Stand: 06.09.2018 19:30 Uhr

Krankenhaus Borkum: Zu viele Hubschrauber-Flüge?

von Holger Bock und Christina Gerlach

Es war an einem Sommerabend, als Familie Bootsmann an der Borkumer Wiesenstraße zusammen mit Nachbarn grillen wollte. Der Tisch war gedeckt, der Salat gemacht und das Grillgut stand bereit. Doch dann setzten sich keine 50 Meter vom Garten entfernt die Rotorblätter des Hubschraubers in Gang. Die Gruppe ahnte, was jetzt kommen würde. Hastig wurden die Lebensmittel wieder ins Haus getragen. Doch schon wenige Augenblicke später schwebte der Helikopter über dem Garten. Im Sog der Rotorblätter kippten Stühle um, die Wäsche landete im Baum, sogar die Grillkohle flog durch die Gegend.

Ein Hubschrauber in der Luft

Hubschrauber-Krankentransporte: Ärger auf Borkum

Hallo Niedersachsen -

Anwohner und Urlauber auf Borkum sind genervt: Ständig werden Patienten per Hubschrauber vom Krankenhaus aufs Festland geflogen. Rund 800 Starts und Landungen gibt es im Jahr.

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400 Hubschrauber-Einsätze im Jahr

Alltag am Ortsrand von Borkum. Seitdem das Inselkrankenhaus vor ein paar Jahren seinen Betrieb aufgenommen hat, fliegen die Hubschrauber vom neuen Landeplatz täglich, manchmal mehrmals - nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen und dem NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen rund 400 Mal im Jahr. Und das sind nur die Verlegungsflüge vom Inselkrankenhaus zu einer Klinik auf dem Festland. Die reinen Rettungsflüge bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten sind da noch gar nicht mitgezählt. Die Kritik richtet sich ausschließlich gegen die geplanten Verlegungsflüge: Warum werden Patienten mit dem Hubschrauber und nicht mit einem Inselflieger oder mit der Fähre ans Festland gebracht, fragen sich die Anwohner. Auf dem Festland finde ein Krankentransport ja oft auch nur mit dem Taxi statt. "Vor allem zwischen 13 Uhr und 15 Uhr kommt der Hubschrauber hier mitten im Ort runtergeflogen und holt dann die Leute ab", berichtet der Handwerker Roelof Meeuw. Er wohnt nebenan und war auch bei der missglückten Grillparty mit dabei.

Behörde genehmigte 2015 nur 30 geplante Hubschrauber-Flüge

Im Jahr 2014 wurde das Klinikgebäude auf Borkum mit Landesmitteln in Höhe von 2,8 Millionen Euro neu gebaut. Für die Genehmigung des Hubschrauber-Landeplatzes ging die Landesverkehrsbehörde in Hannover noch von 30 Flügen im Jahr aus, das bestätigt eine Sprecherin auf NDR Anfrage. Jetzt sind es rund 13-mal so viele. Dabei geht es um sogenannte Verlegungsflüge, also Flüge, bei denen Patienten, die im Inselkrankenhaus versorgt wurden, in einem größeren Krankenhaus weiterversorgt werden sollen. Es geht nicht um Notfälle im engeren Sinn. Dass diese Hubschrauber-Einsätze trotzdem medizinisch nötig sein sollen und ein normaler Linienflug nicht möglich sein soll, nimmt Anwohnerin Steffanie Drost dem Inselkrankenhaus nicht ab. "Grundsätzlich hat ja keiner was dagegen, wenn Notfälle akut ausgeflogen werden müssen. Das versteht hier jeder", sagt sie, "aber das hier ist nicht mehr auszuhalten."

Kassen: Hubschrauber für entzündeten Zeh und Schluckbeschwerden

Die Ersatzkassen in Niedersachsen unterstützen die Anwohner in ihrer Kritik an den vielen Hubschrauber-Einsätzen. Dabei stört die Kassen nicht so sehr der Lärm. Es sind vielmehr die Kosten, die Jörg Niemann vom niedersächsischen Ersatzkassenverband in Hannover kritisiert. Denn die Diagnosen, die den Hubschrauber-Flügen zugrunde lägen, seien eher banal, sagt der Kassenvertreter. "Mit Schluckbeschwerden, mit einem entzündeten Zeh, mit Rückenschmerzen oder mit Schwindel wird der Patient mit dem Hubschrauber ausgeflogen", sagt er. Warum die Bagatellfälle nicht gleich im Inselkrankenhaus auf Borkum behandelt werden, fragen sich die Kassen und Anwohner gleichermaßen. Möglicherweise liegt es an den nur acht Betten, die in der Hochsaison nicht ausreichen, oder daran, dass es im Inselkrankenhaus zwar eine Abteilung für Innere Medizin gibt, aber keine Chirurgie.

