Stand: 05.02.2019 13:02 Uhr

Missbrauch in Lügde: Wichtige Abläufe unklar

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Landrat Tjark Bartels sieht aktuell kein Versagen seiner Behörde, kann es aber auch nicht ausschließen.

Angesichts des Verdachts auf jahrelangen, vielfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde an der Grenze zu Niedersachsen, hat sich der Landkreis Hameln-Pyrmont zum Fall eines Pflegekindes geäußert. Das heute achtjährige Mädchen lebte in Obhut eines 56-jährigen Hauptverdächtigen auf dem Platz. Das Jugendamt des Kreises hatte der Pflegschaft auf Bitten der in Hameln lebenden Mutter zugestimmt. Inwiefern auf Hinweise auf eine Verwahrlosung des Kindes und einen möglichen Übergriff reagiert wurde, klärte Landrat Tjark Bartels (SPD) während des Pressegesprächs am Dienstag nicht auf. Dies sei zurzeit nicht möglich, da die Akten bei der Staatsanwaltschaft in Detmold seien.

Zwei Hinweise auf Gefährdung des Mädchens

Die aus dem Jahr 2016 stammenden Hinweise auf eine Verwahrlosung des Mädchens rekonstruierte Bartels eigenen Angaben zufolge aus dem Gedächtnis. Demnach sind diesen sowohl das Jugendamt in Hameln als auch die Familienhilfe nachgegangen. Die Situation sei "grenzwertig", aber "in Ordnung" und "stabilisierbar" gewesen, sagte der Landrat. Zu einem möglichen sexuellen Übergriff ergänzte Bartels: Dieser sei der Polizei Detmold gemeldet worden, dann dem Jugendamt in Lippe und schließlich dem Jugendamt in Hameln. "Wann wir davon wussten und in welcher Form, werden wir erst dann wissen, wenn die Akten wieder im Haus sind", so Bartels. Nach derzeitigem Stand gibt es keinen Hinweis darauf, dass wir diesen Hinweis kannten. "Wenn sich herausstellt, dass dort ein Fehler gemacht worden ist, wird das Konsequenzen haben." Ohne die Fakten zu kennen, werde er diesbezüglich aber keine Entscheidungen treffen.

Sieben Monate Pflegschaft überprüft

Bevor das Mädchen zu dem Mann gezogen sei, habe das Jugendamt über einen Zeitraum von sieben Monaten geprüft, ob es einem Pflegeverhältnis zustimmt. Zu diesem Ablauf habe unter anderem eine Schufa-Auskunft und ein erweitertes Führungszeugnis des inzwischen 56-Jährigen gehört. Zudem seien die Menschen aus dem Umfeld des Mannes befragt worden. Die Wohnsituation auf dem Campingplatz sei zwar nicht ideal, aber im Verhältnis gesehen "ziemlich in Ordnung" gewesen. Dennoch habe das Jugendamt Hameln darauf hingearbeitet, ein festes Wohnverhältnis zu schaffen. "Eine Wohnung wurde angemietet, aber wohl nicht mehr bezogen", sagte Landrat Bartels. Einmal pro Woche habe der Mann Besuch von der Familienhilfe bekommen. Diese habe einen Blick auf die Gesamtsituation gehabt und bei Erziehungsfragen zur Seite gestanden.

Entwicklung beim Pflegevater "nach außen erheblich besser"

Zu den Lebensverhältnissen des Kindes bei seiner Mutter nannte Bartels keine Details. Er ließ jedoch durchblicken, dass vor der Pflegschaft bei dem inzwischen Hauptverdächtigen eine "Einschulung nicht zur Debatte" gestanden habe. Beim Pflegevater habe sich das Mädchen "nach außen erheblich besser entwickelt als vorher". Das Kind habe gute soziale Kontakte gehabt. Heute wisse man, dass dies zur Fassade des Täters gehört habe. Bereits bevor die Mutter um die Pflegschaft durch den Mann gebeten habe, sei das Mädchen häufig bei ihm untergebracht gewesen. In welchem Verhältnis Mutter und Pflegevater konkret standen, wollte Bartels nicht sagen. Sie hätten sich jedoch lange gekannt.

"Normale" Pflegschaft wäre für Mann nicht denkbar gewesen

Grundsätzlich betonte Bartels, dass dem Mann auf "normalem" Wege keine Pflegschaft übertragen worden wäre. Die Mutter habe als Erziehungsberechtigte das Recht über den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen. "Das Jugendamt hätte von sich aus das Kind dort nie untergebracht." Für Menschen, die sich regulär um eine Pflegschaft bemühten, gelten demnach vollkommen andere Kriterien. Da erwarte man "beste Verhätltnisse". Zudem würden diese Pflegeeltern sehr eng geprüft. Bei Fällen wie dem des Mädchens hätten Jugendämter meist zwischen schlechten und weniger schlechten Möglichkeiten abzuwägen. Dies sei keine einfache Entscheidung. Zudem sei es immer schwierig, Kinder aus ihrem Umfeld zu holen - dies könne traumatisch für sie sein.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Jugendämter

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt zurzeit gegen die Jugendämter in Hameln und Lippe. Zudem könnten sich zwei Polizisten aus Lippe strafbar gemacht haben, bei ihnen besteht der Verdacht der Strafvereitelung. Nachdem es Hinweise auf die Missbrauchsfälle gegeben habe, hätten sie nicht weiter ermittelt.

Missbrauchsprozess soll im Frühsommer beginnen

Die Missbrauchsvorwürfe gegen den 56-Jährigen sowie einen 33-Jährigen sind immens. Den bisherigen Ermittlungen zufolge wurden von den beiden auf dem Campingplatz nahe der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mindestens 29 Kinder missbraucht und gefilmt. Ein dritter Mann aus Stade soll der Auftraggeber gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Detmold strebt einen Prozessbeginn für den Frühsommer dieses Jahres an. Das sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Ralf Vetter am Montag. Ziel sei es, "stringent durchzuermitteln". Man wolle eine Anklage so früh wie möglich fertigstellen, sodass das zuständige Gericht möglichst im Juni eine Hauptverhandlung ansetzen könne, so Vetter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 05.02.2019 | 07:30 Uhr

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