Stand: 27.06.2019 00:10 Uhr

Vor dem Lügde-Prozess: Chronik des Wegsehens

von Britta von der Heide (NDR), Arne Hell (WDR)
Im Rahmen der Ermittlungen im Missbrauchs-Skandal von Lügde werden den Behörden zahlreiche Fehler vorgeworfen - unter anderem übersahen sie Beweismaterial. (Archivbild)

"Er hat uns zum Beispiel auch ein Pferd gekauft und zu anderen Kindern gesagt: 'Wir haben ein Pferd - wollt ihr nicht auch mal kommen?'" Sarah (Name von der Redaktion geändert) erzählt von ihrer Zeit auf dem Campingplatz. Sie ist eines der Opfer, die im Fall des Kindesmissbrauchs in Lügde (Kreis Lippe/NRW) gegen einen der Hauptbeschuldigten, Andreas V., ausgesagt haben und im Prozess aussagen werden. Über Monate hinweg haben Reporter von NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) die Hintergründe des Falles recherchiert und mit Betroffenen, Eltern, Nachbarn und Zeugen gesprochen.

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Tagesschau: Konkreter Verdacht schon vor 17 Jahren

Einer der Verdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde geriet bereits 2002 ins Visier der Polizei. Doch trotz eindeutiger Zeugenaussagen verliefen die Ermittlungen offenbar im Sande. Mehr dazu bei tagesschau.de. extern

"Willst du mal wissen, was die Erwachsenen machen?"

Sarah ist inzwischen 19 Jahre alt. Als sie sieben Jahre alt war - 2007 - überredete sie ihre Eltern, mit auf den Campingplatz zu dürfen. Zu Onkel "Addi", wo so viele Kinder Spaß hatten. "Auf'm Campingplatz hatte ich viele Freunde", erinnert sich Sarah. "Bei uns zu Hause war das Geld meistens knapp, sodass es schon toll war, dass mir jemand schöne Sachen kauft". Im Dunkeln hatte Sarah Angst, erinnert sie sich, "und er hat zu mir gesagt, dass ich ja bei ihm im Bett schlafen kann. In den ersten Nächten hat er mich nur in den Arm genommen. Dann hat er angefangen mich anzufassen und irgendwann hat er gefragt: 'Willst du mal wissen, was die Erwachsenen machen?' Und dann hat er es gemacht. Ich habe dabei geweint. Aber er hat gesagt: 'Das hört gleich auf' und hat weitergemacht."

Andreas V. auf inoffizieller Liste für Sexualstraftäter

Sarah ist eines von vielen Kindern, die von Andreas V. mutmaßlich schwer missbraucht werden. 20 Jahre geht der Missbrauch. Belohnen, vergewaltigen. Und immer wieder lassen Behörden Hinweise unbeachtet. Auch das: fast 20 Jahre lang. Bisher war bekannt geworden, dass der Name Andreas V. bei der Polizei Lippe 2002 in einer inoffiziell geführten Liste stand, in der Hinweise auf Sexualstraftaten gesammelt wurden. Recherchen von NDR, WDR und SZ zeigen, wie es dazu kam. Und wie die Strafverfolgungsbehörden in dem Fall einer inzwischen Mitte 20-jährigen Frau die Chance verstreichen ließen, den Mann bereits damals zu überführen. Auch sie soll jetzt vor Gericht aussagen. Nennen wir sie Annika.

Andreas V. fordert Gegenleistung

Laut Anklage ist sie das erste dokumentierte Missbrauchs-Opfer im Campingplatz-Martyrium von Lügde. Damals war sie ein kleines Mädchen, nicht einmal vier Jahre alt. Im Sommer 1998 ist sie mit ihrer Mutter auf dem Campingplatz, spielt auch oft bei dem Mann, Andreas V., den alle "Addi" nennen. An einem Tag ist Andreas V. allein mit der knapp Vierjährigen im Campingwagen. Annika möchte von ihm ein Bild zum Ausmalen haben. Er fordert als Gegenleistung, dass die Kleine ihn oral befriedigt. Der Polizei erzählt die junge Frau heute sinngemäß, sie habe damals gar nicht richtig verstanden, was er wollte. Sie erinnere sich noch daran, dass er gesagt habe, "du musst das machen wie bei einem Lolli".

Mutter informiert Polizei über Vorfälle

Die Mutter ist alarmiert, verbietet ihrer Tochter, dort wieder hinzugehen. Sie sagt, dass sie den Campingplatzwart aufgesucht und von der Begebenheit berichtet habe. Seine Reaktion soll gewesen sein: Das könne er sich nicht vorstellen, für "Addi" würde er seine Hand ins Feuer legen. Heute sagt der Campingplatzwart dazu, von so einem Vorfall wisse er nichts. Zwei Jahre später stellt die Mutter Strafanzeige gegen ihren Ehemann. Sie verdächtigt ihn des Missbrauchs der Tochter. In der Anzeige beschreibt sie aber auch die Situation auf dem Campingplatz und berichtet der Polizei, dass ihre Tochter gesagt habe, es sei der "Addi" gewesen. Sie beschreibt in der handschriftlichen Anzeige, was die Tochter ihr auf dem Campingplatz gesagt hatte. "Mama, Penis lecken schmeckt nicht".

