Stand: 22.01.2019 19:08 Uhr

Högel-Prozess: Pfleger erhebt schwere Vorwürfe

von Oliver Gressieker

Sie haben beide mit dem Patientenmörder Niels Högel auf der Station 211 der Herzchirurgie am Klinikum Oldenburg zusammengearbeitet. Doch der Auftritt der beiden Zeugen am Dienstag im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger vor dem Oldenburger Landgericht könnte unterschiedlicher kaum sein: Während ein ehemaliger Pflegerkollege ausführlich über massive Verdachtsmomente in Bezug auf Högel berichtet und Vorwürfe gegen die Klinikleitung erhebt, kann sich der damalige Oberarzt trotz zahlreicher Nachfragen an kaum etwas erinnern. Zentraler Punkt ist dabei die Frage, was die Klinikmitarbeiter von Högels Manipulationen mit überdosierten Medikamenten mitbekommen haben. Dem Ex-Krankenpfleger werden 100 Morde an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst zur Last gelegt.

Der Angeklagte Nils Högel.

Högel-Prozess: Kollege erhebt schwere Vorwürfe

Hallo Niedersachsen -

Im Mordprozess gegen Niels Högel hat ein ehemaliger Kollege schwere Vorwürfe erhoben. Demnach gab es früh einen Verdacht gegen den Ex-Pfleger, dem das Klinikum Oldenburg nicht nachging.

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Pfleger benennt erste Verdachtsmomente

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Der achte Verhandlungstag beginnt mit der Vernehmung des Pflegers, der rund 50 gemeinsame Dienste mit Högel gemacht hat. Mit klaren Worten beschreibt er den Angeklagten als selbstbewussten Mitarbeiter, der sich nahtlos in das System der elitären Herzchirurgie eingefügt habe. Schon schnell sei allerdings aufgefallen, dass Högel außergewöhnlich häufig an Wiederbelebungen beteiligt gewesen sei. Der Pfleger nennt zwei konkrete Fälle im Dezember 1999 und Februar 2000, in denen erhöhte Kaliumwerte bei den Patienten festgestellt worden seien. "Es wurde auf der Station darüber gesprochen, bewusste Manipulationen konnten wir uns damals aber noch nicht vorstellen", betont er. Als sich im Herbst 2000 die Reanimationen häuften, habe es im Kollegenkreis erste lockere Sprüche vom "Pechvogel" gegeben. Eine Kollegin mit Berliner Schnauze habe gar gesagt: "Oh je, der Todes-Högel hat wieder Dienst." Wirklich konkretes Misstrauen habe es allerdings bis zum Ausscheiden von der Station Ende März 2001 nicht gegeben, so der Zeuge.

Am "Horror-Wochenende" kippt die Stimmung

Das änderte sich nach Angaben des Pflegers in den folgenden Monaten. Dabei beruft sich der 55-Jährige auf einen Kollegen, der auch sein Trauzeuge war. Er schildert, dass laut seinem Freund die Stimmung auf der Station "endgültig kippte", als es an einem "Horror-Wochenende" im September 2001 eine zweistellige Zahl an Reanimationen und vier Todesfälle gegeben habe. Ab da sei vielen Mitarbeitern klar gewesen, dass Högel offensichtlich Patienten schädigen würde. Dieser Verdacht sei auch Vorgesetzten gemeldet worden - ohne Konsequenzen. Als Högel später in die Anästhesie versetzt wurde, habe bei den Kollegen Fassungslosigkeit geherrscht. "Man wollte Högel auf höchster Ebene von der Station haben", so der Pfleger.

Mitarbeiter zum Schweigen aufgefordert?

In der Folge weitet der Zeuge seine Vorwürfe gegen die Klinikleitung aus. Nachdem Högel 2005 in Delmenhorst auf frischer Tat ertappt wurde, habe in Oldenburg große Geschäftigkeit geherrscht, berichtet er. Eine Akte sei von der Oberin "mit wehender Haube" abgeholt und weitere Unterlagen entfernt worden. Außerdem sei den Mitarbeitern signalisiert worden, nicht mehr über den Fall zu reden. "Dabei ist sofort klar gewesen, dass Delmenhorst nur die Spitze des Eisbergs ist", betont der Zeuge.

