Stand: 08.03.2019 07:01 Uhr

Högel-Prozess: Zeuge bringt Richter auf die Palme

von Oliver Gressieker

Es ist ein stetes, fast schon gebetsmühlenartiges Nachbohren auf der Suche nach der Wahrheit: Bei den Vernehmungen im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel vor dem Oldenburger Landgericht muss der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann ein enormes Maß an Geduld aufbringen. Insgesamt 26 frühere Kollegen von Högel an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst hat er mittlerweile befragt und damit diese Phase des Verfahrens am Donnerstag abgeschlossen. Dabei ist Bührmann auf massive Widerstände gestoßen: ahnungslose Ärzte, desinteressierte Krankenschwestern und Pfleger, die sich an nichts mehr erinnern wollen. Gegen sieben von ihnen wird mittlerweile sogar wegen Meineids ermittelt.

Niels Högel im Gespräch mit seiner Anwältin.

Högel-Prozess: Zeugen mit Erinnerungslücken

Hallo Niedersachsen -

Im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel haben weitere Zeugen ausgesagt. Sie konnten sich teilweise nur schlecht erinnern - Angehörige der Opfer sind aufgebracht.

4,1 bei 10 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Richter bemängelt "uniformes" Aussageverhalten

Auch am 14. Verhandlungstag wird Bührmanns Geduld wieder bis aufs Äußerste strapaziert. Verantwortlich dafür ist ein Oldenburger Krankenpfleger, der wie viele seiner Kollegen zuvor mit einem von der Klinik gestellten Zeugenbeistand erscheint. Schnell wird klar, dass sich der 51-Jährige an so gut wie gar nichts erinnern kann oder will. Bei der Frage nach möglichen Diskussionen über unerklärlich hohe Kalium-Werte platzt Bührmann schließlich der Kragen. "Jedes Mal, wenn ich Zeugen aus Oldenburg darauf anspreche, wollen sie mir erst mal grundsätzlich erklären, was das Problem mit Kalium ist", beklagt der Richter. "Das Antwortverhalten der Oldenburger ist auffällig uniform." Diesen Vorwurf lässt wiederum der Zeugenbeistand nicht auf sich sitzen. Der Anwalt fordert Bührmann dazu auf, seine Wut über andere Zeugen nicht an seinem Mandanten auszulassen. Die Stimmung im Saal ist spürbar gereizt.

Krankenpfleger hat frühere Aussagen vergessen

Am Aussageverhalten des Krankenpflegers ändert das jedoch nichts. Besonders eklatant kommen dessen Erinnerungslücken zum Vorschein, als er mit dem Protokoll seiner polizeilichen Vernehmung aus dem Jahr 2015 konfrontiert wird. Damals soll der 51-Jährige unter anderem angegeben haben, dass ihm eine namentlich genannte Kollegin berichtet habe, dass es nach dem Wechsel von Högel in die Anästhesie auch dort Reanimationsmaßnahmen gegeben haben soll. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sagt der Zeuge, dass er sich heute überhaupt nicht mehr daran erinnern könne. Bei weiteren Nachfragen wendet er sich immer wieder hilfesuchend an seinen Zeugenbeistand, worauf Bührmann sichtlich genervt reagiert. "Wenn Sie soufflieren, schwächen Sie Ihren Mandaten",  weist er den Anwalt zurecht. Als der Krankenpfleger im direkten Widerspruch zur Aussage eines früheren Kollegen ausschließt, dass es Gespräche über einen Maulkorb durch die Klinik-Verantwortlichen und eine anonyme Anzeige gegen Högel gegeben hat, beendet Bührmann die Vernehmung und vereidigt den Zeugen. Damit erhöht sich die Zahl der Vereidigungen auf acht. Sie alle waren oder sind noch im Klinikum Oldenburg beschäftigt.

Weitere Informationen

Högel: Zeugin beklagt Maulkorb durch Klinik

Im Mordprozess gegen Ex-Pfleger Niels Högel hat eine Intensivschwester von Verdachtsmomenten berichtet. Der Chef habe nicht gehandelt, sondern einem Kollegen einen "Maulkorb" verpasst. (07.03.2019) mehr

Zeugin berichtet von Verdachtsmomenten

Ganz anders präsentieren sich am Vormittag drei Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst, die bei ihren Vernehmungen auf anwaltliche Unterstützung verzichten. Besonders detailliert ist die Aussage einer langjährigen Krankenschwester. Die 57-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund und berichtet mit deutlichen Worten von Verdachtsmomenten gegen Högel. Im Kollegenkreis sei aufgrund der zunehmenden Notfälle darüber gesprochen worden, dass irgendetwas nicht stimme. "Einige Mitarbeiter haben sogar aus Angst keine Nachtdienste mehr gemeinsam mit Högel machen wollen", sagt sie. Es habe etwas im Raum gestanden, was sich niemand so richtig erklären konnte.

