Stand: 09.03.2019 08:53 Uhr

Gefälscht wurde immer: Fake News aus 3.000 Jahren

Wir leben in der "postfaktischen" Zeit, der Ära der "alternativen Fakten". So neu ist das alles aber gar nicht: Lügen ging auch schon vor dem Internet ganz gut.

"Fake News!" brüllt US-Präsident Donald Trump ins Mikrofon, wenn ihm Presseberichte nicht gefallen. Nur mir könnt Ihr glauben, so die Botschaft an seine Fans, und die nehmen ihm das dankbar ab. "Lügenpresse!" rufen Rechtspopulisten, wenn Nachrichten nicht in ihr Weltbild passen. Das sind keine neuen Strategien. Ebenso wenig ist es eine neue Idee, durch Falschmeldungen und Fälschungen bestimmte Ziele zu erreichen und Meinungen zu beeinflussen. Autor Peter Köhler hat in seinem Buch "Leonardos Fahrrad" zahlreiche Fake News, Lügen- und Fälschungsgeschichten gesammelt - und dabei weit in die Vergangenheit geschaut. Bis ins Jahr 1274 vor Christus, als Ramses die Hethiter besiegte - angeblich. Und Leonardo da Vinci hat nicht das Fahrrad erfunden: Eine Zeichnung, die dies nahelegte, war gefälscht. Es wurde immer gelogen und die Lügen wurden immer geglaubt. Hat sich dennoch etwas verändert in den vergangenen 3.000 Jahren? Peter Köhler liest am Sonntag in Göttingen aus seinem Buch - NDR.de hat ihm vorher einige Fragen gestellt.

Herr Köhler, inwiefern unterscheiden sich heutige Fake News aus Ihrer Sicht von denen vor 100 oder auch vor 1.000 Jahren?

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Autor und Journalist Peter Köhler hat Fake News aus 3.000 Jahren gesammelt.

Peter Köhler: Die Medien spielen eine große Rolle. Zeitungen gibt es erst seit der frühen Neuzeit, die Fotografie seit knapp 200 Jahren. Radio, Fernsehen und vor allem das Internet sind noch jünger. Zwar darf man annehmen, dass schon immer geflunkert, betrogen, gefälscht wurde, aber massenwirksam geht es erst mit der Etablierung der modernen Medien: Kaum ist eines halbwegs etabliert, fängt es an. Schon im Krimkrieg Mitte der 1850er-Jahre wurden Fotos regelrecht inszeniert. Oder nehmen Sie das berühmte Foto des berühmten Fotografen Robert Capa aus dem spanischen Bürgerkrieg, das exakt den Augenblick festhält, in dem ein Kämpfer der antifaschistischen Brigaden von einer Kugel tödlich getroffen wird und mit bühnengerechter Geste stürzt. Das Foto machte die Runde um die Welt, aber es war gestellt - sicherlich mit einem guten Gewissen, aber es bleibt eine Fälschung. Übrigens verwendeten schon die Flugblätter im 16. Jahrhundert und bald die ersten Zeitungen Zeichnungen zur Bebilderung haarsträubender Falschnachrichten - der Mensch ist halt ein Augentier.

Lesung: "Leonardos Fahrrad" in Göttingen

Die berühmtesten, abstrusesten und kuriosesten Fake News aus Geschichte und Gegenwart: Peter Köhler liest aus seinem Buch "Leonardos Fahrrad".
Sonntag, 10. März 2019, 11.30 Uhr
Altes Rathaus, Markt 9,
37073 Göttingen
Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro

Wird die Verbreitung von Fake News heute mit mehr Systematik und wissenschaftlichem Ehrgeiz betrieben?

Köhler: Wir sind auf Dokumente angewiesen, und in der Antike wie im Mittelalter ist vieles nicht verschriftlicht worden. Wir wissen kaum jemals, ob vielleicht ein Bote mit einer Falschnachricht einen Krieg auslöste oder was so an Gerüchten kursierte. Die meisten Fälschungen, von denen man weiß, betreffen Haupt-und Staatsaktionen, es geht um Hoheitsrechte, um Landbesitz. Von 196 Urkunden aus der Merowingerzeit sind zwei Drittel Fakes. Die Merowinger regierten vom 5. bis 8. Jahrhundert, doch die fraglichen Dokumente entstanden erst im 12. Jahrhundert. Man kann also schon sagen, dass bereits damals systematisch und mit Ehrgeiz gefälscht wurde.

Heute, im Zeitalter des Internets, gibt es die Bots, also Kommunikationsroboter, die automatisiert Nachrichten und folglich auch massenhaft Fake News über die sozialen Netzwerke versenden. Die pure Menge einer einzigen Falschnachricht gaukelt dann deren Richtigkeit vor.

Was ist mit denjenigen, die Falschmeldungen und Gerüchten glauben: War der Hang der Menschen zum Glauben, beziehungsweise zum Glaubenwollen, schon immer ausgeprägt?

