Stand: 12.03.2020 07:24 Uhr

Lügde: Ermittlungen eingestellt, Anwalt entsetzt

Die Parzelle eines Angeklagten wegen Kindesmissbrauchs in Lügde wurde teilweise von der Polizei zerstört. © dpa - Bildfunk Foto: Guido Kirchner
Auf dem Campingplatz in Lügde kam es zum hundertfachen Kindesmissbrauch. (Archiv)

Nach der Einstellung mehrerer Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter der Polizei und zweier Jugendämter zum Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde hat sich ein Opferanwalt zu Wort gemeldet. Roman von Alvensleben sagte gegenüber NDR 1 Niedersachsen: "Das kriegen die Kinder erneut zu spüren", sagte von Alvensleben, der sich ein öffentliches Verfahren gewünscht habe. "Ein aus meiner Sicht unfähiges Jugendamt, eine unfähige Behörden-Koordination und gleichzeitig auch noch ein eingestelltes Verfahren lassen das Vertrauen in diesen Staat bei den Opfern auf null zurücksetzen." Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte mitgeteilt, dass sich in allen Fällen kein hinreichender Tatverdacht ergeben habe. Über Jahre hatte es dort, unweit der niedersächsischen Grenze, hundertfachen Missbrauch von Kindern gegeben. Viele der Übergriffe wurden von den Tätern gefilmt.

VIDEO: Ein Jahr nach Lügde: Was hat sich geändert? (5 Min)

Ämter haben "positive Entwicklung" festgestellt

Ermittelt wurde unter anderem gegen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes Hameln-Pyrmont und gegen dessen Leiter. NDR 1 Niedersachsen berichtet über die unsägliche Wohnsituation des Mädchens auf dem Campingplatz. Aber auch dort habe die Staatsanwaltschaft keine Verstöße von Behördenmitarbeitern festgestellt. Der leitende Staatsanwalt Ralf Vetter sagte, dass dem Kind eine "durchaus positive Entwicklung" in der Obhut des Haupttäters attestiert worden sei, so dass den Verantwortlichen in den Ämtern keine Verletzung der Fürsorgepflicht nachgewiesen werden könne und "dort eine Strafbarkeit ausscheidet". Zudem hätten sich verschiedene Behörden die Hinweise auf Missbrauch gegenseitig zugeschoben in der Annahme, der jeweils andere werde sich kümmern. Der Landkreis Hameln-Pyrmont kommentierte die Einstellung der Ermittlungen auf NDR Anfrage nicht.

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Ermittlungen gegen Polizei und Familienhelferinnen

Ebenfalls eingestellt wurden die Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Lippe und gegen drei externe Familienhelferinnen. Auch den Vorwurf der Strafvereitelung im Amt gegen zwei Beamte der Kreispolizei Lippe hat die Detmolder Staatsanwaltschaft fallen gelassen. Sie sollen Hinweise auf Missbrauch nicht weitergegeben haben. Dieser Vorwurf habe sich nicht erhärten lassen. Der bei diesem Delikt erforderliche Vorsatz habe nicht festgestellt werden können.

Datenträger bleiben verschwunden

Auch die 155 CDs und DVDs, die im Polizeikommissariat Lippe abhanden gekommen sind, bleiben verschwunden. "Einen Anfangsverdacht gegen einen Polizeibeamten oder eine andere Person haben die Ermittlungen nicht ergeben", hieß es. Und: "Der Verbleib der Asservate bleibt jedoch weiter ungeklärt." Allerdings soll es sich bei den Datenträgern überwiegend um ältere Computerprogramme, Musik-CDs und Spiel- und Kinderfilme handeln. Das soll die als glaubhaft einzustufende Sichtung durch einen Kommissarsanwärter ergeben haben. "Dateien mit pornografischem Inhalt befanden sich nicht darunter", teilte die Staatsanwaltschaft jetzt mit.

Lange Haftstrafen für die Haupttäter

Ende Januar 2019 berichtete der WDR als einer der ersten über den Verdacht des sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz bei Lügde (Nordrhein-Westfalen). Im September wurden zwei Männer zu langen Haftstrafen verurteilt: Sie haben sich laut Urteil des Landgerichts Detmold des sexuellen Missbrauchs an 32 Kindern schuldig gemacht. Insgesamt wurden ihnen 271 Einzeltaten, darunter Vergewaltigungen, nachgewiesen. Einige der Gewalttaten sollen sie zudem gefilmt haben. Ein Mittäter der Verurteilten kommt aus Stade. Der 49-Jährige wurde unter anderem wegen Beihilfe zum schweren Missbrauch von Kindern zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

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Hallo Niedersachsen | 11.03.2020 | 19:30 Uhr

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