Stand: 18.11.2016 17:18 Uhr

Eberfleisch: Angst vor Gestank aus der Pfanne

von Oda Lambrecht
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Wie riecht ein unkastrierter Eber? DLG-Experte Dirk Hesse macht auf der EuroTier den Test.

Bislang wird die große Mehrheit der männlichen Ferkel - etwa 90 Prozent - ohne Betäubung kastriert. Doch weil der Eingriff für die kleinen Schweine schmerzhaft ist, ist er ab 2019 verboten. Einige Handelsketten fordern von den Schweinehaltern jedoch deutlich vor dem gesetzlich vorgeschriebenen Termin den Ausstieg.

Eberfleisch kann stinken ...

Deshalb haben die Landwirte auf der internationalen Agrar-Messe EuroTier in Hannover alternative Wege diskutiert, organisiert von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Der Grund für die bisherige Praxis: Das Fleisch von unkastrierten Ebern kann später in der Pfanne furchtbar stinken. Das Risiko ist zwar gering, aber kein einziger Verbraucher soll verschreckt werden. Und weil die Kastration unter Betäubung deutlich teurer ist, kommt sie für viele Landwirte als Alternative nicht infrage.

... und Menschen riechen es am besten

An einem Stand auf der EuroTier konnten Besucher ihren Geruchssinn testen. Auch der DLG-Experte für Schweinehaltung, Dirk Hesse, schnupperte an einem der mit Ebergeruch präparierten Stifte. Er erklärte, dass die menschliche Nase das sicherste Messinstrument sei. An den Schlachthöfen würden deshalb derzeit noch keine Maschinen, sondern geschulte Mitarbeiter die streng riechenden Tiere aussortieren, so Hesse.

Es geht um acht Prozent des Frischfleisches

Bislang liegt nur wenig Eberfleisch in den Läden. Der Deutsche Bauernverband schätzt, dass etwa acht Prozent des in Deutschland verkauften Frischfleisches von Ebern stammt. Die Tierärztin und Sauenhalterin Nadine Henke aus Niedersachsen gehört zu den wenigen, die sich bereits für die Ebermast, also das Mästen von männlichen, unkastrierten Tieren, stark machen. Sie findet Kastrieren ohne Betäubung "schrecklich". Deshalb ist sie froh, dass Mäster ihr seit einigen Jahren ihre unkastrierten Ferkel abkaufen und diese als Eber mästen.

Kleine Schweine-Begriffskunde

Das weibliche Schwein heißt Sau, das männliche, unkastrierte Schwein nennt man Eber, das Jungtier Ferkel. Wenn ein männliches Tier kastriert worden ist, bezeichnet man es als Börge. Die Mast von Sauen und Börgen nennt man Schweinemast, die Mast von unkastrierten Ebern Ebermast.

Eber brauchen Platz

Ebermast ist eine mögliche Alternative zur Mast von betäubungslos kastrierten männlichen Tieren, sogenannten Börgen - aber das kann für Landwirte durchaus eine Herausforderung sein. Schweinehalter-Berater Dirk Hesse berichtet von stärkeren Verletzungen durch aggressive Rangkämpfe. Der Deutsche Tierschutzbund erklärt dazu, Eber bräuchten deshalb ausreichend Platz, um einander ausweichen zu können. Und: Schlachthof-Mitarbeiter müssen die Geruchsprobe machen, damit kein stinkendes Fleisch in den Handel gelangt.

Kastration unter Betäubung ist deutlich teurer

Eine zweite Variante: Landwirte, die keine Eber mästen möchten, dürfen ihre männlichen Ferkel auch ab 2019 kastrieren - allerdings nur unter Betäubung. Deshalb müssten sie in Zukunft dafür einen Tierarzt rufen, denn nur der darf eine solche Narkose vornehmen. Dadurch würde der Eingriff aber deutlich teurer.

Auch Impfung gegen Ebergeruch möglich

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Mit solchen Impfgeräten lässt sich der unangenehme Geruch von Eberfleisch umgehen.

