Stand: 07.06.2019 19:24 Uhr

Högel-Urteil: Klinikchef Tenzer rechtfertigt sich

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Klinik-Chef Dirk Tenzer steht wegen seines Verhaltens bei den Ermittlungen im Fall Niels Högel in der Kritik. (Archivbild)

In einer Stellungnahme hat der Vorstandsvorsitzende des Klinikums Oldenburg, Dirk Tenzer, nach dem Urteil gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel die deutliche Kritik von Richter Sebastian Bührmann zurückgewiesen. Bührmann hatte den Aufklärungswillen von Tenzer in Frage gestellt, da dieser eine Strichliste mit Sterbefällen sowie weitere wichtige Protokolle jahrelang unter Verschluss gehalten haben soll. Außerdem sei offenbar durch von der Klinik bezahlte Zeugenbeistände versucht worden, Mitarbeiter in ihren Aussagen zu beeinflussen.

Klinik betont vorbehaltlose Aufklärung

"Das Klinikum Oldenburg unterstützt seit September 2014 vorbehaltlos die Aufklärung der Vorfälle in unserem Haus rund um Niels Högel", heißt es in der Mitteilung von Tenzer. "Diese vorbehaltlose Offenheit ist bis heute geblieben." Die Klinik habe der Staatsanwaltschaft maßgebliche Unterlagen aus der fraglichen Zeit zur Verfügung gestellt, um die Ermittlungen tatkräftig zu unterstützen. Nicht erwähnt wird jedoch, warum Tenzer Protokolle von Mitarbeitergesprächen und die im Prozess vieldiskutierte Strichliste bis 2016 unter Verschluss hielt. In seiner Vernehmung hatte dies mit Vertrauensschutz beziehungsweise nicht erkannter Relevanz begründet. Bührmann sprach von einem "unglücklichen Auftritt" des Klinikchefs.

Kritik an Richter Bührmann

Tenzer rechtfertigte in seiner Stellungnahme auch die Bereitstellung von Zeugenbeiständen für die Mitarbeiter des Klinikums. Dieses Angebot sei ein selbstverständlicher Teil der Fürsorge, betonte er. "Für uns ist es daher unverständlich, was der Vorsitzende Richter konkret an dem Vorgehen des Klinikums Oldenburg verwerflich findet." Das Klinikum habe und werde auch in Zukunft keinen Einfluss auf Zeugenaussagen nehmen. Bührmann hatte eine merkwürdige Uniformität im Aussageverhalten der Oldenburger Zeugen  bemängelt. "Es gab auffälligen Unwillen und Vertuschungen", sagte er. Als Folge hatte er insgesamt acht Zeugen vereidigt, gegen die jetzt wegen Meineids ermittelt wird.

Tenzer spricht von Vorverurteilung der Zeugen

Dass die Zeugen absichtlich wichtige Informationen zurückgehalten haben, stellt Tenzer ausdrücklich in Frage. "Auf bewusste Erinnerungslücken abzustellen, obwohl die Ermittlungen erst mit einer deutlichen Verzögerung von 15 Jahren begonnen haben und allein dies schon deutliche Erinnerungslücken hervorrufen kann, kommt einer Vorverurteilung der Zeugen gleich", schreibt Tenzer. Auch er hätte sich gewünscht, dass die Zeugenaussagen umfassend zur Wahrheitsfindung beitragen, was leider nicht der Fall gewesen sei.

Marbach fordert Tenzers Absetzung

Der Sprecher der Angehörigen, Christian Marbach, hält Tenzer aufgrund seines Verhaltens für nicht mehr tragbar. "Nach dem was der Richter nochmal in aller Öffentlichkeit gesagt hat, kann es nur eine einzige Lösung geben", sagte er. "Der Träger des Klinikums Oldenburg muss diesen Menschen umgehend aus seiner Position entfernen." Das Vertrauen, das Tenzer zerstört habe, lasse sich durch nichts mehr reparieren.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 07.06.2019 | 18:00 Uhr

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