Stand: 13.07.2019 18:00 Uhr

Muss Meyer Werft für "Estonia"-Unglück zahlen?

Der Prozess um Schadenersatz für Überlebende und Opferangehörige des "Estonia"-Untergangs hatte im April begonnen.

Unfall oder Anschlag? Obwohl es fast 25 Jahre her ist, dass beim Untergang der Ostseefähre "Estonia" 852 Menschen starben, sind grundlegende Fragen noch immer unbeantwortet. Vor allem die, wer für die Katastrophe verantwortlich ist. Für rund 1.000 Kläger, darunter Überlebende und Angehörige der Opfer, stehen die Schuldigen fest: die französische Klassifizierungsstelle Bureau Veritas, die die "Estonia" als seetüchtig eingestuft hatte, und die Papenburger Meyer Werft, die die Fähre 1980 baute. Die Kläger fordern von ihnen insgesamt 40,8 Millionen Euro Schadenersatz. Ein Gericht im Pariser Vorort Nanterre prüft Zulässigkeit und Höhe der Ansprüche und will am kommenden Freitag seine Entscheidung verkünden.

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"Estonia"-Untergang: Prozess gegen Meyer Werft

Opfer des "Estonia"-Unglücks und Angehörige prozessieren in Frankreich gegen die Meyer Werft. Sie fordern Schadenersatz, weil ein Konstruktionsfehler zum Untergang geführt haben soll. (14.04.2019) mehr

Frühere Klagen waren erfolglos

Der Prozess in Nanterre hatte erst im April dieses Jahres begonnen. Das liege am Gang durch die Instanzen, der sich über mehr als zwei Jahrzehnte hingezogen habe, erklärte Maxime Cordier, einer der Kläger-Anwälte. Endlich werde ein Gericht nun feststellen, "wer für die Nachlässigkeit bei Konzeption und Betrieb des Schiffes verantwortlich" sei, sagte Cordier. 

Meyer Werft verweist auf Abschlussbericht zum Unglück

Einige der Opfer und Angehörigen hatten schon vor Jahren Zivilklagen gegen die Meyer Werft und das Bureau Veritas angestrengt, allerdings erfolglos. Die Werft wollte sich vor dem Gerichtstermin am 19. Juli auf Anfrage von NDR.de nicht zu ihren Erwartungen in Bezug auf das Urteil äußern. Die Sichtweise des Unternehmens auf das Unglück und seine Ursachen sei ohnehin seit vielen Jahren bekannt durch einen Abschlussbericht aus dem Jahr 2000, den deutsche Experten, im Auftrag unter anderem der Meyer Werft, erstellt hatten.

Fähre sank innerhalb kürzester Zeit

Bei der größten Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit war die "Estonia" in der Nacht zum 28. September 1994 auf der Fahrt von Tallinn nach Stockholm während eines Sturms innerhalb kürzester Zeit gesunken. Die Bugklappe, die die Zufahrt zu den Autodecks verschloss, hatte sich gelöst - ungeheure Mengen Wasser strömten rasend schnell ins Schiffsinnere. Von 989 Menschen an Bord überlebten nur 137. Es gibt allerdings sieben Personen, die zuerst als Überlebende gelistet wurden, wenig später aber verschwanden - eines der zahlreichen Mysterien im Zusammenhang mit dem Untergang der "Estonia".

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20 Jahre nach dem "Estonia"-Unglück

21.09.2014 19:30 Uhr
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Auch 20 Jahre nach dem Untergang der "Estonia" ist nicht lückenlos aufgeklärt, was zu dem Unglück führte. Neue und unabhängige Untersuchungen wurden immer wieder verhindert. Video (06:15 min)

Erstes Gutachten nennt Konstruktionsfehler als Ursache

Ein offizielles Gutachten im Auftrag von Schweden, Estland und Finnland ergab 1997, dass ein Konstruktionsfehler zum Unglück geführt habe. Die Verriegelung der Bugklappe sei zu schwach gewesen, deshalb habe sie dem starken Wellengang nicht standgehalten. Die Verantwortung trug demnach die Meyer Werft, die die Fähre gebaut hatte. Die Papenburger wiesen das zurück und legten ihrerseits den oben erwähnten Bericht vor. Demnach war das Schiff einwandfrei übergeben, dann aber schlampig gewartet worden. Darüber hinaus habe es an Bord Explosionen gegeben.

