Eine Postkarte liegt auf einem Tisch. © JVA Hannover

Fast unsichtbare Drogen fordern Gefängnisse in Niedersachsen

Stand: 08.11.2021 06:38 Uhr

Niedersachsens Gefängnisse haben zunehmend mit neuartigen Drogen zu tun, die in die Anstalten geschmuggelt werden: "Neue psychoaktive Substanzen" (NPS) sind fast unsichtbar und schwer nachzuweisen.

von Torben Hildebrandt

Dass in Gefängnissen mit klassischen Drogen wie Heroin oder Kokain gehandelt wird, ist seit Jahrzehnten bekannt. Neu sind allerdings synthetische Drogen, die nur schwer nachweisbar sind - so genannte NPS. Das Besondere: Sie sind so gut wie unsichtbar und sie gelangen auf Buchseiten, Briefen oder Fotos in die Gefängnisse, auch auf T-Shirts oder Teebeuteln. Die Inhaftierten zerkleinern das Trägermaterial und rauchen die Substanzen. Jeden Monat kommen neue Stoffe aus illegalen Laboren auf den Markt. Spürhunde schlagen deswegen nicht an. Testverfahren sind unzuverlässig.

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Stacheldraht sichert ein Fenster ab.
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Synthetische Drogen machen Gefängnissen zu schaffen

Neue psychoaktive Substanzen sind gefährlich und fast unsichtbar. Sie gelangen etwa auf Postkarten zu den Gefangenen. 4 Min

"Es sind hochgefährliche Substanzen"

Allein in der Justizvollzugsanstalt Hannover wurden in den vergangenen zwei Jahren rund 80 Verdachtsfälle registriert. Betrachtet man alle 13 Gefängnisse in Niedersachsen zusammen, spricht das Justizministerium von mehreren Hundert NPS-Funden pro Jahr. Justizministerin Barbara Havliza (CDU) bezeichnet die Rauschmittel als "besonders tückisch". Havliza weiter: "Es sind hochgefährliche Substanzen. Die Gefangenen wissen häufig gar nicht, was sie da in welcher Intensität zu sich nehmen."

Folgen für die Inhaftierten zum Teil lebensbedrohlich

Nach Angaben des Justizministeriums sind die gesundheitlichen Folgen für die Inhaftierten zum Teil lebensbedrohlich. Denn die Gefangenen kennen oft nicht den Grad der Dosierung, wenn sie die Stoffe rauchen oder aufgelöst in Flüssigkeiten trinken. Der Anstaltsarzt der JVA Hannover, Helmuth Rathje, bestätigt das. Er hat bei Patienten bereits "schwerste Ausfallerscheinungen" erlebt. Typisch bei Überdosierungen seien Krampfanfälle, Erbrechen, Bewusstlosigkeit oder Atemstörungen, so Rathje. In zwei Fällen mussten Gefangene sogar auf der Intensivstation künstlich beatmet werden. "Innerhalb der NPS gibt es einige gefährliche Stoffe, mit denen nicht zu spaßen ist und die einen nach dem ersten Gebrauch völlig aus der Bahn werfen", erklärt Anstaltsarzt Rathje.

Briefe an Gefangene nur noch in Kopie?

Das Justizministerium hat reagiert: Im kommenden Jahr sollen bessere Testgeräte eingesetzt werden, außerdem will das Land zehn zusätzliche Stellen im Strafvollzug schaffen. In verschiedenen Gefängnissen des Landes werden Briefe an Gefangene nur noch in Kopie ausgegeben, um dem NPS-Schmuggel auf Papier einen Riegel vorzuschieben. Ob das zulässig ist, klären gerade Gerichte.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.11.2021 | 19:30 Uhr

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