Stand: 26.08.2020 06:00 Uhr

Lernvideos im Netz: Lieber lernen mit Influencern?

von Felix Klabe
Das Bild zeigt einen Screenshot des YouTube-Kanals thesimpleclub. © Screenshot / YouTube Foto: Screenshot
Eine "fette Heldentat": Auf dem YouTube-Kanal von "simpleclub" werden die Perserkriege erklärt - in ganz lockerem Ton.

Die Corona-Zeit vor den Sommerferien hat offenbart, wie es um die digitale Bildung in Niedersachsen steht. Unterrichtsstoff übers Netz und Lehrkräfte über Video-Schalten in die Kinderzimmer zu holen scheiterte allzu häufig an der Technik, fehlenden Konzepten und bei manchen Beteiligten auch am Willen. Doch um Sinus und Kosinus zu begreifen, bei der Zellteilung am Ball zu bleiben und Aufgaben zur Weimarer Republik lösen zu können, halfen sich viele Schülerinnen und Schüler selbst. Wie? Eigentlich denkbar einfach - mit Videos auf YouTube. Ist das ein sinnvoller Schritt hin zum digitalen Unterricht, von dem alle sprechen?

Lernvideos bei Schülern schon vor Corona beliebt

Ein kurzer Blick in eine Studie des Rats für kulturelle Bildung: Demnach hält die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler bereits 2019 - also noch vor Corona, dem digitalen Bildungs-Crashkurs und Notfallunterricht - YouTube-Videos für schulische Belange für wichtig bis sehr wichtig. 73 Prozent dieser Gruppe nutzt die Videos zur Wiederholung von Inhalten, die nicht verstanden wurden. 70 Prozent hält solche Videos für Hausaufgaben für wichtig bis sehr wichtig, zwei Drittel für die Vertiefung des Wissens und immerhin noch 60 Prozent für die Prüfungsvorbereitung.

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Schüler eines Gymnasiums sitzen in einer Reihe auf dem Boden und lernen mit einem Tablet. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

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Lehrkräfte schicken Links an Schüler

"Mit den Schulschließungen hat sich von jetzt auf gleich mehr Freiheit und Verantwortung beim eigenen Lernen ergeben", sagt Florian Reetz, Vorsitzender beim Landesschülerrat. "Wir mussten uns plötzlich selbst organisieren." Der angehende Abiturient berichtet vom Einsatz seiner Lehrer, den Unterricht und die Verbindung zu den Schülern aufrechtzuerhalten, während die Schule dicht war. Dazu gehörte aber eben auch, dass Lehrkräfte Links auf Lernvideos von Bildungs-Influencern wie "simpleclub" oder "MrWissen2Go" an ihre Schüler verschickten.

"Sicherlich eine sinnvolle Sache" - mit einem Aber

Eine Frau mit kurzem Haar und einer Brille trägt Kopfhörer und blickt in die Kamera. © NDR
Lehrer, die Lernvideos drehen wollen, sollten dafür Zeit und Technik bekommen: Ira Diethelm, Expertin für digitale Bildung.

"Wenn Schüler das Gefühl haben, sie hätten an der einen oder anderen Stelle etwas nicht verstanden und suchten sich ein erklärendes Lehrvideo, dann ist das sicherlich eine sinnvolle Sache", sagt Ira Diethelm. Sie ist Professorin für Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg und beschäftigt sich seit Jahren mit digitaler Bildung. In einem Video könnten sich Schüler komplexe Dinge immer und immer wieder anschauen. "Das ist gut, dass es solche Bildungsangebote gibt. Doch es gibt natürlich auch Schwierigkeiten damit", sagt sie. Nämlich immer dann, wenn etwas frei im Netz stehe. "Dann kann es eben auch nicht stimmen", sagt Diethelm.

