Femizide: Töten aus Hass - Land will Frauen besser schützen

Stand: 25.04.2022 19:12 Uhr

An jedem dritten Tag stirbt bundesweit eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. Auch in Niedersachsen gibt es viele Fälle und betroffene Angehörige. Wie aktuell eine Familie aus Delmenhorst.

von Marie-Caroline Chlebosch und Isabell Seifert

Der 21. Oktober 2021 ist der Tag, an dem Sadia I. ihr Leben verliert. Der mutmaßliche Mörder ist ihr Ehemann. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll er am Abend die gemeinsame Wohnung betreten, sie angegriffen und mit 21 Messerstichen tödlich verletzt haben. Offenbar vor den Augen der gemeinsamen Tochter. Sie ist damals acht Jahre alt. Am Dienstag soll vor dem Landgericht Oldenburg das Urteil fallen.

Bruder verfolgt jeden Prozesstag im Gericht

Seit März wird verhandelt, Sadias Bruder ist jedes Mal im Gerichtssaal dabei. "Das ist wirklich sehr schwer, dafür die richtigen Worte zu finden, wie man das Gefühl beschreiben kann, da zu sitzen und sich wirklich alles anzuhören: Was passiert ist, wie es passiert ist, was die Todesursachen waren", sagt Said I., seine Stimme wird brüchig. "Was mir wirklich Kraft gibt, das Ganze durchzustehen und jedes Mal dort zu sitzen, ihn zu sehen, ist, dass ich das für meine Schwester tue."

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Femizid: Tötung einer Frau aufgrund des Geschlechts

Ihr Ehemann tötete Sadia I. offenbar aus Eifersucht, denn wenige Minuten zuvor soll er auch einen Kellner in einer Bar in Delmenhorst erstochen haben. Der Mann verstirbt noch am mutmaßlichen Tatort, Sadia I. zwei Tage später im Krankenhaus. Die Tat: offenbar ein Femizid. Das Wort erlangte in den vergangenen Jahren bundesweit viel Aufmerksamkeit. "Femizid benennt, kurz gesagt, die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts", sagt Jara Streuer, Mitglied der Strafrechtskommission des Deutschen Juristinnenbunds. Es gebe unterschiedliche Phänomene, die darunter gefasst werden könnten, zum Beispiel Tötungen aus Frauenhass. "Die häufigste Form des Femizids sind sogenannte Partnerschaftstötungen", sagt die Juristin.

17 Tötungen im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik in Niedersachsen 17 Frauen im Kontext häuslicher Gewalt getötet, 29 versuchte Tötungen wurden registriert. Deutschlandweit stirbt nach Daten des Bundeskriminalamts etwa an jedem dritten Tag eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. Oftmals geht einem Femizid häusliche Gewalt voraus. Das zeigt sich auch in den Daten der polizeilichen Kriminalstatistik in Niedersachsen. "Allein in einem Drittel aller Femizide wurde es vorher irgendwann mal angekündigt und in 80 Prozent der Fälle gab es vorher schon Gewalt-Eskalationen in der häuslichen Umgebung", sagt Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). "Das alles macht es erforderlich, dass wir einerseits in der Strafgesetzgebung nachschärfen, aber andererseits auch in der Prävention noch mal genau hingucken."

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Mehr als 24.000 Fälle häuslicher Gewalt

Auf der Innenministerkonferenz im Dezember hatten sich Bund und Länder darauf geeinigt, in der Bekämpfung von Straftaten gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts gemeinsame Maßnahmen zu erarbeiten, die ein bundesweit einheitliches Vorgehen vorantreiben sollen. Im Fokus dabei steht neben Prävention und Forschung auch der direkte Umgang damit in der Ermittlungsarbeit. In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr 24.305 Fälle von häuslicher Gewalt polizeilich erfasst. In etwa 60 Prozent der Fälle handelte es sich um Körperverletzungsdelikte. Und das ist nur das Hellfeld, also die Taten, die angezeigt werden. Boris Pistorius betont, dass der Komplex häusliche Gewalt bereits einen hohen Stellenwert in Aus- und Weiterbildung habe, zugleich sagt der Minister: "Wir schärfen auch regelmäßig nach, weil wir genau das Problem sehen: Wir müssen noch besser darin werden, dass Polizistinnen und Polizisten bei häuslicher Gewalt besser in der Lage sind, Muster zu erkennen wie Wiederholungsmuster oder Eskalationsstufen, die sich abzeichnen können", so Pistorius. Ein Weg, der den Forderungen des Deutschen Juristinnenbundes entspricht: Mehr Bewusstsein bei Behörden für das Phänomen geschlechtsspezifischer Gewalt innerhalb von Partnerschaften.

