Stand: 20.06.2019 16:22 Uhr

Braunschweiger Neonazis feiern Lübcke-Attentäter

von Stefan Schölermann
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David Janzen fühlt sich von Rechtsextremisten bedroht. (Archivbild)

David Janzen ist nicht so leicht zu erschrecken: Er ist in Braunschweig Sprecher des "Bündnisses gegen Rechts" und engagiert sich seit mehr als 30 Jahren gegen Neonazis und andere Aktivisten am braunen Rand. Doch was der 47-Jährige jetzt im Internet entdeckt hat, ließ ihm dann doch zunächst den Atem stocken. Auf Social-Media-Accounts der rechten Szene entdeckte er den Spruch "Heute Walter - morgen Janzen". David Janzen geht davon aus, dass damit er selbst gemeint ist. "Walter" ist eine offenkundige Anspielung auf den in Kassel erschossenen Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Janzens erste Reaktion: "Das schafft Verunsicherung und man fragt sich, wie ernst muss man eine solche Drohung nehmen?"

Neonazi-Gruppierung offenbar Urheberin

Im Internet wird der mutmaßliche Lübcke-Attentäter als "Bruder" gegrüßt.

Die Urheber dieser Drohung sieht Janzen praktisch vor der eigenen Haustür. Gefunden hat er sie auf dem Account eines Mannes, der offenbar der rechtsextremen Gruppierung "Adrenalin BS" zuzurechnen ist. "BS" steht hierbei für Braunschweig. Hinter "Adrenalin BS" verbergen sich Neonazis, die vor allem durch ein hohes Maß an deutlich zur Schau gestellter Gewaltbereitschaft auf sich aufmerksam machen. Dem mutmaßlichen Todesschützen von Kassel schicken sie mit einem Internet-Posting "Grüße an den Bruder in Haft" und schreiben dazu: "Es wird geschehen, der Tag ist nicht mehr fern. Da werden all die hohen Herrn gehangen an die Latern'."

Verfassungsschutz hat Gruppe im Blick

Niedersachsens Verfassungsschutz ist "Adrenalin BS" im jüngsten Jahresbericht fünf Zeilen wert. Dort heißt es: "Die Angehörigen dieser Gruppierung traten bereits in der Vergangenheit als rechtsextremistische Gewalttäter in Erscheinung. In den sozialen Medien präsentieren sie sich als Kampfsportler, die ganz bewusst die Konfrontation mit Angehörigen der Antifa suchen." Und das ist erkennbar nur ein Teil der Wahrheit. Denn ein Blick in regionale Medien offenbart, dass es eine Vielzahl von Angriffen auf anders denkende und anders aussehende Menschen gegeben hat.

David Janzen vom "Bündis gegen Rechts" spricht bei einer Veranstaltung.

David Janzen spricht über die Drohungen gegen ihn

NDR Info - Aktuell -

In Braunschweig bedrohen Neonazis einen Mann, der sich seit Jahren gegen die Rechte Szene einsetzt: David Janzen, Sprecher des Braunschweiger Bündnisses gegen Rechts.

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Bedrohliche Gesten und Aktionen

Mit bedrohlicher Geste Präsenz gezeigt haben Angehörige von "Adrenalin BS" kürzlich bei einer #FridaysForFuture-Demonstration und offenbar in besonders einschüchternder Weise vor dem Haus des Braunschweiger Ratsherrn Peter Rosenbaum: Es geschah an einem Winterabend, als sich etwa neun dunkel gekleidete Männer vor seinem Haus aufbauten. Sie trugen Totenkopfmasken, auf Kleidungsstücken waren Symbole von Schlagringen zu sehen. Auf einem Transparent machten sie deutlich, was sie im Schilde führten: "Wir hängen nicht nur Plakate auf". Der Ratsherr erstattete Strafanzeige. Bedroht werden auch immer wieder Mitglieder des Jugendverbands der Linken in Braunschweig.

Briefkasten eines SPD-Ortsverbands war Dauerziel

Regelmäßiges Ziel von Beschädigungen ist der Mitteilungskasten des SPD-Ortsverbands Nordstadt. Der Kasten wurde so oft zerstört, dass man es jetzt aufgegeben habe, einen neuen aufzustellen, sagt SPD-Mann Jens Dietrich. Besonders dreist: Ein Mitglied von "Adrenalin BS" hatte sich vor dem zerstörten Briefkasten ablichten lassen und das Bild auf seiner Facebook-Seite gepostet.

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Einem Schüler wurde der Kiefer gebrochen

Doch die Gruppierung belässt es nicht bei Drohungen, gewaltsamen Posen und Sachbeschädigungen. Ihre Mitglieder kokettieren nicht nur im Internet mit der Teilnahme an rechtsextremen Kampfsport-Trainings, sondern machen davon offenbar auch Gebrauch: Immer wieder wird in den Medien von gewaltsamen Übergriffen mit zum Teil ernsten Folgen berichtet. Im schlimmsten Fall wurde einem Schüler, der gegen die Verteiler rechter Aufkleber protestierte, der Kiefer gebrochen.

Janzen: Neonazis wollen "Angsträume schaffen"

Die Mitglieder der Gruppierung verstehen sich als "Straßenkämpfer, die bewusst Gewalt einsetzen gegen politisch Andersdenkende und Polizisten", sagt David Janzen. Es gehe ihnen darum, "Angsträume zu schaffen, in denen sich der Gegner nicht mehr frei bewegen kann."

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"Anzeigen verlaufen im Sande"

Während der Verfassungsschutz keine Zahlen nennt, schätzt Janzen die Mitgliederstärke von "Adrenalin BS" auf 15 Personen. Janzen kritisiert, dass die Behörden aus seiner Sicht zu wenig unternehmen gegen diese Truppe: "Die sind seit Jahren hier aktiv, sind gewalttätig. Aber Anzeigen verlaufen im Sande oder Strafen fallen zu milde aus. Sie selber haben offenbar den Eindruck, dass sie machen können, was sie wollen." Janzen jedenfalls will sich durch die jüngsten Drohungen der Neonazis an seine Adresse nicht einschüchtern lassen: "Das wäre genau das, was diese Leute wollen."

Auflösung aus taktischen Gründen?

Unterdessen hat die Gruppierung nach Informationen von NDR Info ihre Auflösung erklärt - offenbar aus taktischen Gründen:  "Liebe Mitstreiter, Freunde Unterstützer. Am heutigen Tage geben wir, die Sport- und Kampfgemeinschaft Adrenalin BS unsere sofortige Auflösung bekannt", heißt es in einem Internet-Post, der von zwei führenden Mitgliedern der Gruppierung am 19. Juni 2019 veröffentlicht worden ist. Doch das ist offenbar erkennbar kein Sinneswandel zum Besseren: "Unsere alten Mitglieder werden in anderen Parteien und Organisationen aufgehen", heißt es dort. Man werde "Freunde und Brüder bis zum letzten Blutstropfen bleiben". Der "Kampf um Braunschweig, der Kampf um Deutschland ist noch lange nicht beendet". Man kann es auch so übersetzen: Die Neonazis haben von Rockern gelernt. Aus Angst vor den Behörden werden Strukturen abgeschafft, um unerkannt weitermachen zu können.


20.06.2019 11:08 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatten wir geschrieben, dass ein Foto, das David Janzen zeigt, auf rechten Seiten im Netz verbreitet worden sei. Dies ist nicht der Fall.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.06.2019 | 06:20 Uhr

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