"Videos müssen zielführend für Unterricht sein"

Ein Lernvideo sei erst einmal nur eine Informationsquelle und könne den Inhalt eines Schulbuchs ersetzen, sagt Stefan Elver. Er ist Lehrer an einer Gesamtschule im Raum Oldenburg und betreibt abseits des Unterrichts einen Instagram-Kanal, auf dem er Kollegen und werdenden Lehrkräften Tipps für den Unterricht gibt. Er weiß um die Attraktivität solcher Videos und Nähe zur alltäglichen Mediennutzung der jungen Menschen. Für ihn als Lehrer bleibe es aber unerlässlich zu prüfen, ob ein solches Lernvideo auch inhaltlich korrekt und zielführend sei für das, was er sich für seinen Unterricht vornehme. "Zudem ist es auch sehr wichtig, dass die Inhalte schülergerecht präsentiert werden."

Näher am Alltag der Schüler?

Stefan Elver, Lehrer, im Skype-Interview mit Kopfhörern. © NDR
"Wenn Schüler Videos drehen, fördert das die Kreativität", sagt Lehrer Stefan Elver.

Bildungs-Influencer wie "simpleclub" setzen neben der einprägsamen Umsetzung als Animation mit Musik und Grafiken auch auf einen gewissen Wert an Unterhaltung. Ihre Sprache ist umgangssprachlich, manchmal rutscht gar ein Schimpfwort raus. Dass das Lehrern nicht unbedingt möglich ist, das liegt auf der Hand. Doch alles, was ein wenig anders wirkt als eine vermeintlich langweilige Lehrkraft, wird von Schülern vielleicht mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit belohnt.

Authentische Lehrer und Influencer

"Wenn ein solcher Presenter im Vordergrund steht, dann sieht man natürlich schon Parallelen zu einer guten Lehrerpersönlichkeit in der Klasse oder in der Schule", sagt Elver. Eine Lehrkraft, die frisch und dynamisch wirke, die authentisch sei, vielleicht einen coolen Look habe oder eben aus der gewohnten Rolle falle, die komme gut an, meint Elver. "Ich denke aber auch, dass Schülerinnen und Schüler wahrnehmen und entscheiden können, ob das auch fachlich gut ist."

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"Das kann nur eine Lehrkraft"

Für Elver bleibt die Sache aber klar: "Ein Lernvideo kann den Unterricht aber nicht ersetzen. Und schon gar nicht liefert es die Garantie, dass der Unterricht auch gut ist und gelingt." Es liege bei der Lehrkraft, ein solches Video in die Stunde zu integrieren und mit dem Ergebnis weiterzuarbeiten. "Das kann nur eine Lehrkraft", sagt Elver.

Manche Kollegen würden Videos für Schüler drehen

Der Lehrer erzählt von Kollegen, die eigene Lernvideos für ihre Schüler gedreht haben. Eine zeitintensive Sache, die gerade mit Blick auf den Aufwand gut überdacht sein müsse. "Lehrer müssen mit ihren Ressourcen haushalten." Es gehe eher darum, Dinge, die es gibt, zu kennen und bereitzustellen.

"Nicht jeder mag es, aufgezeichnet zu werden oder seine eigene Stimme zu hören", erklärt dazu die Oldenburger Professorin Diethelm. "Ich möchte stark abraten, die Lehrkräfte dazu zu zwingen. Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Wer das aber gerne macht, der sollte auch das Equipment und die Zeit dafür bekommen."

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Motivation, Wissen erarbeiten und Medienkompetenz

Videos von der eigenen Lehrkraft zu bekommen, sei eine gute Sache, sagt auch Reetz, der im nächsten Jahr sein Abitur macht. Ein richtiges Video bleibe eben richtig und könne immer wieder angeschaut werden. Er erzählt auch von Schülern, die kurze Lernvideos für andere Schüler gedreht haben.

Lehrer Elver hält genau das für sinnvoll, Schüler selbst Videos produzieren zu lassen. Aus gleich mehreren Gründen: Die Arbeit mit diesem Medium motiviere sie, außerdem müsste vorweg Wissen erarbeitet werden. Schließlich fördere die technische Umsetzung noch die Medienkompetenz der jungen Menschen. "Und das ist einfach eine ganz tolle Sache."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 26.08.2020 | 19:30 Uhr

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