Burgdorf: Vom sozialen Brennpunkt zum Vorzeigeprojekt

Stand: 13.08.2021 21:45 Uhr

Wenn Marion Jakobi und ihre Kollegin "ihren Stadtteil" vorstellt, dann leuchten ihre Augen. Wie sehr ihre Arbeit in dem Quartier Früchte trägt, begeistert die beiden in der Rückschau immer wieder.

von Christina Harland

"Es war laut hier und es gab ein riesiges Müllproblem", erzählt Jakobi. Die Burgdorfer Südstadt habe sich über viele Jahre zu einem Ankommens-Ort für geflüchtete Menschen entwickelt. Menschen mit großen Sorgen, wenig Geld und ohne Perspektive. Sie zogen über Jahre in den Stadtteil. Sprachbarrieren und kulturelle Konflikte brachten allerhand Sprengstoff.

"Ein großes Anliegen, da etwas zu tun"

1.200 Menschen in Sozialwohnungen, 57 verschiedene Nationen: Der Ostlandring und die anliegenden Straßen wurden zum sozialen Brennpunkt. Viele Burgdorfer mieden diese Gegend. Von den Bewohnern vis-à-vis in den schmucken Einfamilienhäusern hagelte es Beschwerden bei der Stadt. "Es war ein großes Anliegen, da etwas zu tun", beschreibt die Sozialarbeiterin die Ausgangslage.

Team sorgt für Begegnungen

Drei Frauen stehen an einem Buffet. © NDR
Gemeinsam essen, gemeinsamer Austausch: Das ist Teil des Miteinanders in der Südstadt.

Seit vier Jahren arbeitet sie mit ihrer Kollegin Claudia Ohnesorge im Ostlandring. Melahat Tas, eine Kollegin mit kurdischen Wurzeln, unterstützt die beiden in Teilzeit. Sie wohnt mit ihrer Familie selbst im Viertel. Finanziert werden die drei Stellen vom Deutschen Kinderschutzbund. Schon vor zwanzig Jahren wurde ein Nachbarschaftstreff im Ostlandring initiiert. Mit viel ehrenamtlichem Engagement. Darauf konnten die Frauen aufbauen. Was das Team gemeinsam mit den Bewohnern des Viertels auf die Beine gestellt hat, ist so bunt wie wirksam. Inzwischen ist das einstige Problemviertel ein Vorzeigebeispiel für gute Nachbarschaft. Viele Nachbarn haben sich inzwischen besser kennengelernt, treffen sich bei gemeinsamen Aktionen und sorgen auch gemeinsam für ihr Viertel. Ein großer Erfolg der engagierten Arbeit der drei Frauen, der für alle spürbar ist.

Nachbarschaftsgarten: "Für manche wie eine Therapie"

Mehr Ruhe, mehr Ordnung, mehr Vertrauen - das hat die Lage mit den Bewohnern der Einfamilienhäuser deutlich entspannt. Herzstück der neuen guten Nachbarschaft ist der gemeinsame Garten. Auf einer Brachfläche hinter den Wohnungen durften sich die Nachbarn eine eigene Parzelle anlegen und gestalten. Aus Sperrmüll entstanden Gewächshäuser und Zäune. Jetzt wetteifern prächtige Zucchini einer Familie aus Syrien mit den Bohnen von Lydia Balabko aus Kasachstan. Die kommunikative Frau weiß das neue Miteinander zu schätzen: "Ja, weil da gute Freundschaften entstehen. Mit Familie Kopczinski nebenan hatte ich früher keinen Kontakt, jetzt sind wir gute Nachbarn. Manchmal kommen auch Nachbarn vorbei, die keinen eigenen Garten haben, weil sie es hier schön finden. Für manche ist das wie Therapie."

