Stand: 25.04.2019 19:44 Uhr

Högel-Prozess: Ein bisschen Ungewissheit bleibt

von Oliver Gressieker
Niels Högel muss sich wegen Mordes in 100 Fällen vor dem Landgericht Oldenburg verantworten.

Für die Nebenkläger im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel geht es vor allem um eins: Nach jahrelanger Ungewissheit wollen sie endlich Klarheit darüber haben, ob ihre Angehörigen umgebracht worden sind. Kurz vor Abschluss der Beweisaufnahme vor dem Oldenburger Landgericht zeichnet sich allerdings ab, dass dies nicht in allen Fällen zweifelsfrei gelingen wird. Problematisch ist der Nachweis in knapp 40 der 100 angeklagten Taten, bei denen Högel Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mit Lidocain getötet haben soll. Der Wirkstoff, der bei den Exhumierungen in den Überresten der Verstorbenen entdeckt wurde, kommt nämlich auch in Gels und Sprays vor, die bei vielen Betroffenen zum Legen von Sonden und Kathetern benutzt wurden.

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Lidocain im Zentrum der Verhandlung

Um Licht in die Problematik zu bringen, hat der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann am 20. Verhandlungstag erneut den toxikologischen Sachverständigen Jörg Teske und den medizinischen Gutachter Wolfgang Koppert geladen. Die Verhandlung nimmt dabei zeitweise Züge eines wissenschaftlichen Vortrags an. Teske erläutert ausführlich die Halbwertszeit von Lidocain, die je nach Gesundheitszustand des Patienten zwischen knapp zwei und zehn Stunden liege. Außerdem zitiert er aus wissenschaftlichen Untersuchungen über die Nachweisbarkeit.

Kein hundertprozentiger Nachweis möglich

Die Quintessenz von Teskes Ausführungen dürfte den betroffenen Angehörigen nur bedingt weiterhelfen. "Letztlich kann man aufgrund der vorliegenden Daten nicht zu 100 Prozent sagen, ob mit Lidocain manipuliert wurde oder nicht", sagt der Toxikologe. "Wir können nicht ausschließen, dass der positive Nachweis in einzelnen Fällen durch die Gels hervorgerufen wurde." Dies sei aber eher unwahrscheinlich. Exaktere Angaben seien nicht möglich, da man aus den gefundenen Spuren in den Geweberesten keine Rückschlüsse auf die gegebenen Mengen ziehen könne. Insofern, betont Teske, habe die medizinische Einordnung seines Kollegen Koppert mehr Relevanz.

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Deutliche Hinweise für Manipulationen

Der angesprochene Gutachter geht im Anschluss noch einmal sämtliche Fälle durch, bei denen Högel Patienten mit Lidocain getötet haben soll. Dabei beruft sich Koppert unter anderem auf Teskes Ausführungen, wonach der Wirkstoff in der Regel spätestens nach 100 Stunden aus dem Körper ausgeschieden wird. Bei Patienten, denen Lidocain zum Beispiel beim Legen einer Magensonde letztmals mehr als 100 Stunden vor dem Tod gegeben wurde, geht er mit großer Sicherheit von einer Manipulation aus. In zahlreichen Fällen verschärft er seine bisherige Einschätzung sogar von "wahrscheinlich" auf "sehr wahrscheinlich", was er mit 98 bis 99 Prozent definiert. Bei den Patienten, denen der Wirkstoff erst relativ kurz vor dem Ableben verabreicht wurde, spricht Koppert dagegen in der Regel  von einer "möglichen" oder "nicht auszuschließenden" Manipulation.

Högels Verteidigerin kann nicht folgen

Wie kompliziert die Thematik ist, zeigt sich bei einem Dialog zwischen Teske und Koppert, in dem es um die "agonale Phase" - die Zeit kurz vor dem Eintreten des Todes - geht. Högels Verteidigerin unterbricht die Gutachter mit den Worten: "Ich habe ihr Gespräch schlichtweg nicht kapiert. Können Sie mir das nochmal erklären?" Das zustimmende Raunen im Saal lässt vermuten, dass es vielen Nebenklägern und Zuhörern ähnlich geht.

Gutachter hält Högel trotz Störung für schuldfähig

Deutlich verständlicher ist das zum Abschluss der Verhandlung vorgetragene Gutachten des Psychiatrie-Professors Henning Saß zur Schuldfähigkeit von Högel. Seiner Ansicht nach liegen bei dem Angeklagten auffällige Persönlichkeitsmerkmale vor, die unter den juristischen Begriff der "schweren anderen seelischen Abartigkeit" fallen. Der Gutachter sprach von einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, emotionaler Labilität und einer Neigung zum Missbrauch von Substanzen. Diese Störungen würden aber nicht die Schuldfähigkeit einschränken, so Saß. Högel sei kein gravierend psychisch kranker Mensch.

Bündel von möglichen Motiven

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Der psychiatrische Gutachter Henning Saß (l.) sieht mehrere Motive für Högels Taten.

Was Högels Motiv betrifft, geht Saß von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Aspekte aus. Der Angeklagte habe ein starkes Geltungsbedürfnis gehabt und Herr über Leben und Tod sein wollen, so der 74-Jährige. Außerdem habe er sich in Konkurrenz zu den Ärzten gesehen, die er oft als inkompetent und arrogant empfand. Ein weiterer Punkt sei die ausgeprägte Entpersonalisierung der Patienten. Für Högel seien gute Patienten diejenigen gewesen, die ein grünes Tuch über dem Körper hatten und nicht redeten. Mit den Reanimationen habe Högel seine Suche nach Sensationen befriedigt und gleichzeitig Gefühle der Unlust bekämpft.

Psychiater spricht sich für Sicherungsverwahrung aus

Saß betont, dass er bei Högel eine Sicherungsverwahrung durchaus für angemessen halte. "Der lange Zeitraum seiner Taten, die hohe Frequenz und die Kaltblütigkeit bei der Durchführung sprechen für eine Gefährlichkeit und eine negative Prognose", so der Psychiater. Es sei nicht auszuschließen, dass auf Basis von Högels Persönlichkeit, die sich in der Haft nicht spürbar verändert habe, in Zukunft auch andere Delikte passieren könnten. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann erwidert, dass dies ein schwieriger Punkt sei. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) könne bei vor 2011 begangenen Taten Sicherungsverwahrung nur angeordnet werden, wenn sie unerlässlich erscheint. Die Möglichkeit sei aber natürlich Teil der Beratungen der Kammer, so Bührmann.

Urteil voraussichtlich am 6. Juni

Fortgesetzt wird der Prozess am 16. Mai mit den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Anwältin Gaby Lübben, die einen Großteil der Angehörigen vertritt. Am darauffolgenden Tag sollen die übrigen Vertreter der Nebenkläger Stellung zum Prozessverlauf beziehen. Drei Wochen später ist das Plädoyer der Verteidigung vorgesehen, ehe Bührmann nach derzeitigem Stand am 6. Juni das Urteil spricht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 25.04.2019 | 18:00 Uhr

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