Stand: 29.10.2018 21:46 Uhr

Ihr Bauchgefühl brachte die Högel-Morde ans Licht

Kathrin Lohmann hat nicht locker gelassen: Ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass das ganze Ausmaß der Taten Högels ans Licht kommt.

Es hat ihr alles keine Ruhe gelassen. Dieser abrupte Tod. Dieses Bauchgefühl. Dieser Verdacht. Als Kathrin Lohmanns Mutter am 27. März 2003 auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst stirbt, ist der Tochter bereits klar: Da stimmt irgendwas nicht. Es ist der Beginn eines langen Kampfes für Aufklärung, für Gerechtigkeit. Und es ist der Beginn einer langen Leidensgeschichte für die damals 26-Jährige. Der ungeklärte Tod der Mutter lässt Kathrin Lohmann nicht mit dem Verlust abschließen. Sie wird depressiv, kann nicht mehr arbeiten. Es dauert bis 2009, bis die Justiz endlich die Leiche von Brigitte Arndt, Lohmanns Mutter, exhumieren lässt. Im Körper der verstorbenen Mutter finden die Gerichtsmediziner Ajmalin, einen Wirkstoff, der im Medikament Gilurytmal enthalten ist. Jenes Medikament, mit dem der Krankenpfleger Niels Högel schon zuvor Patienten ermordet hatte und deswegen seit 2009 in Haft ist. Dank der Hartnäckigkeit von Kathrin Lohmann steht Niels Högel ab Dienstag vor Gericht - wegen des Vorwurfs, 100 weitere Patienten ermordet zu haben.

Ein überraschender Tod

Der Tod der Mutter 2003 sei "absolut überraschend" gekommen, erzählt Lohmann später im NDR Interview. Schließlich habe sich die 61-Jährige bereits auf dem Weg der Besserung befunden. Die lungenkranke Brigitte Arndt, selbst Krankenschwester, hatte ein Koma gut überstanden, sollte auf eine Normalstation verlegt werden. Dann kommt nachts plötzlich der Anruf. Eine Männerstimme sagt: Der Kreislauf der Mutter sei instabil, die Tochter solle herkommen. Als Kathrin Lohmann auf der Intensivstation In Delmenhorst eintrifft, ist die Mutter tot. Erst im Gerichtssaal beim zweiten Prozess 2014 wird sie die Stimme, die sie von der Intensivstation anrief, wiedererkennen: Sie gehört Niels Högel.

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"Ich wollte wissen, was geschehen war, mit allen Mitteln"

Dass es überhaupt zu diesem Prozess gekommen ist, ist vor allem der Hartnäckigkeit von Kathrin Lohmann zu verdanken. Als sie 2008, also fünf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, von der ersten Verurteilung des Krankenpflegers Niels H. liest, weiß sie: Es ist mehr als nur ein Bauchgefühl, was sie die vergangenen Jahre nicht losgelassen hat. Sie ruft die Kriminalpolizei in Delmenhorst an. Die findet zwar heraus: Niels Högel hatte am 27. März 2003 Dienst, als Brigitte Arndt starb. Doch die Staatsanwaltschaft Oldenburg wird trotz vieler Indizien zunächst nicht aktiv. Der ehemalige Krankenpfleger sei doch bereits verurteilt, bekommt Lohmann von einem Mitarbeiter der Behörde mitgeteilt. Auch Familie und Freunde können nicht verstehen, warum sie mit dem Tod der Mutter nicht abschließen kann. "Ich war allein", sagte Lohmann der Oldenburger "Nordwest-Zeitung" (NWZ). "Aber ich wollte jetzt wissen, was geschehen war, mit allen Mitteln."

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Staatsanwaltschaft zögert lange

Vom ganzen Ausmaß der Taten Niels Högels kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen. Ihr Drängen auf eine Exhumierung der Leiche ihrer Mutter hat zunächst keinen Erfolg. Die Behörde stellt infrage, "ob sich das denn lohnt". Schließlich sei so etwas teuer. Erst nach langem Zögern und vielen Nachfragen von Kathrin Lohmann lässt die Staatsanwaltschaft 2009 insgesamt acht Leichen exhumieren. Es dauert zwei Jahre, bis sie - erst auf Nachfrage - erfährt, dass im Körper ihrer Mutter tatsächlich Spuren des Herzmittels Gilurytmal gefunden wurde. Und weitere drei Jahre, bis das Ganze vor Gericht geht: Fünf Fälle, bei denen die Ermittler Gilurytmal nachweisen können, werden im zweiten Prozess gegen Högel ab 2014 verhandelt. Auch von diesem Verfahren erfährt Lohmann nur aus der Zeitung. Und nur auf Nachfrage bestätigt ihr die Polizei, dass es in dem Prozess auch um den Todesfall von Brigitte Arndt - ihrer Mutter - geht. Am 26. Februar 2015 wird Niels Högel schließlich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Nach dem Urteil: 134 Exhumierungen auf 67 Friedhöfen

Parallel zu dem Prozess wird das Ausmaß der Taten immer deutlicher: Im November 2014 wird die Sonderkommission "Kardio" gegründet - die Ermittler untersuchen alle fragwürdigen Todesfälle, die Niels Högel möglicherweise zugeordnet werden könnten. Mehr als 500 Patientenakten werden ausgewertet. Die Folge: Die Staatsanwaltschaft ordnet die Exhumierung von 134 Leichen auf 67 Friedhöfen an. Im März 2015 werden die ersten Gräber geöffnet, in 99 Fällen finden die Ermittler auffällige Spuren von Medikamenten.

126 Nebenkläger im neuen Prozess

Ab Dienstag werden diese 99 Fälle in Oldenburg im bundesweit größten Mordprozess der Nachkriegszeit verhandelt. Eine weitere Tötung, die Högel erst vor Kurzem gegenüber einem psychologischen Sachverständigen eingestanden hatte, wurde ebenfalls noch zur Anklage zugelassen. Nun geht es um den mutmaßlichen Mord an 100 Menschen, wegen derer sich der Ex-Krankenpfleger verantworten muss. 126 Angehörige der Opfer sind als Nebenkläger im Prozess vertreten. Auch dank der Hartnäckigkeit von Kathrin Lohmann könnten sie nun Klarheit über das Schicksal der Verstorbenen bekommen.

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Hallo Niedersachsen | 30.10.2018 | 19:30 Uhr

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