Köhler: Weil die Menschen heute nicht anders gebaut sind als früher, werden Leichtgläubigkeit oder im Gegenteil Skepsis ebenso verbreitet gewesen sein wie heute. Es gab nur keine Massenmedien und kein Internet als Bühne, wo sich jeder ausbreiten kann. Bei Zeitung, Radio, Fernsehen ist das nicht so leicht möglich. Dort werden die einlaufenden Informationen auf Stichhaltigkeit geprüft und nur die richtigen durchgelassen. So jedenfalls die Theorie, der journalistische Anspruch.

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Haben sich die Motive der Absender und Empfänger von Fake News verändert oder sind es schon immer dieselben?

Köhler: Das Streben nach oder die Sicherung von Macht, Ansehen, Einfluss, Geld waren schon immer der schlechte Grund zum Fälschen, Betrügen, Lügen. Es gibt aber auch gute Gründe für eine Fälschung: Man jubelt einer Zeitung einen sogenannten Grubenhund unter, eine bewusste, satirische Falschmeldung, um zum Beispiel den naiven Glauben an eine sorgfältig recherchierende, neutral berichtende, der Wahrheit verpflichtete Presse zu erschüttern. Das Satiremagazin "Titanic" erlaubt sich öfter solche Scherze.

Vielleicht sorgen all die Katastrophen und Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte dafür, dass immer mehr Leute den Glauben an eine gute Zukunft, an eine rationale Politik verlieren, vor allem, wenn es auch persönlich abwärts geht. Der Mensch sucht immer nach Ursachen, und wenn er unzufrieden ist, will er einen Schuldigen haben - und sitzt womöglich irrationalen Verschwörungstheorien auf.

Ein Beispiel: Sie zitieren in Ihrem Buch eine Frau, die in einem Fernseh-Interview sagt: "Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte". Wie erklären Sie sich eine solche Einstellung?

Köhler: Wenn die Frau patzigerweise sagt: "Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte", dann vermutlich deshalb, weil sie zwar hört, etwas sei gelogen, hinter dieser Behauptung aber selber eine finstere Macht vermutet, die Leute wie sie hinters Licht führen will. Die Aufklärung über Fake News wird also selbst als Fake News abgetan, weil sie dem eigenen Weltbild, den eigenen Interessen zuwiderläuft.

Peter Köhler

Peter Köhler, geboren 1957, ist Journalist und Schriftsteller und lebt in Göttingen. Er arbeitet als Satiriker und Literaturkritiker für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter die "tageszeitung", der "Eulenspiegel" und die "Titanic". Köhler hat zudem Anthologien und Sachbücher veröffentlicht. Er gehört zur satirischen "Neuen Göttinger Gruppe" und zur Jury des Satirepreises "Göttinger Elch".

Sie haben sehr viele Beispiele von Falschmeldungen, Fälschungen und Gerüchten gesammelt. Gibt es einige, die für Sie besonders herausstechen?

Köhler: Besonders folgenreich war die Konstantinische Schenkung, eine Urkunde aus dem frühen Mittelalter. Sie bewies scheinbar, dass der Papst in Rom nicht nur die höchste religiöse Autorität ist, sondern auch Fürsten, Könige und der Kaiser ihm untertan sind. Das prägte die mittelalterliche Geschichte und wirkte bis ins 19. Jahrhundert. Die Konstantinische Schenkung ist aber eine Fälschung aus dem 8. Jahrhundert.

Andere Beispiele, die ich wohl nicht näher erläutern muss: die Fälschungen, mit denen die US-Regierung unter George W. Bush den zweiten Irakkrieg begründete; der angebliche polnische Überfall auf den Sender Gleiwitz, der Nazi-Deutschland als Vorwand zur Entfesselung des Angriffs auf Polen diente; die Hitler-Tagebücher.

Woher kommt Ihre Faszination für das Thema Fälschungen und Fake News?

Köhler: Es gibt ein allgemeinmenschliches Streben nach Erkenntnis und Wahrheit. Es ist schon in der Natur angelegt, weil es überlebenswichtig ist - biologisch bei Tier und Pflanze, sozial beim Menschen.

Was mich betrifft: Ich war schon immer von Satire und Nonsens fasziniert. Nonsensdichtung hat ein ganz eigenes Verhältnis zur Realität, man erschafft sich eine ganz eigene lustige Welt. Vom Nonsens kam ich sehr viel später zur Religion. Die hat notwendigerweise mit Dingen fernab der empirischen Wirklichkeit zu schaffen. Ich musste sogar feststellen, dass die Gestalt des Moses eine Erfindung ist, es den Jesus des Neuen Testaments nicht gab und auch an der Existenz Mohammeds Zweifel bestehen. Damit war ich beim Thema Fälschung angelangt.

Um den Bogen wieder zurückzuschlagen: Manche Fälschungen sind herrlicher Nonsens, sollen im besten Fall sogar entdeckt werden und die Leute dazu bewegen, nicht alles für bare Münze zu nehmen und rechtzeitig den eigenen Verstand einzuschalten.

Das schriftliche Interview führte Julia Scheper

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 08.03.2019 | 10:30 Uhr

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