Beim internationalen Frühstück ins Gespräch kommen

Ein Teil der Ernte landet einmal pro Woche auf einem großen Büffet - beim internationalen Frühstück. Das ist inzwischen eine feste wöchentliche Institution. Normalerweise bringt jeder etwas Landestypisches mit. Wegen Corona organisiert Melahat Tas das Frühstück derzeit in Eigenregie. Üppig und einladend ist es immer noch - und eine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. "Wir haben mit den Nachbarn zusammen Orte geschaffen für Begegnung und Austausch und dadurch ist ein Miteinander entstanden, was sich ganz langsam, wie ein Samenkorn entfaltet hat", erzählt Sozialarbeiterin Jakobi.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Bei dem Iraker Sari Edo sind die Angebote des Teams sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Vater von drei Kindern war in seiner Heimat selbständiger Kaufmann für Elektronikartikel. Als Jeside gehörte er dort zu einer Minderheit. Auch hier hat er das Gefühl, noch nicht dazuzugehören. Im Gespräch mit ihm wird schnell deutlich, wie sehr es ihn schmerzt, als Mensch mit Fluchthintergrund in Deutschland so ausgebremst zu sein. Dabei hat er inzwischen gut Deutsch gelernt und träumt von einer Ausbildung als Sozialarbeiter. Die Idee, einen Begegnungspavillon im Quartier aufzubauen, kam von ihm. Wer hier vorbeikommt, kann schnell mit anderen ins Gespräch kommen - ganz unkompliziert. Meistens liegen Zettel neben den Kaffeekannen auf den Stehtischen. Darauf stehen Stichwörter, über die man diskutieren kann. Diesmal geht es um Demokratie. Für Sari Edo keine Selbstverständlichkeit: "Bei uns gab es keine Demokratie, wir waren ja auch eine Minderheit und haben wenig Möglichkeiten gehabt." Mit Deutschland verbindet er Hoffnung auf eine Zukunft, Chancen für sich und seine Familie.

Wie funktioniert Deutschland?

Demokratie und Mitbestimmung, für die meisten Menschen im Quartier ist das Neuland. Deshalb arbeiten die Sozialarbeiterin Jakobi und ihre beiden Kolleginnen nicht nur daran, dass die Menschen hier in Kontakt miteinander kommen und Konflikte abbauen. Es geht jeden Tag auch darum zu vermitteln, wie Deutschland funktioniert. Wie man sich in die Gesellschaft einbringen kann, welche Rechte Menschen hierzulande haben: "Demokratie in die Köpfe der Menschen zu bekommen, geht darüber, dass wir am Ball bleiben. Und dass wir immer wieder den Menschen aufzeigen, dass wir nur gemeinsam stark sind und dass jeder auch diese Stärke in sich trägt. Dadurch, dass wir Angelegenheiten aus dem Rat, aus der Politik, hier zusammen mit den Menschen besprechen, kommt es ihre Köpfe und sie merken immer mehr, dass sie selbst etwas bewegen können", sagt sie.

Bewohner übernehmen Verantwortung

Selbst etwas bewegen, Verantwortung für sich und andere übernehmen, das ist inzwischen vielen Menschen im Quartier wichtig - in Kursen, wo sie lesen und schreiben lernen, in der Fahrradwerkstatt oder im Müttertreff. Jakobi und ihre Kolleginnen arbeiten für ihre Angebote mit verschiedenen Anbietern zusammen. Regelmäßig laden sie auch zu Beratungen ein. Es gibt Sprechstunden mit der Polizei, dem Hausmeister oder einer Hebamme. So entsteht ein unsichtbares Netzwerk und nützliches Wissen über gutes Zusammenleben. Jakobi ist überzeugt, dass diese Strategie nicht nur das Quartier verändert, sondern auch die Lebenswege der Menschen: "Demokratie lebt von kleinen Schritten. Die Menschen müssen lernen, sich verantwortlich zu fühlen, dann ist die Entwicklung auch nachhaltig."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 13.08.2021 | 19:30 Uhr

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