Stand: 16.10.2017 20:30 Uhr

Missbrauch: "Muster des Wegschauens" im Bistum

Der Missbrauchsvorwurf gegen den 1988 verstorbenen Hildesheimer Ex-Bischof Heinrich Maria Janssen lässt sich nicht mehr abschließend aufklären. Zu diesem Ergebnis kommt das vom Bistum mit der Untersuchung des Vorwurfs beauftragte Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), das die Ergebnisse der Studie am Montag vorlegte. Im Fall des Priesters Peter R., dem elf Fälle sexualisierter Gewalt nachgewiesen wurden, werfen die Münchener Experten dem Bistum Hildesheim dagegen ein "Muster des Wegschauens" vor. Die Gefährdung durch R. sei vom Bistum im Laufe der Jahrzehnte wissentlich in Kauf genommen worden, so Gutachter Peter Mosser. Hier sehen Sie die Pressekonferenz des Bistums in voller Länge.

Vorwurf des Missbrauchs von Messdiener

Bischof Janssen soll in der Anfangsphase seiner Amtszeit als Bischof zwischen 1958 und 1963 einen Messdiener regelmäßig sexuell missbraucht haben. Der Junge war zu Beginn der Übergriffe zehn Jahre alt. Der Vorwurf gegen Janssen wurde allerdings erst 2015 - mehr als 50 Jahre nach dem vorgebrachten Missbrauch und lange nach seinem Tod - erhoben. Zeugen für den bislang ersten Missbrauchsvorwurf gegen einen Bischof in Deutschland ließen sich auch nach einem entsprechenden Aufruf nicht mehr finden. Der Missbrauchsvorwurf konnte daher weder bewiesen noch entkräftet werden.

Kommentar

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Gutachten wirft Bistum Verantwortungslosigkeit vor

Ein schweres Versagen attestieren die Gutachter dem Bistum im Umgang mit den ebenfalls untersuchten Missbrauchsvorwürfen gegen Peter R.. Der suspendierte Priester stand bereits im Zentrum des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg mit mehr als 100 Opfern. R. wurden laut dem IPP elf Fälle sexualisierter Gewalt in seiner Hildesheimer Zeit (1989-1997) nachgewiesen. Sechs davon seien den damaligen Bistumsverantwortlichen bekannt gewesen. "Der damalige Umgang des Bistums Hildesheim mit diesen Fällen ist von einem Muster der Naivität, Verantwortungslosigkeit und unklaren Kommunikation geprägt",  erklärten die Gutachter. Insbesondere lasteten sie dem Bistum an, den Priester nach intern bekannt gewordenen Missbrauchsfällen immer wieder in andere Gemeinden versetzt zu haben, ohne über den tatsächlichen Grund zu informieren.

14-Jährige erhebt Vorwürfe gegen Priester

2010 hatte eine damals 14-Jährige in Hildesheim den Vorwurf erhoben, der Geistliche habe sie drei Jahre zuvor bei einem Besuch in Berlin sexuell bedrängt. Das Bistum räumte später ein, diesen Vorwurf zu spät an die Staatsanwaltschaft weitergegeben zu haben. Laut dem Gutachten informierte das Bistum die Staatsanwaltschaft außerdem unvollständig über den Hintergrund des Paters und machte diesem die schriftlichen Anschuldigungen des Mädchens zugänglich. Der für den Umgang mit den Vorwürfen des Mädchens verantwortliche Weihbischof Heinz-Günter Bongartz habe nach der Vorlage der Studie seinen Rücktritt angeboten, dieser sei aber abgelehnt worden, erklärte das Bistum. Der Weihbischof sei angesichts von rund 70 Meldungen zu 37 zurückliegenden Missbrauchsfällen im Jahr 2010 mit der Situation überlastet gewesen und habe seine Fehleinschätzung im Fall der Jugendlichen eingeräumt, so die Begründung.

Weibischof räumt Schuld und Versagen ein

Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger bat die Opfer und ihre Angehörigen um Vergebung. "Die eigene Schuld und das eigene Versagen lasten auf uns", sagte er. Dem Bistum sei sehr bewusst, dass den Opfern großes Leid widerfahren sei. "Das macht mich bekümmert und zerknirscht, und es beschämt mich zutiefst." Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, nannte das Gutachten "offen und schonungslos, beschämend und mahnend". Umso wichtiger empfinde er es, dass die Verantwortlichen im Bistum öffentlich um Entschuldigung gebeten hätten, so Ackermann in einer in Bonn veröffentlichten Mitteilung.

Weitere Informationen

Missbrauch: Bistum veröffentlicht Gutachten

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NDR Kultur

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.10.2017 | 12:00 Uhr

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