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Vorwürfe gegen Klinikum Oldenburg

2006 hätten Kollegen ihn gebeten, anonym Anzeige gegen Högel zu erstatten. Wegen einer schweren Depression habe er dies abgelehnt und sie aufgefordert, selbst aktiv zu werden. Danach sei nichts mehr passiert - vermutlich aus Angst vor beruflichen Nachteilen. 2014 sei er schließlich selbst zur Polizei gegangen. Viele Kollegen, darunter auch sein Trauzeuge, hätten daraufhin frühere Angaben bestritten und sich von ihm abgewendet. Die Klinik wiederum habe ihm einen von ihr bezahlten Anwalt zur Seite stellen wollen, der seine Angaben kontrollieren wollte. "Ich habe das abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich auf eine bestimmte Linie gebracht werde", erklärt der 55-Jährige. "Ich möchte aber weiter frei reden und zur Aufklärung beitragen."

Kaum Erinnerungen bei Oberarzt

Beim zweiten Zeugen des Tages, einem Oberarzt aus der Herzchirurgie, entsteht dieser Eindruck nicht. Der 60-Jährige, der in Begleitung eines Klinik-Anwalts erscheint, macht einen äußerst nervösen Eindruck und kann trotz zahlreicher Nachfragen wenig verwertbare Informationen liefern. Erinnern Sie sich an einen unerklärlichen Todesfall? Erinnern Sie sich an ein Gespräch mit Högel? Erinnern Sie sich an eine Konferenz wegen des erhöhten Kalium-Verbrauchs auf der Station? Egal, welche Frage der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann auch stellt, die Antwort lautet fast immer: "Nein, tut mir leid." Gleich mehrfach geht daraufhin ein lautes Raunen durch den Saal.

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Keine Kenntnis von Strichliste

Auch von einer Strichliste, die im Prozess als Beweisstück dient, will der Oberarzt nichts gewusst haben. Aus diesem von der Stationsleitung erstellten Schriftstück geht hervor, dass Högel deutlich häufiger als seine Kollegen an Reanimationen beteiligt war. Er sehe die Liste zum ersten Mal, beteuert der Mediziner. Sie sei nicht in seinem Beisein erörtert worden. Ein handschriftlicher Vermerk unter der Liste weist darauf hin, dass die Beweislage nach Einschätzung von Klinikleitung und Pflegedienstleitung keinesfalls ausreiche, um die Staatsanwaltschaft zu informieren. Eine Gefährdung der Abteilung und der Klinik ausgehend von Verdachtsmomenten sei nicht zu akzeptieren.

Richter lässt Zeugen vereidigen

Der Oberarzt bestreitet auf Nachfrage der Kammer, von der Klinikleitung Vorgaben bekommen zu haben. "Mir hat niemand einen Maulkorb verpasst", sagt er. Richter Bührmann scheint von den Aussagen nicht wirklich überzeugt zu sein. Es sei für ihn nur schwer nachzuvollziehen, dass der Zeuge als zweiter Mann nach dem Chefarzt nicht tiefer in den Fall involviert gewesen sei, betont er. Anders als beim zuvor vernommenen Pfleger entscheidet er sich deshalb dafür, den Zeugen zu vereidigen. Dieser Schritt sei sehr ungewöhnlich, erläutert Gerichtssprecherin Melanie Bitter nach der Verhandlung.

Deutliche Worte des Pflegers

Im Anschluss an die Vernehmung des Oberarztes wird der Pfleger am Nachmittag noch einmal in den Zeugenstand gebeten. Die Behauptung des Mediziners, die Pflegekräfte nicht zu kennen, bezeichnet er als "völlig unglaubwürdig". Außerdem bezweifelt er mit deutlichen Worten, dass der Arzt von den Auffälligkeiten rund um Högel nichts wusste. "Da muss man unter Narkose gestanden haben, wenn man das nicht mitbekommen haben will."

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Hallo Niedersachsen | 22.01.2019 | 19:30 Uhr

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