In einem Gerichtssaal liegen mehrere Aktenordner übereinander auf einem Tisch. © dpa picture alliance Foto: Bernd Thissen

Missbrauch in Lügde: Ex-Landrat prangert Behördenversagen an

Stand: 12.05.2021 19:07 Uhr

Im Missbrauchsfall Lügde hat Hameln-Pyrmonts Ex-Landrat Bartels sein Schweigen vor dem Untersuchungsausschuss in Nordrhein-Westfalen beendet. Seine Aussage sorgt bei der CDU im Kreistag für Empörung.

Landrat Tjark Bartels (SPD) spricht bei einer Pressekonferenz. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte
Tjark Bartels: "Die Hinweise waren konkret und nicht anonym."

Nachdem er sich mit Verweis auf seinen Burn-out lange Zeit geweigert hatte, vor dem Untersuchungsausschuss zu erscheinen, hat sich der SPD-Politiker Tjark Bartels jetzt schriftlich geäußert. In seinem Schreiben erhebt er nach Informationen des NDR in Niedersachsen schwere Vorwürfe - unter anderem auch gegen das Jugendamt in Hameln, das dem Haupttäter auf dem Campingplatz ein Mädchen zur Pflege gegeben hatte. Bartels war rund sechs Jahre lang Landrat in Hameln - und damit auch Vorgesetzter der Beschäftigten im Jugendamt, denen er die schweren Versäumnisse vorwirft.

Vorwurf: Hinweise nur unzureichend gewürdigt

Es stehe außer Zweifel, dass die frühen Hinweise auf Kindesmissbrauch, die es gegeben habe, in keiner Weise hinreichend gewürdigt worden seien. Die Hinweise seien konkret genug und nicht anonym gewesen. Das Jugendamt sei ihnen aber nur oberflächlich nachgegangen. Es hätte durchaus die Möglichkeit gegeben, das Pflegekind und auch die anderen Kinder besser zu schützen, so Bartels.

Bartels: "Entsetzt von absurder Zahl an Pannen"

Das Versagen sieht Bartels nicht nur beim Jugendamt in Hameln, sondern auch beim benachbarten Jugendamt Lippe sowie bei der Polizei. Er sei entsetzt gewesen von der geradezu absurden Zahl an Pannen, die es im Missbrauchsfall Lügde gegeben habe.

CDU-Kreistagsabgeordnete Körtner ist empört

Hamelns CDU-Kreistagsabgeordnete Ursula Körtner geht mit Bartels hart ins Gericht. Sie hatte im Jugendhilfeausschuss den damaligen Landrat immer wieder heftig kritisiert. Alle Punkte, die Bartels jetzt klar anspreche, habe er seinerzeit abgebügelt und skandalisiert, so Körtner. Die Opposition im Kreistag habe er als Brunnenvergifter bezeichnet.

Landrat Adomat: Bartels räumte Versäumnisse schon früher ein

Hameln-Pyrmonts jetziger Landrat Dirk Adomat (SPD) verweist dagegen darauf, dass sein Vorgänger die jetzt beschriebenen Versäumnisse schon vor zwei Jahren eingeräumt habe. Deshalb stecke in Bartels Aussage nichts Neues, zudem habe es schon damals personelle Konsequenzen gegeben. Bartels habe Reformen eingeleitet, die er weitergeführt habe, so Adomat. Deutlicher als bisher mache sein Vorgänger jetzt auf die Fehler des Jugendamtes und der Polizei in Nordrhein-Westfalen aufmerksam.

Untersuchungsausschuss will Fehler aufarbeiten

Der CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss, Dietmar Paske, zeigte sich in einer ersten Reaktion erleichtert, dass Bartels zumindest schriftlich doch noch geantwortet habe. Es werde helfen, die fatalen Fehler aufzuarbeiten, die es in diesem Fall gegeben habe. Auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde, direkt an der Landesgrenze zu Niedersachsen, hatten mehrere Männer jahrelang mindestens 31 Kinder sexuell missbraucht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 12.05.2021 | 12:00 Uhr

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