Inselkrankenhaus wirbt mit Hubschrauber-Landeplatz

 "Ein moderner Hubschrauber-Landeplatz ermöglicht, dass Patienten bei Bedarf kurzfristig zum Festland geflogen werden können", heißt es auf der Internetseite der Klinik auf Borkum. Viele der Flüge seien überflüssig, urteilen die Krankenkassen. Und auch die Anwohner hören immer wieder von Geschichten, bei denen Patienten zunächst mit dem Hubschrauber ans Festland gebracht werden, die einen Tag später mit der Fähre wieder auf die Insel übersetzen.

Zu sorgloser Umgang mit Beitragsgeld?

Die umstrittenen Hubschrauber-Flüge gehen oft nach Leer und nicht ins näher gelegene Emden. "Da fragen wir uns schon", so Ersatzkassenverbands-Chef Niemann, "wie kommt es, dass die Flüge vor allem in das Krankenhaus gehen, das gleichzeitig auch das Inselkrankenhaus Borkum betreibt. Also hier wird sehr, sehr sorglos mit den Geldern der Beitragszahler umgegangen", sagt Niemann.

Hohe Zahl der Hubschrauber-Einsätze, um Klinikum Leer auszulasten?

Kassen und Anwohner vermuten wirtschaftliche Interessen hinter den vielen Hubschrauber-Flügen. Denn beim Betreiber des Kankenhausen in Leer gibt es keinen Flugplatz für Linienflüge, wohl aber seit Neuestem einen Hubschrauber-Landeplatz. Mit einem Linienflug würden die Patienten also in Emden und dort in einer Klinik landen, und eben nicht im Mutterhaus in Leer. Für die Verlegung von Patienten zahlen die Krankenkassen, für einen Hubschrauber-Flug von Borkum nach Leer nach eigenen Angaben immerhin rund 2.033,71 Euro pro Einsatz - eine Pauschale ausgehandelt zwischen den Kassen und dem zertifizierten Hubschrauber-Transportunternehmen in Emden. Darum fordern die Ersatzkassen das Inselkrankenhaus auf, Bagatellfälle künftig mit der Fähre oder in einem Linienflug zu verlegen und zwar ins nächstgelegene Krankenhaus nach Emden.

Landkreis und Klinikum Leer weisen Vorwürfe zurück

Wirtschaftliche Interessen weisen der Landkreis Leer und das Klinikum in einer gemeinsamen schriftlichen Stellungnahme an den NDR zurück. Zwar sei der Hubschrauber das Rettungsmittel der ersten Wahl, räumen sie ein. Aber teurer sei der Einsatz nicht. Denn wenn Patienten mit der Fähre ans Festland gebracht würden, müssten Sanitäter mitfahren. Auf der Insel müsse dann ein zusätzliches Rettungsteam rund um die Uhr bereit stehen. Das würde den gesamten Rettungsdienst auf der Insel erheblich verteuern, sagen Landkreis und Klinik.

Krankenkassen widersprechen - Stabilisierung im Inselkrankenhaus nötig

Ein zusätzliches Rettungsteam rund um die Uhr sei nicht nötig, widersprechen die Kassen, weil die Fähren und Inselflieger nachts beispielsweise gar nicht fahren würden, also für eine Verlegung von Patienten gar nicht infrage kämen. Der Verband der Ersatzkassen will nun das Sozialministerium als Krankenhausplanungsbehörde einschalten und über die Vorgänge berichten. Kassenverbands-Chef Jörg Niemann räumt ein: "Wir sind in einer schlechten Verhandlungsposition, da Krankenkassen die einzelnen Diagnosen zu den Verlegungsflügen mit Hubschraubern nicht prüfen dürfen - also wissen wir auch nicht, ob ein Verlegungsflug mit Hubschraubern tatsächlich medizinisch nötig war oder nicht." Welche Konsequenzen daraus erfolgen könnten, ist also unklar.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.09.2018 | 19:30 Uhr

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