Stand: 01.02.2019 09:39 Uhr

Missbrauchsfälle: Ermittlungen auch gegen Polizei

Nach den Missbrauchsfällen im nordrhein-westfälischen Lügde gerät auch die Polizei ins Visier der Staatsanwaltschaft Detmold. Bereits 2016 gab es Hinweise von zwei Zeugen an die Polizei zum möglichen sexuellen Missbrauch eines Pflegekindes durch den Hauptbeschuldigten, wie Oberstaatsanwalt Ralf Vetter am Donnerstag sagte. Zwar habe die Polizei den Hinweis an das Jugendamt Lippe weitergeleitet. Polizeiliche Ermittlungen habe es aber nicht gegeben. "Wir prüfen jetzt, ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen", sagt Vetter. Bei einem der Hinweise ging es laut Vetter um Äußerungen des Pflegevaters, die auf sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten.

Hinter einem Absperrband der Polizei sieht man diverse Kinderfahrräder abgestellt.

Missbrauch: Ermittlungen auch in Niedersachsen

Hallo Niedersachsen -

Bei der Aufklärung des Missbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde ermittelt die Polizei auch in Niedersachsen. Es gibt Vorwürfe gegen die Behörden.

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Kritik an Jugendamt in Hameln

Mitarbeiter des Jugendamt des Kreises Lippe in Detmold hatten nach den Hinweisen 2016 den Campingplatz besucht. Dabei ist eine latente Gefahr für das Wohl des Kindes festgestellt worden, wie Jugendamtleiter Karl-Eitel John sagte. Diese Informationen seien auch an das für die Pflegschaft zuständige Amt in Hameln weitergegeben worden. Trotzdem sei das Mädchen in die Obhut des Mannes gegeben worden. Die Worte des Detmolder Jugendamtleiters sind deutlich: Demnach wäre das Mädchen nach den Kriterien seines Hauses nicht bei dem auf dem Campingplatz wohnhaften Mann untergebracht worden. Man prüfe die Wohnsituation stets ganz genau und vor allem, ob die Personen pädagogische Aufgaben übernehmen können. "Diese Standards wären in dem Fall garantiert nicht erfüllt gewesen", so der Amtsleiter.

Tatort Campingplatz: Zehn Jahre Kinder missbraucht

Jugendamt hatte keine Bedenken

Obwohl es sich bei dem Pflegevater und mutmaßlichen Haupttäter um einen alleinstehenden Mann handelte, sah das Jugendamt in Hameln keinen Grund, dem Mann das Kind nicht überlassen. Man habe sich die wirtschaftliche Lage und den Gesundheitszustand des Mannes genau angeschaut, sagt die Sprecherin des Landkreises Hameln-Pyrmont, Sandra Lummitsch. Zudem sei ein Führungszeugnis eingeholt worden. Bedenken gab es demnach nicht. Dazu komme, dass die Pflegschaft der Wunsch der Mutter gewesen sei, die letztlich das Recht habe, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen.

Auch Familienhilfe erkannte nichts

Den Hinweisen aus Detmold, nach denen im Verhältnis zwischen dem Hauptverdächtigen und seinem Pflegekind etwas nicht stimme, sei man auch nachgegangen. "Allerdings ergab sich kein Hinweis auf eine Gefährdung des Kindeswohls", so Lummitsch. Von den Missbrauchsvorwürfen habe man erst durch die polizeilichen Ermittlungen erfahren. Auch eine Familienhilfe, die dem Hauptverdächtigen standardmäßig zugeteilt worden sei, habe nichts feststellen können. "Wir wünschen uns nichts mehr, als dass wir schon früher Risse in der Fassade erkannt hätten", so Lummitsch. Aber man könne jedem nur bis zur Stirn gucken.

Die Staatsanwaltschaft in Detmold ermittelt derweil strafrechtlich gegen Mitarbeiter beider Jugendämter wegen mutmaßlicher Fürsorgepflichtsverletzung.

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Hilfeportal sexueller Missbrauch

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet Hilfe bei sexuellem Missbrauch an. Über ein Hilfetelefon kann Rat und Beistand geleistet werden. extern

Experte: Lebensumstände müssen überwacht werden

Barbara David von der Fachberatungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen "Violetta" in Hannover sagt: "Immer wieder kommt es dazu, dass Jugendämter Kinder zu Menschen geben, die sich später als Triebtäter entpuppen." Das liege auch oft daran, dass die Amts-Mitarbeiter zu wenig Zeit hätten, jeden einzelnen Fall genau genug zu prüfen. Doch die Lebensumstände der Erwachsenen zu überprüfen und stetig zu überwachen sei besondes wichtig: Ist das Umfeld sauber? Hat das Kind einen eigenen Schlafplatz? Gleichwohl, so die Expertin, schließe auch die Erfüllung solcher Standards am Ende keinen Missbrauch aus. Hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht.

Weitere Informationen

Teilgeständnis nach Kindesmissbrauch auf Campingplatz

Im Fall des mutmaßlich sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in NRW hat ein Mann aus Stade ein Teilgeständnis abgelegt. Die Opfer: mindestens 23 Kinder. Drei Männer sitzen in U-Haft. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 31.01.2019 | 12:00 Uhr