Nicht jeder Femizid ist ein Mord

Dieses Bewusstsein gelte gleichermaßen für Richterinnen und Richter. "Erforderlich ist dafür, dass man die Taten auch als Femizide erkennt und eben die zugrunde liegenden Motivationen richtig würdigt", sagt Juristin Streuer. Denn längst nicht jede Tötung einer Frau wird vor Gericht auch als Mord gewertet und mit lebenslanger Freiheitsstrafe von mindestens 15 Jahren geahndet. Oft kommt es auch zu Verurteilungen wegen Totschlags und damit zu geringeren Strafen. Für ein Urteil wegen Mordes müssen bestimmte Merkmale erfüllt sein, zum Beispiel Heimtücke, Grausamkeit oder Habgier. Bei Femiziden rücken oft vor allem aber die niedrigen Beweggründe in den Blick. Eine Tat muss besonders verachtenswert sein, gegen alle Sitten, dann wird sie als Mord gewertet. Der Deutsche Juristinnenbund kritisiert seit Jahren, dass gerade bei Trennungstötungen die Beurteilung oft falsch laufe: "Gerichte sagen, dass es zwar einerseits für niedrige Beweggründe spricht, wenn der Täter einen exklusiven Besitzanspruch gegen das Opfer erhebt, aber auf der anderen Seite sagen Gerichte eben auch: Es spricht gegen niedrige Beweggründe, wenn die Tat aus Hoffnungslosigkeit oder aus Verzweiflung begangen wird. Oder daraus, dass der Täter sich ungerecht behandelt fühlt durch das Opfer", sagt Streuer.

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Forschung zu Femiziden

Bei Partnerschafts- oder Trennungstötungen komme meist beides zusammen, so Streuer. Deshalb gelte es genau zu betrachten, ob und welche Gewaltmuster einer solchen Tat zugrunde liegen: "Wenn ein Bewusstsein bestehen würde, könnte man solche Taten mit den rechtlich zur Verfügung stehenden Mitteln eigentlich gut erfassen." Um ein gesellschaftliches Bewusstsein zu stärken, bedürfe es außerdem mehr Forschung zu Femiziden, auch in Deutschland. In Niedersachsen gibt es bereits ein erstes Forschungsvorhaben, an dem auch das Kriminologische Forschungsinstitut (KfN) in Hannover beteiligt ist. Tillmann Barsch leitet das Projekt hier. Die Forschenden nehmen dafür alle Tötungsfälle aus dem Jahr 2017 mit weiblichen Opfern in den Blick. Ziel sei es, herauszufinden, "inwieweit die Taten einen geschlechtsmotivierten Hintergrund haben", sagt Bartsch. Dafür hat das KfN Kriterien erarbeitet: "Wenn die Frau sich trennt von einem Mann und der Mann ist der festen Überzeugung, die Frau als solche sei sein Besitz. Sie habe sich, weil sie eine Frau ist, nicht zu trennen und er sie deshalb tötet, dann wäre das ein eindeutiger Femizid". Wie viele so eindeutige Fälle den Forschenden allerdings begegnen, ist offen. In etwa drei Jahren soll es Ergebnisse geben.

Urteil nur ein Abschluss vor Gericht

Der Fall von Sadia I. geht am Dienstag vor Gericht zu Ende. Ihre Familie wird wieder dabei sein, sie hofft auf eine hohe Strafe. "Die Lücke zu füllen ist unmöglich", sagt ihr Bruder Said I. Er und seine Familie hoffen darauf, den Tod von Sadia I. irgendwann verarbeiten zu können.

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Hallo Niedersachsen | 25.04.2022 | 19:30 Uhr

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