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Fall Lügde: Das System des Täters

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Über Jahrzehnte soll Andreas V. auf einem Campingplatz in Lügde Kinder vergewaltigt haben. Offenbar nutzte der Täter die Bedürftigkeit der Kinder aus. Video (04:46 min)

Aussagen reichten Staatsanwaltschaft nicht aus

Der damalige Staatsanwalt folgt nur einer von zwei Spuren. Nämlich der Spur, dass der Vater das Kind missbraucht haben soll. Andreas V. bleibt unbehelligt. Dazu erklärt der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer heute: "Nur wenn ein Anfangsverdacht für eine Straftat vorliegt, darf die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen. Und die vagen Vermutungen, die die Mutter zunächst in Richtung des Unbekannten vom Campingplatz geschildert hat, haben eben aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht ausgereicht, um eben diesen Anfangsverdacht zu begründen."

Strafrechtler: Staatsanwaltschaft hätte ermitteln müssen

Für den renommierten Strafrechtler Johann Schwenn ein klarer Fehler. "Es mag Grenzfälle geben bei bestimmten Vorwürfen, bei denen es vielleicht von einer Nuance abhängt. Aber hier geht es nicht um Nuancen. Hier hat ein Kind einen eindeutig strafbaren Sachverhalt behauptet, hat einen möglichen Täter genannt - und damit hatte die Staatsanwaltschaft die Verpflichtung, die Ermittlungen aufzunehmen und dann auch durchzuführen." Schwenn erklärt, es habe genug Anhaltspunkte gegeben. "Es ist die Rede von einem Campingplatz in Elbrinxen in der Nähe von Bad Pyrmont. Den zu finden, wäre wahrscheinlich keine Kunst gewesen. Und da Camper, nehme ich mal an, häufig per du miteinander umgehen, wird man auch sehr schnell klären können, wer denn dieser 'Addi' sein soll."

Offizielles Verfahren 2002

Zwei Jahre später die nächste Chance, Andreas V. zu stoppen. Diesmal bekräftigt Annikas Vater die Vorwürfe gegen Andreas V. vom Campingplatz Lügde. Er schildert erneut, Andreas V. sei verantwortlich für den Missbrauch auf dem Campingplatz. Dieses Mal - im Jahr 2002 - wird ein offizielles Verfahren eingeleitet und an die zuständige Staatsanwaltschaft Detmold weitergegeben. Diese will sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob damals ermittelt wurde. Auch zu der Frage, ob und wann das Verfahren eingestellt worden ist, schweigt sie. Es ist die Staatsanwaltschaft, die jetzt -17 Jahre später - gegen Andreas V. wegen schweren sexuellen Missbrauchs in 298 Fällen Anklage erhoben hat. Heute schätzt die Polizei Annikas Aussage als "äußerst glaubhaft" ein. Ihr Fall gehört zu denen, die Andreas V. vor Gericht vorgeworfen werden. Übrig geblieben von diesen Warnungen und dem Verfahren vor knapp 20 Jahren ist lediglich ein Vermerk in einer inoffiziellen Liste der Polizei Detmold. Hier wurde Andreas V. als möglicher Sexualstraftäter festgehalten.

NRW-Innenminister Reul: Unklar, was aus Hinweisen geworden ist

"Mein Empfinden ist relativ klar. Ich bin fassungslos und finde es schade, fürchterlich, dass das so gelaufen ist", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) zu den Vorgängen. Mit Blick auf weitere Hinweise auf Andreas V., denen Behörden nicht konsequent nachgegangen sind, sagte Reul gegenüber NDR, WDR und SZ: "Was aus diesen weiteren Hinweisen in der Vergangenheit geworden ist, konnten wir bisher noch nicht aufklären. Da kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft drum. Es wäre natürlich schlimm, wenn das Leid der Kinder noch früher hätte gestoppt werden können."

Anwalt: Regelrechtes Ignorieren von Hinweisen

Annikas Schicksal ist nicht der einzige Fall, an dem sich zeigt, dass Behörden nicht konsequent gehandelt haben. Auch 2016 war die Polizei Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen. 2008 zeigten zwei Erzieher eines Heimkindes Andreas V. an. Die Polizei Lippe informierte aber nicht die Staatsanwaltschaft. Heute ist der Fall, um den es damals ging, Teil der Anklage gegen Andreas V. Der Anwalt Roman von Alvensleben, dessen Kanzlei auch Sarah und zwei weitere Opfer vertritt, spricht von einem regelrechten Ignorieren der Hinweise. "Ich möchte keinem Polizeibeamten zu nah treten. Der Umgang mit dem Verdacht auf Kindesmissbrauch und die Realisierung dessen, was wir an Polizeiarbeit in Detmold beobachten müssen, lässt aber Zweifel am Funktionieren einer ordentlichen Rechtspflege aufkommen."

Geständnis angekündigt

Heute beginnt der Prozess gegen drei Angeklagte vor dem Landgericht Detmold. Andreas V., Mario S. und Heiko V. werden insgesamt 450 Einzeltaten vorgeworfen. Der Verteidiger von Mario S., Jürgen Bogner, erklärte, er erwarte von seinem Mandanten eine geständige Einlassung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.06.2019 | 08:00 Uhr

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