Stand: 23.05.2018 07:16 Uhr

Zurück in Hannover: Mutter berichtet von Tortur

von Christina von Saß

Katharina Schmidt ist die Erschöpfung anzumerken: Sie hat tiefe Augenringe und wirkt noch schmaler als sonst, als sie am Dienstagvormittag aus dem Hauptbahnhof Hannover kommt. Ihren Töchtern hat sie ein Eis versprochen - Maryam und Hanna sitzen nebenan mit Freunden in einem Eiscafé, während ihre Mutter erzählt, welche Tortur die Familie hinter sich hat. Um Viertel nach fünf in der Früh setzte der Lufthansa-Flieger, der die Ärztin aus Hannover mit ihren beiden Töchtern in Sicherheit gebracht hat, in Frankfurt auf. Doch bis zuletzt war unklar, ob die tunesischen Behörden sie wirklich ausreisen lassen würden.

Katharina Schmidt im Interview vor dem Hannoveraner Bahnhof.

Mutter holt Töchter aus Tunesien zurück

Hallo Niedersachsen -

Hinter Katharina Schmidt liegt ein Nervenkrieg: Fast drei Jahre nachdem ihr Ex-Mann ihre beiden Töchter nach Tunesien verschleppt hatte, sind die Kinder zurück in Hannover.

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"Sie haben mich angebettelt"

Denn auch der - vorerst - letzte Akt in diesem Drama verlief dramatisch. Katharina Schmidt hat ihre Kinder nicht mit der ausdrücklichen Erlaubnis der Familie in Tunesien mitgenommen. Vielmehr hat sie ihre Töchter in deren Schule angetroffen und konnte auch - ohne Aufsicht - mit ihnen reden. Die Kinder wollten mit der Mutter mit. "Sie haben mich angebettelt", sagt Schmidt. Zwar hat sie sowohl in Deutschland als auch in Tunesien das Sorgerecht für die Töchter. Doch bis zuletzt war unklar, ob die Behörden am Flughafen die Aktion nicht als "Entführung" werten könnten. Aber alles ging gut.

Per Flugzeug und ICE in die Heimat

"Sie haben uns durchgelassen. Wir sind im Flieger", schreibt Katharina Schmidt in der Nacht um kurz vor drei. Selbst zu diesem Zeitpunkt allerdings hätte alles noch anders kommen können. "Sicher sind wir erst, wenn der Flieger abhebt", sagt ihre Schwester Maria Szur. Wie schon oft hat sie Katharina Schmidt auch bei diesem Versuch begleitet, die Kinder nach Hause zu holen. In der Nacht zu Dienstag lassen die tunesischen Behörden die Familie dann tatsächlich ausreisen. Gleich nach der Ankunft in Frankfurt steigt sie mit den Kindern in einen ICE, der sie wieder in die Heimat bringt - endlich.

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NDR 1 Niedersachsen

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"Kinder maximal traumatisiert"

Fast drei Jahre lang waren die beiden Mädchen weg von zu Hause. Die beiden sind groß geworden, neun und elf Jahre sind sie jetzt alt. Beide haben glänzende dunkelbraune Haare, sie reden sehr leise. Hanna versteht Deutsch nicht mehr gut - ihre große Schwester Maryam muss übersetzen. Bei dem Interview nach der Ankunft in Hannover sind sie nicht dabei, Katharina Schmidt will sie nicht noch stärker verunsichern. Es war sowieso schon schlimm, was die Mädchen in den vergangenen Tagen durchmachen mussten. "Das hat sie nochmal maximal traumatisiert", erzählt uns Katharina Schmidt. "Sie haben geweint, sie haben gesagt: Mama, ich hab' so Angst, dass sie mich wieder zurückbringen. Ich hab so Angst, dass sie Opa anrufen. Ich will nicht zurück, ich will mit nach Deutschland."

Anwältin nicht mehr zur Mutter gelassen

Die kleine Familie hat einen regelrechten Nervenkrieg hinter sich. Schlimmer Höhepunkt: die Nacht von Sonnabend auf Sonntag in Tunis. In enger Absprache mit der deutschen Botschaft hatte sich Katharina Schmidt frühzeitig auf den Weg zum Flughafen gemacht, erzählt sie. Die Mitarbeiter der Botschaft dort hatten ihr versichert, dass sie alle Dokumente habe, die sie zur Ausreise brauche: das alleinige Sorgerecht auch nach tunesischem Recht sowie die Ausreisegenehmigung. Doch es kam anders: Die tunesischen Behörden setzten die Mutter und ihre Töchter fest. Weder die Anwältin noch Mitarbeiter der deutschen Botschaft wurden zu ihr durchgelassen. Stundenlang gab es noch nicht mal was zu trinken, erzählt sie. "Ich hatte phasenweise wirklich so was wie Todesangst", sagt Katharina Schmidt.

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Die Drohung: bis zu 20 Jahre Haft

Immer wieder sei ihr von den Behörden der Vorwurf der Kindesentführung gemacht worden. 20 Jahre Gefängnis stehen in Tunesien darauf nach Angaben ihrer Anwältin. Und dann immer aufs Neue das Gefühl, in einem Albtraum gelandet zu sein: Beamte, die offizielle Dokumente einfach nicht anerkennen: "Zu den deutschen Pässen hieß es: Das seien keine Pässe. Und zur Ausreisegenehmigung vom tunesischen Gericht hieß es: Die würde nicht ausreichen. Denn schließlich würde ja die Erlaubnis des Vaters fehlen", erzählt Katharina Schmidt, immer noch fassungslos über die Willkür, der sie begegnet ist. Nach der Erlaubnis des Vaters zu fragen - auch deshalb paradox, weil der seit mehr als zwei Jahren wegen Kindesentzugs in einem niedersächsischen Gefängnis sitzt.

Neues Urteil gegen Vater noch nicht rechtskräftig

Das bleibe auch erstmal so, teilt die Staatsanwaltschaft Hannover am Dienstag dem NDR mit. Er habe bei der Rückkehr der Kinder schließlich keinerlei "Mitarbeitsbereitschaft" gezeigt, so Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Routinemäßig würde jetzt der Haftgrund überprüft. Aber das Verfahren laufe weiter. Kais B. war bereits zu zwei Jahren verurteilt worden. Erst vor kurzem bekam er in einem neuen Verfahren erneut elf Monate Haft. Dieses Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Sowohl Kais B. als auch der Staatsanwalt hatten Berufung eingelegt.

Wie wird sich ihr Ex-Mann verhalten?

Einen Blick in die weitere Zukunft wagt Katharina Schmidt heute noch nicht. Aber ihre Angst spürt sie, davor, dass so etwas noch einmal passieren könnte, dass ihr Ex-Mann die Kinder noch einmal nach Tunesien bringen könnte. Wie sie das verhindern kann, weiß sie im Moment noch nicht: "Aber ich mache mir sicher sehr viele Gedanken darüber, wie es jetzt weitergeht." Erst einmal müssten die Kinder und sie sich jetzt nach der tagelangen Tortur in Tunesien zur Ruhe kommen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.05.2018 | 19:30 Uhr

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