Zahlreiche Theorien und Spekulationen

Bomben auf der Fähre? Zeugen hatten laute Knallgeräusche gehört. Angeblich gibt es Löcher im Rumpf. Doch geklärt ist nichts. Mögliche Detonationen bleiben ebenso Spekulation wie viele andere Theorien. So wurden offenbar Waffen auf der "Estonia" nach Schweden transportiert. Vielleicht wurden aber auch große Mengen Drogen geschmuggelt? Ein Bombenanschlag könnte das Ziel gehabt haben, entsprechende Geschäfte zu zerschlagen. Oder ging es um Schutzgeld? Ein Exempel der Mafia? Diese und andere Szenarien machen seit dem Unglück die Runde. Viele kleine Details und Puzzleteile sind verbreitet und diskutiert worden, die diese oder jene These zu stützen scheinen. Viel Stoff für Verschwörungstheorien.

Explosion oder keine Explosion? Meinungen gehen auseinander

2006 untersuchten die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) und die Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH) die Unglücksursache. Ihren Erkenntnissen zufolge löste sich die Bugklappe, weil das Schiff in der stürmischen See zu schnell unterwegs war. Insgesamt kamen sie zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Kommission 1997. Es habe keine Explosion gegeben. Auch andere Experten sind dieser Ansicht - andere sind hingegen überzeugt davon, dass an Bord Sprengsätze detonierten. Es steht Gutachten gegen Gutachten. Was fehlt, ist ein endgültiges, einwandfrei belegtes Ergebnis zur Ursache der Tragödie.

So sank die "Estonia" Hamburger Experten zufolge

Misstrauen gegen Regierung - Soll etwas verschleiert werden?

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Die abgerissene Bugklappe wurde geborgen, doch das Wrack der "Estonia" liegt noch am Meeresgrund. (Archivbild)

Die gegensätzlichen Schlussfolgerungen der Fachleute dürften dazu beigetragen haben, dass so viel und vielfältig spekuliert wird. Ein Hauptgrund dafür, dass die ganze Sache vielen verdächtig erscheint, ist aber sicherlich das Verhalten der beteiligten Regierungen, insbesondere der schwedischen. Diese hat mehrfach den Eindruck vermittelt, sie wolle die Aufklärung verhindern. Sie ließ das Wrack nicht bergen. Es liegt noch immer nahe der finnischen Insel Utö in der Tiefe - und mit ihm mehr als 700 Leichen. Schweden plante vorübergehend sogar, das Schiffswrack mit einer Betonmauer zu umhüllen. Da schrillten bei manchem die Alarmglocken: Sollte hier etwas vertuscht, für immer versteckt werden? Die offizielle Begründung für die Betonhülle war der Schutz der Totenruhe. Das Betongrab wurde letztlich doch nicht geschaffen, das Misstrauen bei vielen aber blieb. Videoaufnahmen, die im Rahmen der Ermittlungen nach dem Unglück gemacht wurden, zeigen offenbar nicht die entscheidende Stelle am Bug - nämlich die, wo das Wasser zuerst ins Innere geströmt war. Weitere Aufnahmen sind schwierig: Es ist verboten, zur "Estonia" hinabzutauchen.

Schritt in Richtung Aufklärung?

Die Reederei EstLine hatte Überlebenden und Opferangehörigen nach dem Untergang insgesamt 130 Millionen Euro Entschädigung gezahlt. Die Kläger verlangen jetzt aber Schadenersatz für immateriellen, für psychischen Schaden, als Ausgleich für ihr erlittenes Trauma. Darüber hinaus ist da die Schuldfrage - hier könnte das Urteil zumindest ein weiteres Teilstück liefern. Anwalt François Lombrez hofft auf einen großen Schritt in Richtung Aufklärung: "Zum ersten Mal wird ein Gericht über den Sachverhalt entscheiden und die zivilrechtliche Haftung des Bureau Veritas und dem deutschen Hersteller Jos L. Meyer Werft beurteilen", zitiert ihn die Zeitung "Le Monde".

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Dossier: Der Untergang der "Estonia"

Die Ostseefähre "Estonia" sinkt am 28. September 1994 bei Sturm vor der südwestlichen Küste Finnlands - mit fast 1.000 Menschen an Bord. Nur 137 überleben. Zur Unglücksursache gibt es bis heute viele Spekulationen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 19.07.2019 | 17:00 Uhr

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