Stand: 11.06.2016 10:17 Uhr

Klarschiff machen auf dem Zerstörer "Mölders"

von Matthias Schuch

Sie scheuern, schrubben, streichen, schmirgeln, spannen Netze. Auf dem Vorderdeck der "Mölders", Deutschlands größtem Museumskriegsschiff, werkelt ein gutes Dutzend Menschen. Es ist harte Arbeit, aber es ist noch mehr als das. Die Instandhaltungsarbeiten auf dem historischen Lenkwaffenzerstörer im Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven haben Tradition. "Wir kommen seit elf Jahren jedes Jahr zweimal nach Wilhelmshaven und bringen die 'Mölders' auf Vordermann", erklärt Peter Serke. Er ist der Decksmeister beim sogenannten PönEx und für dessen Organisation zuständig. "PönEx" nennen die Mitglieder der "Bordgemeinschaft Mölders" ihre regelmäßige Reinemach- und Instandhaltungswochen an Bord des grauen Kriegsschiffes a.D. - abgeleitet vom Wort "pönen", dem seemännischen Fachausdruck für "streichen".

Freiwillige vor!

An diesem sonnigen Vormittag arbeiten insgesamt fast 50 Freiwillige an Deck der "Mölders". Die meisten sind ehemalige Besatzungsmitglieder des Schiffes, das 34 Jahre lang im Dienst der Bundeswehr stand und vor 13 Jahren dann Flagge und Wimpel offiziell für immer einholte. "Wir haben 2005 im Internet gesehen, dass das Museum Freiwillige sucht, die dabei helfen, die 'Mölders' instandzuhalten", erzählt Serke. "Für uns als Ehemalige war natürlich sofort klar, dass wir uns um unser altes Schiff kümmern wollen." Das tun sie jetzt - mit Pinsel, Rostkratzer und viel Engagement. An diesem Tag ist das Achterdeck dran.

Unten Basaltgrau, oben Fehgrau

Erst muss der Rost runter, dann wird eine neue Farbschicht auf den Schiffskörper aufgetragen - Basaltgrau für den Boden, das hellere Fehgrau für die Aufbauten. Das ist viel Arbeit, ohne regelmäßige Pflege würde die "Mölders" beim rauen Wilhelmshavener Seeklima Rost und Witterung wohl innerhalb weniger Jahre zum Opfer gefallen sein.

Schwesterschiffe "Lütjens" und "Rommel" bereits verschrottet

Was vor mehr als zehn Jahren noch relativ klein angefangen hat, ist inzwischen ein fester Termin in den Kalendern vieler Mitglieder der Bordgemeinschaft aus ganz Deutschland geworden. Gleich mehrere Generationen ehemaliger Marinesoldaten sind dabei: von den Mitgliedern der Erstbesatzung, die die "Mölders" im Jahr 1969 in Dienst genommen haben, bis hin zu Soldaten der letzten Mannschaft, die das Kriegsschiff zu seiner Außerdienststellung im Jahr 2003 begleitet hat. Im Lauf der Jahre sind auch andere Helfer hinzugekommen - etwa Familienangehörige und Schiffsenthusiasten aus Wilhelmshaven. Aber auch viele Besatzungsmitglieder der beiden Schwesterschiffe "Lütjens" und "Rommel", die nach ihrer Außerdienststellung verschrottet wurden, machen mit. "Als wir angefangen haben, haben wir geglaubt, dass es im Lauf der Jahre schwieriger werden würde, Helfer für das 'PönEx' zu finden", berichtet Deckmeister Serke, der die Einsätze seit Jahren koordiniert. Tatsächlich sei aber das Gegenteil eingetreten: "Es werden immer mehr."

"Mölders": In 34 Jahren rund 675.000 Seemeilen

Mit der Außerdienstnahme des Lenkwaffenzerstörers "Mölders" und seiner beiden Schwesterschiffe "Rommel" und "Lütjens" endete im Jahr 2003 die Ära der Dampfschiffe im Einsatz der deutschen Marine. Unter dem 2013 verstorbenen Günter Fromm, bis 1985 Befehlshaber der Flotte, wurde die "Mölders" im Herbst 1969 in Dienst gestellt. In den 34 Jahren bis zu ihrer Stilllegung legte sie mehr als 675.000 Seemeilen im Atlantik und Mittelmeer zurück. Mit 35 Knoten, etwa knapp 65 Kilometer in der Stunde, und bis zu 334 Mann Besatzung war sie unterwegs.

