Studie benennt Missbrauch im Bistum Hildesheim

Stand: 14.09.2021 21:42 Uhr

Eine unabhängige Kommission um die ehemalige niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz hat in Hildesheim die Untersuchung zu sexuellem Missbrauch im Bistum vorgestellt.

Man sei dabei vor allem der Frage nachgegangen, ob es sogenannte Täternetzwerke im Umfeld des verstorbenen Bischofs Heinrich Maria Janssen gegeben habe, so Niewisch-Lennartz. Dies sei nicht der Fall, es habe in den bekannten Fällen individuelle Täter-Opfer-Beziehungen gegeben. "Es brauchte keinen besonderen Zugang zu Kindern", sagte Niewisch-Lennartz. "Für die Betroffenen gab es keine sicheren Orte."

"Schutz durch Schweigen fast perfekt"

Für die Täter hingegen war der "Schutz durch Schweigen fast perfekt", so die Ex-Justizministerin. In den meisten Fällen hätten Scham und Schuldgefühle bei den Betroffenen dazu geführt, dass sich die Täter sicher fühlen konnten. Hätten sich Kinder dennoch den Eltern geöffnet, "übernahmen diese das Schweigen". Hätten sich Eltern doch an die Kirche gewandt, seien Schutzentscheidungen für Kirche und den Priesterstand getroffen worden.

Bischof Wilmer spricht von Verbrechen

Bischof Heiner Wilmer hatte die unabhängige Studie vor zwei Jahren für den Zeitraum 1957 bis 1982 in Auftrag gegeben. "Ganz besonders danke ich den Betroffenen, die sich mit der schmerzhaften Vergangenheit auseinandergesetzt haben", sagte Wilmer auf der Pressekonferenz. Dies sei in der Überzeugung geschehen, dass die katholische Kirche das Thema sexualisierte Gewalt nicht allein aufarbeiten könne. "Betroffene kamen in der damaligen Perspektive der Bistumsleitung nicht vor. Vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, wurden Opfer körperlicher, sexualisierter, psychischer und geistlicher Gewalt." Die Geschädigten seien allein gelassen worden. "Die an ihnen verübten Verbrechen wurden weggeschwiegen", so Wilmer. "Im Schweigen der Verantwortlichen fanden die Stimmen der Stimmlosen kein Echo."

Kirchliche Akten verschweigen Opfer

Auf 422 Seiten dokumentierte die Gruppe von Experten das Vorgehen, das Verdecken und das Verschweigen der Kirchenmitarbeiter, die teilweise "in unmittelbarer Nähe des Bischofs" gestanden hätten, so Niewisch-Lennartz. Dabei sei der zentrale Zugang zu Informationen das Archiv des Bistums gewesen. Dieses habe sich "allerdings als äußerst lückenhaft erwiesen" - vor allem in Bezug auf die Opfer. "Es fehlen die Betroffenen, es fehlen die missbrauchten Kinder. Sie tauchen in den Akten an keiner Stelle auf", sagte die ehemalige Justizministerin. Täter und Taten seien hingegen gelegentlich benannt.

Kommission entdeckt zehn unbekannte Fälle

Einer der Experten der Kommission ist Kurt Schrimm. Schrimm ist Staatsanwalt und war 15 Jahre lang Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Er sichtete seit 2019 Tausende Akten - ein Bruchteil der Gesamtakten, wie Schrimm angab. Die Fülle sei "überwältigend gewesen". Die Inhalte offenbar auch. "Nicht Wahrheitsfindung, sondern Plausibilität hieß die Devise", die die katholische Kirche als Maßstab für die Bewertung sexuellen Missbrauchs gewählt habe, so Schrimm. Er habe dabei zehn weitere Fälle gefunden, die bisher nicht bekannt waren. "Sieben davon fallen in die Zeit von Bischof Janssen. Daneben fand ich unzählige Beispiele von versuchter oder vollendeter Verheimlichungen und Vertuschungen", so Schrimm.

Geschädigte schweigen Jahrzehnte

Er sei "völlig überrascht" gewesen über die große Anzahl von Geschädigten, "die Jahrzehnte über das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, geschwiegen haben". Maßgebliche Gründe seien "Scham, Ehrfurcht vor dem Priesteramt und - was mich am meisten bewegt - die Aussage: Man hätte mir ja doch nicht geglaubt" gewesen, so Schrimm. "Nicht selten waren es die eigenen Eltern, die eine Aufklärung verhinderten". Zudem hätten Behörden wie Gerichte und Strafverfolgungsbehörden "Geistlichen eine mir persönlich unverständliche Milde" entgegen gebracht.

Schwere Anschuldigungen gegen Janssen

2018 hatte sich ein 70-jähriger Mann an die Diözese und ihren heutigen Bischof Wilmer gewandt. Der frühere Bewohner eines kirchlichen Kinderheims berichtete, dass ihn Janssen Ende der 1950er-Jahre aufgefordert habe, sich nackt vor ihm auszuziehen. Anschließend habe er ihn mit den Worten weggeschickt, er könne ihn nicht gebrauchen. Der Mann schilderte zudem weitere Missbrauchstaten von Lehrern und Geistlichen in den früheren Hildesheimer Kinderheimen Bernwardshof und Johannishof.

Frühere Vorwürfe nicht beweisbar

Bereits 2015 hatte sich ein ehemaliger Ministrant an das Bistum Hildesheim gewandt und berichtet, Janssen habe ihn zwischen 1958 und 1963 sexuell missbraucht. Dieser Vorwurf war bereits Thema in einem 2017 veröffentlichten Gutachten. Die Autoren konnten ihn damals allerdings weder beweisen noch entkräften. Möglicherweise kann die aktuelle Untersuchung zur Aufklärung beitragen.

Veröffentlichung der Studie wegen Corona verschoben

Auslöser für die neuerliche unabhängige Untersuchung waren dokumentierte Vorwürfe gegen den Geistlichen. Die Fachleute haben in den vergangenen zwei Jahren Akten aus dem Bistumsarchiv eingesehen sowie Betroffene und weitere Zeitzeugen befragt. Laut Auftrag soll es bei der Studie nicht nur um Einzelfälle gehen, sondern auch um die Strukturen, die Missbrauch begünstigten. Die ursprünglich für Frühjahr 2020 geplante Veröffentlichung der Studie hatte sich wegen der Corona-Pandemie verschoben.

Weitere Informationen
Porträtfoto des früheren Bischofs von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen (1979). © dpa picture alliance

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Bischof Heiner Wilmer spricht in die Kamera © Bistum Hildesheim

153 Missbrauchsopfer allein im Bistum Hildesheim

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Missbrauch: "Muster des Wegschauens" im Bistum

Den Missbrauchsvorwurf gegen den Hildesheimer Ex-Bischof Janssen kann auch ein Gutachten nicht mehr klären. In einem weiteren Fall wurde jedoch ein "Muster des Wegschauens" festgestellt. (16.10.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.09.2021 | 08:00 Uhr

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