der Tür hatten", sagt die gebürtige Düsseldorferin.

Zum ersten Mal geht's auf eine deutsche Schule

Seit gut einer Woche gehen ihre Töchter nun auf eine ganz normale Schule in Flensburg: "Für die Große begann das neue Schuljahr gleich mit einer Klassenfahrt. Aber schon jetzt steht fest, dass sie die Ansprechpartnerin für Englisch wird", sagt Papa Michael Wnuk. Englisch und Spanisch haben die Mädchen nämlich unterwegs aufgeschnappt. Die sieben Jahre alte Lena findet ihre neue Schule an Land super: "Besonders Kunst und Sport bringen Spaß", sagt sie. Trotzdem freut sie sich im Moment immer besonders auf die Zeit nach dem Unterricht: Die Familie hat von einer ihrer letzten Stationen vor Flensburg, von den Azoren, Welpe Lars mitgebracht. Der ist im Moment Lenas ständiger Begleiter.  

Begeistert von den Flensburgern

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Fast so schön wie in der Südsee - die "Marlin" in der Flensburger Förde.

Auch Michael Wnuk hat durch den Hund erste Kontakte in der Stadt geknüpft. Obwohl er sich auch hätte vorstellen können, dauerhaft in Südafrika zu bleiben, ist er mit der Wahl des neuen Heimathafens sehr zufrieden. Und die Mentalität der Menschen in Deutschland hatten er und seine Frau auch ganz anders in Erinnerung. Vielleicht liegt es schlicht am hohen Norden: "Hier kommt man wirklich schnell mit den Menschen ins Gespräch. Die Menschen sind sehr offen. Manchmal erzählt man fast seine halbe Lebensgeschichte und merkt dann erst, dass man mit einem Fremden spricht. Zum Beispiel beim Gassi-Gehen mit Lars. Aus Düsseldorf oder auch Hamburg kannten wir das nicht. Aber so ist das offenbar hier oben", sagt der braungebrannte Segler begeistert.

Werden sie endgültig zu Landratten?

Übrigens waren weder er noch seine Lebensgefährtin vor der Wahl einer neuen Heimat jemals in Flensburg: "Wir haben den Tipp von einem befreundeten Paar bekommen. Die sind auch Segler und vor einigen Jahren von Hamburg nach Flensburg gezogen. Sie sind große Flensburg-Fans und wir haben ihnen einfach vertraut. Das hat gut geklappt", sagt Nathalie Müller zufrieden. "Das Einzige was nervt ist die Bürokratie: Uns anmelden, den Hund anmelden, dies anmelden, das ummelden. Aber wir sind zu dreiviertel durch damit", erzählt Mutter Nathalie. Sie will schon bald anfangen, ihre Facharzt-Ausbildung zu machen. Spätestens wenn es draußen richtig kalt wird, will die Familie außerdem in Flensburg eine Wohnung gefunden haben. Dann wollen die Vier endgültig zu Landratten werden. Für Michael Wnuk gilt das aber nur mit Einschränkung. Er will vom kommenden Jahr an Charter-Touren an Bord der "Marlin" anbieten. Und dann geht es für ihn wieder raus in die weite Welt. Spätestens nach einigen Monaten will er aber immer zurückkommen - nach Flensburg zu seinen "Mädels", sagt er lachend.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 02.09.2014 | 21:05 Uhr

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