Stand: 20.07.2018 10:23 Uhr

"Menschen sterben, weil wir nicht helfen dürfen"

Es ist aufgebrochen, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Doch seit gut drei Wochen ist das Schiff "Lifeline" im Hafen von Valetta auf Malta festgesetzt und von der Regierung beschlagnahmt. Das Schicksal der Freiwilligen-Mission spaltet derweil ganz Europa. In er politischen Debatte ging es zuerst darum, ob die "Lifeline" überhaupt einen europäischen Hafen anlaufen darf, dann darum, welches Land die Flüchtlinge aufnehmen soll. Nun drohen vor allem dem Kapitän des Schiffs juristische Konsequenzen. Mitten in dem Chaos steckt die Hildesheimerin Neeske Beckmann. Sie hat freiwillig auf der "Lifeline" angeheuert, um auf dem Mittelmeer zu helfen - und darf das nun nicht.

"Da draußen sterben Menschen"

"Das ist wahnsinnig frustrierend", sagte die 29-Jährige NDR.de. Schließlich sei das Schiff und seine Besatzung bereit zum Einsatz im Mittelmeer. "Weil wir aber nicht dürfen, sterben da draußen Menschen", so Beckmann. Meldungen über Ertrunkene erreichten die "Lifeline"-Crew fast täglich. Dementsprechend herrsche auch unter ihren Helfer-Kollegen oft Unmut. Die Hildesheimerin sieht die Festsetzung im Hafen von Valetta als Ausdruck europäischer Abschottungspolitik und dem Rechtsruck in vielen Ländern des Kontinents. So hatte Italiens Innenministers Matteo Salvini von der rechtsextremen Lega angekündigt, die "Lifeline" und ein weiteres deutsches Freiwilligen-Schiff namens "Seefuchs" überprüfen zu lassen, weil sie angeblich illegal unter niederländischer Flagge fahren sollen. Für Beckmann ist das "der Gipfel".

Schwimmwesten waschen statt Leben retten

Kapitän vor Gericht

Doch auch in Deutschland ist die Mission umstritten. Die niedersächsische Landesregierung war bei der Frage um Aufnahme der 234 libyschen Flüchtlinge gespaltener Meinung. Zuvor hatten Staaten wie Malta, Frankreich und Belgien bereits Hilfe für die Geretteten zugesagt. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der eine Aufnahme strikt ablehnte, äußerte Befürchtungen, die Rettungsaktion des deutschen Schiffes schaffe einen "Präzedenzfall" und nutze den Schleppern. "Mich macht das sprachlos", sagte Neeske Beckmann dazu. Denn hier würden Menschen, die anderen das Leben retten wollen, kriminalisiert und als Täter dargestellt. Für den "Lifeline"-Kapitän Claus-Peter Reisch gilt das wörtlich: Er steht in Malta vor Gericht. Doch die Täter, so Beckmann, seien Politiker wie Salvini und Seehofer - denn sie ließen Menschen ertrinken.

Unterstützung macht Mut

Doch die Hoffnung verlieren die junge Frau und ihre Kollegen nicht so schnell. Auch dank Menschen, die in Deutschland für Seenot-Rettung demonstrieren oder die aufmunternde Nachrichten über die Social-Media-Kanäle der "Lifeline" schicken. "Das gibt uns Mut und Kraft und zeigt uns, dass wir nicht alleine sind", so die junge Frau. Denn der Widerstand und die Empörung in Deutschland gegen eine Abschottung Europas wachse für sie spürbar. Auch von den Menschen vor Ort auf Malta erlebten die Helfer aus Deutschland jede Menge Unterstützung.

Videos
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233 Migranten sitzen auf dem Schiff "Lifeline" im Mittelmeer fest. Niedersachsen sei bereit, einen Teil dieser Flüchtlinge aufzunehmen, sagt Innenminister Pistorius (SPD) in einer Pressekonferenz. Video (11:44 min)

Hilfe auch aus Deutschland möglich

Dementsprechend groß sei die Motivation der Schiffsbesatzung, trotz Festsetzung im Hafen irgendetwas Sinnvolles zu tun. So hat die Hildesheimerin einen Katalog erarbeitet, für jene, die aus Deutschland helfen wollen: Videobotschaften versenden beispielsweise, Proteste organisieren oder Infoveranstaltungen abhalten mit Rettern, die bereits im Einsatz waren. Und dann gebe es auf einem Schiff natürlich auch ständig etwas zu tun. "Wenn man alle Stellen von Rost befreit hat, kann man eigentlich gleich wieder von vorne anfangen", sagte Beckmann. Gefangen ist sie auf dem Schiff nicht. Dass die junge Frau trotzdem bleibt, liegt auch an ihrer Hoffnung, bald wieder auf See fahren zu können: "Ich halte das nicht aus, dabei zuzugucken, wie Menschen ertrinken." Anderen, die ihrem Beispiel folgen und auf einem Rettungsschiff anheuern wollen, macht sie Mut: Nicht nur, dass man etwas Gutes tue. Es sei außerdem eine extrem bereichernde Erfahrung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.07.2018 | 07:40 Uhr

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