Stand: 14.07.2020 17:51 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Alloheim Bramsche: Hat die Heimaufsicht versagt?

von Marie-Caroline Chlebosch und Josephine Lütke
Nach 25 Todesfällen wegen Corona ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Leiter des Alloheims in Bramsche. Er soll sich nicht ausreichend um die Hygiene in der Senioren-Residenz gekümmert haben.

25 Menschen sind nach einem Corona-Ausbruch in der "Alloheim Senioren-Residenz" in Bramsche gestorben. Anfang April hatten sich dort 55 Bewohner und 22 Mitarbeiter mit dem Virus infiziert. Angehörige beschwerten sich schon lange vorher bei der Heimaufsicht, dem Landkreis Osnabrück, über Hygienemängel, Vernachlässigung und Personalmangel. Von Anfang 2019 bis zum Corona-Ausbruch führte die Heimaufsicht nach Beschwerden beziehungsweise Vorfällen im Alloheim zehn sogenannte anlassbezogene Kontrollen durch. Häufiger als in jedem anderen Heim, bestätigt der Landkreis. Nach Recherchen des NDR könnte die Heimaufsicht versagt haben: Falsche Entscheidungen könnten dazu geführt haben, dass die Situation letztlich eskalierte. Der Landkreis weist diese Vorwürfe zurück: "Wir haben im Alloheim Mängel festgestellt, wir haben Anordnungen ausgesprochen und wir haben auch die Einhaltung dieser Anordnungen entsprechend auch kontrolliert", sagt Matthias Selle, Vorstand für den Bereich Soziales. Es habe danach keinen Anlass mehr zur Kritik gegeben, so der Landkreis.

Pflegeheim Bramsche: Hat die Heimaufsicht versagt?

Hallo Niedersachsen -

Hygienemängel, Personalnot, Corona-Ausbruch: Die Alloheim Senioren-Residenz in Bramsche gerät immer stärker in die Kritik. Die Polizei prüft, ob Ermittlungen aufgenommen werden.

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Angehörige: Schimmelige Essensreste auf dem Tisch

Die Großmutter von Michaela Ploch kam im Juni 2019 zur Kurzzeitpflege nach einem Schlaganfall ins Alloheim in Bramsche. "Als ich sie dann das erste Mal besucht habe, habe ich gesehen, dass sie in einem ganz schlimmen, desolaten Zustand war", sagt die Enkelin. Sie wirft dem Alloheim Vernachlässigung vor. "Ich habe bei meiner Oma auf dem Zimmer eine verschimmelte Fischfrikadelle gefunden. Auf dem Tisch, das fällt doch auf", sagt Michaela Ploch. Gläser mit Ablagerungen, verdreckte Bettwäsche und Kleidung: Die hygienischen Zustände auf der Station seien mangelhaft gewesen, sagt Ploch. Außerdem sei ihre Großmutter mehrfach gestürzt. "Unter anderem, weil bei einem Rollstuhl die Bremse nicht funktionierte", vermutet die Enkelin. Trotz mehrfacher Aufforderung, den Schaden zu beheben, sei erst nach dem Unfall der Großmutter etwas passiert. Die Beschwerden eines weiteren Angehörigen klingen ähnlich: Wolfgang Klekamp gibt seine Mutter im Juli 2019 in die Einrichtung. Er berichtet dem NDR von einem verdreckten und von Schimmel befallenen Rollstuhl im Zimmer seiner Mutter. Beide Angehörigen melden ihre Beschwerden der Heimaufsicht.

Alloheim weist Vorwürfe zurück

"Bei anlassbezogenen Prüfungen wurden 2019 und 2020 keine gravierenden Missstände festgestellt. Grundsätzlich gilt: Bei Alloheim nehmen wir Hinweise von Bewohnern und Angehörigen ernst", schreibt ein Alloheim-Sprecher der Zentrale in Düsseldorf auf Anfrage. Wo die Leitung der Senioren-Residenz Verbesserungsbedarf erkenne, handle man zügig. Michaela Ploch hingegen gibt an, nach ihrer Beschwerde habe sich nichts verändert. Im August 2019 holt sie ihre Großmutter zurück nach Hause. Auch Wolfgang Klekamp hat für seine Mutter eine andere Unterbringung organisiert.

Ermittlungen gegen Heimleiter - nicht zum ersten Mal

Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück gegen den Leiter des Bramscher Alloheims. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung in 25 Fällen. Laut Behördensprecher Alexander Retemeyer gab es bereits Durchsuchungen im Privathaus des Mannes, im Alloheim Bramsche und in der Zentrale in Düsseldorf. "Man prüfe, ob Hygienevorschriften nicht eingehalten wurden", sagt Retemeyer. Die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Covid-19 sind nicht die ersten, die den ehemaligen Heimleiter in den Fokus von Ermittlern gerückt haben. Im April 2016 verurteilte ihn das Amtsgericht Vechta zu einer Geldstrafe, weil er als Leiter eines anderen Pflegeheimes in Niedersachsen Taschengelder von Bewohnern veruntreut hatte. Der Landkreis und die Alloheim-Zentrale geben an, davon nichts gewusst zu haben. Das kann durchaus sein, denn die Strafe von 1.500 Euro war geringfügig und kommt damit nicht ins polizeiliche Führungszeugnis. Aber schon die Zulassung des Mannes durch die Heimaufsicht macht stutzig. Diese ist in Niedersachsen gesetzlich klar geregelt. Der Heimleiter in Bramsche ist Bademeister und Masseur mit einer zweieinhalbjährigen Ausbildung. Nach den geltenden Gesetzen reicht das aber nicht aus: Für eine Zulassung muss mindestens eine dreijährige Ausbildung oder ein Studienabschluss vorliegen. Der Heimleiter war für den NDR nicht zu erreichen. Auch schriftliche Fragen beantwortet er nicht.

Landkreis widerspricht: Heimleiter sei qualifiziert

Ein Sprecher des Alloheims schreibt: "Eine Eignungsbestätigung und Genehmigung der Behörden, als Residenzleiter tätig zu sein, lag jederzeit vor." Die Heimaufsicht beruft sich bei der Zulassung auf eine Ausnahmeregelung. "Im Moment ist es so, dass die Heimleitung ein Studium absolviert und das auch zu Ende bringt", sagt Matthias Selle vom Landkreis Osnabrück. Das sei der Grund für die Zulassung gewesen, denn es sei ein Studium des Sozialmanagements, das auch anzuerkennen sei, sagt Selle. Wann der Heimleiter das Studium beenden wird, ist nicht bekannt. Das Gesetz erlaubt Ausnahmen, allerdings nur bei persönlicher Eignung. Im Niedersächsischen Gesetz über unterstützende Wohnformen heißt es, die Zulassung könne nur erfolgen, wenn die Person "durch ihre Beschäftigung als Heimleitung die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner nicht gefährdet".

Angehörige über Corona-Ausbruch schockiert

Die Großmutter von Michaela Ploch möchte nicht mehr auf ihre Zeit im Alloheim angesprochen werden. "Das hat sie sehr belastet. Sie hat schlecht geschlafen, Albträume gehabt und sie hatte Angst, dass sie wieder dorthin zurück muss", sagt Michaela Ploch. Von dem Covid-19-Ausbruch in Bramsche hat Ploch aus der Presse erfahren: "Ich war geschockt, dass so viele Menschen dort sterben mussten. Und ich war auch sehr traurig, weil ich der Meinung bin, das hätte verhindert werden können."

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Hallo Niedersachsen | 14.07.2020 | 19:30 Uhr

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