Stand: 11.12.2018 13:13 Uhr

Krankenpfleger-Prozess: Er gesteht, er leugnet

Die Aufarbeitung der Mordserie hängt zu einem großen Teil auch von den Aussagen des Angeklagten ab.

Am Landgericht Oldenburg läuft der größte Mordprozess in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik. Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel ist wegen 100-fachen Mordes angeklagt. Nach einem vollen Geständnis kann sich der Ex-Krankenpfleger im Prozess offenbar an einen Großteil der Taten nicht mehr erinnern. Einige streitet er vehement ab. Högel wird vorgeworfen, zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten durch überdosierte Medikamente getötet zu haben.

Högel gibt weniger als die Hälfte der Taten zu

Bei 28 der bisher 59 aufgerufenen Fälle kann sich Högel nicht erinnern, schließt eine Verantwortung aber nicht aus. Vier Delikte bestritt er ausdrücklich, 26 Tötungen gestand der ehemalige Krankenpfleger. Schon jetzt stellt sich die Frage, wie die Kammer um den Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann mit den Fällen umgehen wird, in denen Högel eine Manipulation strikt von sich weist. Laut Gerichtssprecherin Melanie Bitter müssen hier die weiteren Beweismittel sorgfältig geprüft und die Aussagen der Sachverständigen abgewartet werden.

Bestrittene Fälle: Welche anderen Erklärungen gibt es?

Ein entscheidender Punkt dürfte zudem sein, ob die Kammer Högels Ausschluss bestimmter Taten für nachvollziehbar hält. Theoretisch sei es auch möglich, dass die Richter Högel nur in den Fällen, die er gesteht oder an die er sich nicht erinnert, als glaubwürdig ansehen, betonte Bitter. In diesem Zusammenhang müsse auch geklärt werden, welche Lügenmotivation der Angeklagte haben könnte oder ob er sich möglicherweise schlichtweg irrt. Entscheidend für eine Verurteilung sei am Ende einzig und allein die Überzeugung der Kammer.

Kommen Dritte als Täter in Betracht?

Spannend dürfte es vor allem dann werden, falls die Richter Högel in einem oder mehreren Anklagepunkten für unschuldig halten sollte, obwohl die medizinischen Gutachten eine eindeutige Manipulation nachweisen. Dann kämen möglicherweise sogar Dritte als Täter in Betracht. In einem solchen Fall müsste laut der Gerichtssprecherin die Staatsanwaltschaft überlegen, ob sie erneut aktiv wird. Voraussetzung dafür sei, dass es einen Anfangsverdacht und weitere Ermittlungsansätze gibt. Für den aktuellen Prozess spiele das jedoch keine Rolle, so Bitter.

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Staatsanwaltschaft sieht keine Hinweise

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Martin Koziolek, hält ein solches Szenario für äußerst unwahrscheinlich. "Wir gehen derzeit davon aus, dass Högel für die Taten, die wir angeklagt haben, auch verurteilt wird", sagte er im Gespräch mit NDR.de. Koziolek betonte, dass die Polizei im Rahmen der Ermittlungen eine mögliche Beteiligung Dritter bereits gründlich überprüft habe. "Das ist abgeschlossen. Dafür gibt es nach aktuellem Stand überhaupt keine Hinweise", so Koziolek. "Wenn manipuliert wurde, dann ist Högel dafür verantwortlich."

Soko-Leiter soll im Januar aussagen

Auch im laufenden Prozess dürfte die Problematik noch thematisiert werden. Voraussichtlich im Januar soll der frühere Leiter der Soko "Kardio", Arne Schmidt, als Zeuge vor Gericht aussagen. Mit Blick auf diesen Termin wollte er sich gegenüber NDR.de nicht im Detail zu den Inhalten der damaligen Ermittlungen äußern. Es sei aber natürlich naheliegend, dass die Frage nach möglichen anderen Tätern eine Rolle gespielt habe, so Schmidt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 11.12.2018 | 08:00 Uhr

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