Lange Wege für das "Schiff, das verbindet"

Auch lange Anfahrtswege scheinen niemanden abzuschrecken: Aus dem Saarland und Baden-Württemberg kommen Helfer. Die Kosten für die Übernachtungen während der mehrtägigen Einsätze in Wilhelmshaven tragen die Teilnehmer selbst, viele der Jüngeren haben sich extra Urlaub für das "PönEx" genommen. Warum sie all das in Kauf nehmen? Die Antwort ist einfach: "Das ist einfach was Besonderes hier", sagt beispielsweise Peter Kläger mit hörbar schwäbischen Akzent. Der Mann mit dem kurzen grauen Bart ist aus Stuttgart angereist. Fast 700 Kilometer Strecke liegen hinter ihm. Jetzt streicht er zusammen mit ein paar anderen Männern das Vorderdeck - und fühlt sich sichtlich wohl dabei: "Man hat ja viel Zeit auf diesem Schiff verbracht, da gibt es schon etwas wie eine Bindung." Und dann sei da noch die Kameradschaft. Man treffe Leute wieder, die man lange nicht gesehen habe. Aber auch neue Menschen lerne man kennen, die zu einem anderen Zeitpunkt mit der "Mölders" auf See unterwegs waren. "Das Schiff verbindet. Das ist eine ganz tolle Stimmung hier."

"Im Maschinenraum war es unglaublich heiß"

Tatsächlich spürt man überall die Faszination, die das gut 134 Meter lange, graue Schiff auch nach Jahrzehnten noch auf viele seiner ehemaligen Besatzungsmitglieder ausübt. "Das ist wirklich noch Technik zum Anfassen, so etwas gibt es heute gar nicht mehr", schwärmt Kai Hartmann. Der muskulöse Mittvierziger mit den tätowierten Armen und Beinen und dem geflochtenen Kinnbart war in den 1990er-Jahren als Heizer an Bord. Die "Mölders", benannt nach dem wegen seiner Nähe zum NS-Regime umstrittenen Luftwaffenoberst Werner Mölders, und ihre Schwesterschiffe waren die letzten Dampfschiffe der Marine. Mit ihrer Außerdienststellung endete eine Ära. Hartmann erinnert sich: "Da unten im Maschinenraum war es unglaublich heiß und dunkel, das war ungemütlich, das kann man sich auf moderneren Schiffen gar nicht mehr vorstellen." Trotzdem möchte er die Zeit auf dem Zerstörer nicht missen - genauso wenig wie alle anderen hier. Für viele schwingt offensichtlich ein bisschen Nostalgie bei der Arbeit mit. Aber auch der Wunsch, etwas zurückzugeben für die Zeit an Bord, die fast alle als prägend empfunden haben.

Ohne die Helfer keine so umfassende Pflege

Während die Helfer an Bord mit ihren Instandsetzungsarbeiten beschäftigt sind, schaut auch Museumsdirektor Stephan Huck auf dem Freigelände vorbei. Er weiß genau, was er an den "PönExern" und ihrem Engagement hat: "Wir können die 'Mölders' aus eigener Kraft gar nicht so gut pflegen. Nicht nur, dass wir gar nicht so viele Kapazitäten im Museum haben, wir wissen natürlich auch lange nicht so gut über das Schiff Bescheid wie die ehemaligen Besatzungsmitglieder, die Monate oder sogar Jahre auf ihm Verbracht haben." Sie brächten viel Fachwissen mit und steckten viel Herzblut in die Arbeiten. "Man merkt einfach, wie wichtig das Schiff für viele Menschen auch heute noch ist."

Was nicht geschafft wird, wird nachgeholt

Insgesamt fünf Tage dauert die große "PönEx" in diesem Jahr. Ganz fertig werden die Freiwilligen aber wohl nicht mit ihrer Arbeit. "Eigentlich bleibt immer irgendwas zu tun übrig", erzählt Organisator Serke. Das liege allerdings nicht nur an der vielen Arbeit, sondern auch daran, dass hin und wieder etwas Material fehlt. An freiwilligen Arbeitskräften mangele es nicht, nur würden hin und wieder Sach- und Geldspenden fehlen. "Schließlich stemmen wir hier ganz viel selbst, und auch wenn das Museum natürlich mithilft, fehlen dann doch mal Farbe oder Werkzeuge", so Serke. Allerdings schränkt er dann gleich wieder ein: Das sei zwar ein bisschen ärgerlich, aber letztlich nicht entscheidend. "Alles, was wir dieses Mal nicht schaffen, erledigen wir dann bei der zweiten 'PönEx' im September. Oder eben nächstes Jahr".

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.06.2016 | 19:30 Uhr

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