Eine dritte Möglichkeit schließlich ist eine Impfung gegen Ebergeruch. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes ist die sogenannte Immunokastration in einigen Ländern wie Australien bereits Standard. Doch in Deutschland sorgt sich die Branche, dass Verbraucher das entsprechende Tierarzneimittel nicht akzeptieren könnten.

Tierschutzbund: Impfung unbedenklich

Der Deutsche Tierschutzbund erklärt allerdings, die Impfung verursache keine Rückstände im Fleisch und sei für den Konsum "absolut unbedenklich". Das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt, die Europäische Arzneimittelbehörde habe das entsprechende Arzneimittel zugelassen und somit auch die Verbrauchersicherheit überprüft. Das Ministerium in Berlin wünscht sich, dass alle drei Alternativen zur betäubungslosen Kastration "gleichberechtigt Akzeptanz" finden. Doch die Praxis sieht anders aus. Die einzelnen Handelsketten fordern von ihren Lieferanten unterschiedliche Methoden und das auch noch zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Lebensmittelhandel nicht einig über zulässige Alternativen

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Ab 2019 dürfen junge Eber wie diese nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. (Archivbild)

Der Discounter Aldi Nord schreibt zum Beispiel, man setze sich für die Ebermast ein. Für 2017 habe Aldi verbindlich festgelegt, in Deutschland kein frisches konventionelles Schweinefleisch von kastrierten Tieren mehr zu handeln, heißt es aus der Pressestelle, Narkosen seien demnach nicht zulässig. Auch Rewe fordert von den Landwirten weit vor dem gesetzlichen Termin eine Umstellung. Ab 2017 wolle man kein frisches Fleisch mehr vermarkten, das von betäubungslos kastrierten Schweinen stamme, erklärt das Unternehmen. Rewe will aber alle drei Alternativen akzeptieren und plant für kleinere Höfe möglicherweise noch Übergangsfristen.

Lidl überrascht: seit 2015 kein Fleisch von kastrierten Tieren

Edeka und Netto scheinen sich noch nicht festlegen zu wollen und verweisen auf "weiteren Forschungs- und Klärungsbedarf". Kaufland hält sich beim Einstiegstermin bedeckt, will aber "Ebermast" und "schmerzfreie Kastration unter Betäubung" akzeptieren. Die Impfung, also die sogenannte Immunokastration, werde aufgrund "fehlender Verbraucherakzeptanz" ausgeschlossen, erklärt Kaufland. Der Discounter Lidl dagegen schafft offenbar längst Fakten. Nach eigener Aussage akzeptiert das Unternehmen bereits seit Anfang 2015 nur noch Frischfleisch von "nicht kastrierten Schweinen" - also von Sauen und Ebern.

Schweinehalterverband kritisiert Lebensmittelhandel

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Auch auf der EuroTier zu sehen: eine Betäubungsanlage zur Ferkel-Kastration.

Die Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) jedenfalls kritisiert die unterschiedlichen Anforderungen der Lebensmittelunternehmen. Die Landwirte wüssten nicht, auf welche Verfahren sie sich verlässlich einstellen könnten, so Sprecherin Jana Püttker. Ein Problem sei auch, dass sich die Vorgaben nur auf Frischfleisch bezögen, beklagt die ISN. Was zum Beispiel die Fleischverarbeiter wie Wursthersteller forderten, bleibe unklar, dorthin gingen aber fast 50 Prozent des Schweinefleisches.

Landvolk Niedersachsen: keine Lösung praxisreif

Grundsätzlich seien die Landwirte "gegenüber allen Lösungen" aufgeschlossen, erklärt Gabi von der Brelie, Sprecherin des Landvolks in Niedersachsen, die Landwirte würden sich auf entsprechende Signale der Marktpartner einstellen. Doch der Landesbauernverband erklärt auch: "Zurzeit kann keine der verschiedenen Alternativen zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration als praxisreif und Königsweg bezeichnet werden."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 18.11.2016 | 15:00 Uhr

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