Wut wegen Maulkorbs von Stationsleitung

Wirklich konkret sei der Verdacht im Mai 2005 etwas sechs Wochen vor dem Auffliegen von Högel geworden, schildert die Zeugin. Ein Krankenpfleger habe damals in einem Patientenzimmer vier verdächtige Ampullen gefunden und daraufhin den Stationsleiter informiert. Obwohl das Medikament auf der Station von Ärzten nie verordnet wurde, sei der Kollege abgewiesen worden. "Er kam nach dem Gespräch zurück und sagte, dass uns das Maul verboten werde", so die 57-Jährige. "So sauer wie an diesem Tag habe ich ihn noch nie zuvor erlebt." Die Krankenschwester berichtet zudem, dass der deutlich erhöhte Gilurytmal-Verbrauch ein Thema war und Högel als einziger Pfleger Spritzen in seiner Kitteltasche herumtrug. Bei Bührmann kommen diese offenen Worte sehr gut an. "Ich merke, dass Sie das ungebremst nennen, was Sie in Erinnerung haben", betont der Richter.

Multimedia-Doku
Multimedia-Doku

Niels Högel: Die Morde eines Krankenpflegers

Niels Högel soll mehr als 100 Patienten getötet haben. Die wohl größte Mordserie der Nachkriegszeit, begünstigt von beispiellosem Versagen. Eine Multimedia-Doku, optimiert für Desktop-Nutzung. mehr

Lob für Högels fachliche Qualitäten

Eine Ärztin, die mit Högel in Delmenhorst zusammenarbeitete, lobt in ihrer Aussage die fachlichen Qualitäten des Ex-Krankenpflegers. "Ich habe immer gedacht, dass meine Patienten bei ihm gut aufgehoben sind", betont sie. "Es fiel zwar auf, dass er oft bei Reanimationen dabei war, aber er konnte das ja auch gut." Selbst als Högel im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt wurde, habe sie noch an seine Unschuld geglaubt. Nach seiner Beurlaubung habe sie Högel bei der Pflegedienstleitung sitzen gesehen und zu ihm gesagt: "Niels, das klärt sich bestimmt alles auf." Von dem erhöhten Gilurytmal-Verbrauch habe sie erst später erfahren, berichtet die Zeugin. Allerdings sei sie zu dieser Zeit auch nur noch gelegentlich auf der herzchirurgischen Intensivstation gewesen.

"Rettungs-Rambo" als Spitzname für Högel

Auch ein 67-jähriger Krankenpfleger beschreibt Högel als lustigen Kollegen, der seine Arbeit teilweise sogar "brillant" gemacht habe. Aufgrund der vielen Reanimationen habe er mit der Zeit allerdings den Spitznamen "Rettungs-Rambo" bekommen. "Er war bei Notfällen immer der Erste und hat teilweise sogar die eigentlich zuständigen Kollegen zur Seite gedrängt", so der Rentner. Gerade die unerfahreneren Ärzte seien jedoch froh gewesen, wenn Högel die Wiederbelebungen in die Hand genommen und technisch einwandfrei durchgeführt habe.

Rechtsmediziner werden befragt

Heute soll der Prozess mit der Befragung von zwei rechtsmedizinischen Sachverständigen fortgesetzt werden, die die Exhumierungen und Obduktionen der Verstorbenen begleitet haben. Laut Bührmann dürfte es dann in erster Linie um die fünf Fälle gehen, bei denen Högel den Mordvorwurf ausdrücklich bestreitet. 43 der angeklagten Taten hat Högel eingeräumt, an die übrigen Todesfälle kann er sich nach eigenen Angaben nicht erinnern. Außerdem wird die Kammer den neuen Gutachter Henning Saß über die von ihm verpassten Prozesstage informieren. Der bisherige psychiatrische Sachverständige Konstantin Karyofilis war wegen einer schweren Erkrankung ausgefallen. Für Ende März hat Bührmann zudem die Befragung von Högels Psychologin angekündigt.

Weitere Informationen

Weitere Ermittlungen wegen Meineids

Im Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Högel wird gegen drei weitere Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg ermittelt. Sie stehen unter Verdacht, als Zeugen gelogen zu haben. (28.02.2019) mehr

Arzt verweist auf Gedächtnislücken

Im Mord-Prozess gegen Ex-Krankenpfleger Högel hat sich ein früherer Oberarzt mehrfach auf fehlende Erinnerungen berufen. Er berichtete jedoch von einem "Reanimations-Wochenende". (22.02.2019) mehr

Högel-Prozess: Mühsame Suche nach der Wahrheit

Im Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel sind erneut zwei frühere Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg vernommen worden. Beide wollten sich an vieles nicht erinnern können. (21.02.2019) mehr

Vom Krankenpfleger zum Serienmörder

Er sei ein unauffälliger Schüler gewesen, wurde als heldenhafter Krankenpfleger gefeiert und ist nun wegen 100-fachen Mordes angeklagt. Wie wurde Niels Högel zu dem, der er ist? (30.10.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 07.03.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:03
Hallo Niedersachsen
02:19
Hallo Niedersachsen
03:13
Hallo Niedersachsen