Stand: 21.07.2017 18:54 Uhr

Braunschweig - wo die Welt eine Scheibe ist

von Tino Nowitzki

Die Welt ist eine Scheibe. Was die Wissenschaft spätestens seit Galileo Galilei anders sieht, ist für Discgolfer ein ehernes Gesetz. Und es gilt vor allem für die Region um Braunschweig. Denn hier liegt für die Freizeitsportler, die mit Frisbee-Scheiben golfähnliche Parcours absolvieren, eine Art Epizentrum ihrer Leidenschaft: Hunderte Discgolf-Sportler tummeln sich zwischen Peine und Harz. Dazu findet man eine Parcour-Dichte vor, die in der gesamten Bundesrepublik ihresgleichen sucht. Selbst Großstädte wie Berlin und München sehen im Vergleich alt aus. Manch Discgolfer verlegt deswegen sogar seinen Urlaub in die Region, nur um hier ausgelassen seine bunten Scheiben durch die Luft surren zu lassen. Braunschweig - das Mekka eines Trendsports?

Wie Pilze aus dem Boden

"Auf jeden Fall ist Discgolf ungemein im Kommen", sagt Daniel Mowinkel. Er ist einer der Vorsitzenden der Tee-Timers aus Wolfenbüttel, dem ältesten Discgolf-Verein in der Region. Dass er nicht flunkert, sieht man ziemlich schnell wenn man mit ihm und seinen Mitsportlern durch den Braunschweiger Westpark zieht. Es dauert nicht lange, da sprießen Tees (gesprochen: Tiehs) scheinbar wie Pilze aus dem Boden. Ein bisschen sehen sie aus, wie übergroße Mülltonnen mit Ketten daran. Und tatsächlich werden sie auch oft dafür gehalten, sagt Mowinkel. In Wahrheit sind sie aber Teil eines Netzes von Discgolf-Parcours, dass sich über die gesamte Region um Braunschweig erstreckt: 13 sind es, mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Und zu den meisten braucht es nicht mehr als eine halbe Stunde Fahrt. Auch der amtierende Vize-Europameister im Discgolf kommt aus der Region: Marvin Tetzel - ein Wolfenbütteler. Dabei ist die Randsportart hier zwar tief verwurzelt - das liegt aber noch gar nicht lange zurück. Und es hat etwas mit Amerika zu tun.

Discgolf: Ein US-Import

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Sie glauben, dass Discgolf hierzulande so populär wird wie in den USA: die Discgolfer Elias Güldenhaupt sowie Holger Hielscher und Daniel Mowinkel von den Tee-Timers aus Wolfenbüttel.

In den Staaten liegt nicht nur die Wiege des Discgolfs - dort ist es auch richtig groß: Fast 100 Millionen Zuschauer hat die "Super Bowl des Disc Golfs" genannte US-Meisterschaft jedes Jahr. Und dort machte auch der spätere Tee-Timers-Gründer Stefan Brandes auf einer Studienreise Bekanntschaft mit dem Sport. Zurück in Deutschland wollte er es wissen, und Discgolf auch hier bekannt machen. Zehn Jahre später hatte sein Verein nicht nur 70 Mitglieder. In Wolfenbüttel stand auch der erste echte Parcours in der Region. Schnell wurden es mehr: in Braunschweig zunächst einer, dann zwei, dann am Tankumsee bei Gifhorn, in Helmstedt, Peine, Hildesheim. Sogar in Altenau im Harz. Seit zehn Jahren erlebt die Region einen Boom in Sachen Discgolf. Für Tee-Timer Daniel Mowinkel eine logische Sache: "Die Städte kostet so ein Parcours mit Körben nicht viel Geld und er lockt Menschen in den Park", sagt der 25-Jährige. Auch für die Sportler selbst sei das Hobby ziemlich günstig - eine Scheibe kostet kaum mehr als 20 Euro. Fange einer damit an, spreche sich das eben schnell herum.

Jeans statt englischer Bommelmütze

Und dann sei da natürlich noch der Spaß. "Es fasziniert mich einfach, wie die Scheiben fliegen", sagt Mowinkel. Die Bahn nach dem Abwurf - auch "Drive" genannt - sei oft ganz unterschiedlich. Je nachdem, wie gut und in welchem Winkel geworfen wurde und wie der Wind gerade steht. Selbst nasses oder trockenes Gras spielt eine Rolle. Es beeinflusst, wie die Scheibe nach dem Flug aufkommt. Maximal dreimal sollte sie aber auf dem Boden landen und erneut in den Korb geworfen werden - dann hat man ein Par geschafft. Ganz ähnlichem dem "echten" Golf also: Auch da wird auf 18 Löcher gespielt und das Par ist die Messlatte. Ansonsten haben die beiden Sportarten aber nicht viel miteinander zu tun, findet Mowinkel: "Golf ist viel elitärer. Wir sind alle echt locker und reden uns beim Vornamen an." Statt karierter Hose und englischer Bommelmütze tragen Discgolfer lieber Jeans und T-Shirt. Trotzdem: Wie Golfer auf ihre Schläger schwören auch Discgolfer auf verschiedene Scheiben. Und können dabei auch genauso verschroben sein.

Jeder kommt zum "Scheibenonkel"

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In keiner Region Deutschlands gibt es derart viele Discgolf-Parcours, wie in der größeren Braunschweiger Umgebung.

"Jeder Sportler hat locker 20 bis 50 Scheiben zu Hause", sagt Peter Mielke, Inhaber eines Discgolf-Ladens in Vechelde bei Braunschweig. Denn keine Scheibe fliegt gleich. Manche tun es besser rechts herum, andere links herum. Wieder andere sind schwerer und steuern den Ziel-Korb bei Wind besser an. Und dann gibt es - wiederum ähnlich dem Golf - auch Sportgeräte für die Kurz-, Mittel- und Langdistanz. Deswegen hält Mielke in seinem Laden auch mehr als 10.000 Scheiben vor von 600 verschiedenen Modellen in allen möglichen Farben und Gewichtsklassen und hat damit den selbst ernannt größten Discgolf-Shop Deutschlands. Kein Wunder also, dass sich beim als "Scheibenonkel" bekannten Händler die Discgolf-Szene die Klinke in die Hand gibt: "Von Kids bis zum Rentner kommt hier jeder rein, wenn er eine Scheibe will", sagt Mielke. Und das trifft auch auf das Who is Who der Szene zu: Deutsche Meister, Europameister, auch der ehemalige Welt-Champion Avory Jenkins aus den USA war schon hier. Manch Kunde entpuppe sich sogar als Discgolf-Tourist: "Die ganz Verrückten planen sogar ihren Urlaub in der Region, um hier die Parcours abzuklappern", so Mielke.

Die Region Braunschweig hängt Berlin und München ab

Für den Ladenbesitzer völlig selbsterklärend: Denn genau das sei woanders auch schwierig. In einer Großstadt wie Berlin gebe es keinen einzigen festen Parcours, München hat gerade die Eröffnung der ersten Anlage gefeiert. Gefeiert - "Scheibenonkel" Mielke kann darüber nur müde lächeln. Aber auch Daniel Mowinkel von den Tee-Timers weiß um die Gravitationswirkung des Discgolf-Epizentrums um Braunschweig: Seit Jahren gibt es hier den einzigen Discgolf-Marathon, bei dem an einem Wochenende alle Parcours bespielt werden. Und es gibt so viele Turniere, wie nirgends sonst. "Außer vielleicht im Discgolf-verrückten Schweden", sagt Mowinkel. Auch an diesem Wochenende, bei den Braunschweig Open, erwartet er wieder Teilnehmer aus vielen Ecken des Landes. Ob der Sport jemals so groß wird, wie im Mutterland Amerika? "Warum nicht? Wir arbeiten auf jeden Fall daran", so Mowinkel. Im Discgolf-Mekka Braunschweig ist der Glaube eben unerschütterlich: Die Welt ist eben doch eine Scheibe.

Dieses Thema im Programm:

Regional Braunschweig | 21.07.2017 | 17:00 Uhr

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