Stand: 23.05.2018 15:59 Uhr  | Archiv

Das "FiSch"-Projekt hilft schwierigen Schülern

von Katrin Schwier

Eltern mit Kindern im schulpflichtigen Alter kennen das Problem: In fast jeder Klasse sind Schüler, die sich nicht an Regeln halten, den Unterricht stören und so den Großteil der Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich ziehen. Der Unterricht muss immer wieder unterbrochen werden, Lehrer und Mitschüler sind genervt. Aber auch die Störenfriede selber leiden unter ihrem Verhalten. Das Projekt FiSch, kurz für Familie in Schule, kommt ursprünglich aus der Familientherapie und soll verhaltensauffälligen Schülern helfen. Die "NDR Info Perspektiven" haben eine FiSch-Klasse in Lüneburg besucht.

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Verhaltensauffälligen Kinder gehen nicht nur zu Hause oft "über Tische und Bänke".

FiSch steht für Familie in Schule und der Name ist Programm: Die Zusammenarbeit mit den Eltern soll gestärkt werden. In Schleswig-Holstein wird das Konzept schon länger eingesetzt und breitet sich immer weiter Richtung Süden aus.

Vielleicht ist es schon der Ortswechsel, der für Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten einen Unterschied macht. Einmal pro Woche gehen sie deshalb nicht in ihre reguläre Schule, sondern treffen sich an einem neutralen Ort. In den Räumen der Paul-Gerhard-Gemeinde in Lüneburg werden maximal sechs Kinder von einer Lehrerin, einer Sozialpädagogin und einem Förderschullehrer betreut.

Rituale, Regeln und Anerkennung

Statements von Eltern beim Projekt "Familie in Schule" in Lüneburg. © NDR Foto: Katrin Schwier

"FiSch-Projekt" für verhaltensauffällige Schüler

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

"FiSch" (Familie in Schule) heißt ein Projekt in Lüneburg, mit dem Störenfriede in Grundschulklassen gebändigt werden sollen. Die Methode kommt aus der Familientherapie.

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Zu Beginn sitzen alle gemeinsam in einem Stuhlkreis und werden von ihrer Lehrerin Anne Bals mit einem festen Ritual begrüßt. Eines der Kinder ist Tyler. Der Sechsjährige hatte in seiner Klasse große Probleme mit seinen Mitschülern und kam deshalb zur FiSch-Klasse. Diese Woche ist er stolz auf seine Fortschritte und erzählt, dass er sich in der Schule mit niemandem gestritten und sich seine Spielkameraden bewusst ausgesucht habe. Das war nicht immer so. "Ich musste ganz oft abgeholt werden, weil ich Mist gebaut habe", sagt Tyler. "Ich habe manche gehauen oder Mädchen mit Stöckern verkloppt und da wurde ich immer abgeholt."

In der FiSch-Klasse soll er nun lernen, sich an Regeln zu halten. Die Ziele sind dabei niedrig gesteckt. "Ich bin freundlich, ich arbeite zehn Minuten lang konzentriert, bei Streit hole ich Hilfe", lauten die Vorgaben. Erreichen die Schüler diese Ziele, bekommen sie von den Lehrern viel Lob und Anerkennung. Eine neue Erfahrung, die bei Kindern wie Tyler viel bewirkt, erklärt FiSch-Lehrerin Anne Bals. Er erlebe sich nicht nur als Problemfall und als Störenfried, sondern als ein Kind, das sich steuern und auch erfolgreich sein kann.

Tyler beim Projekt "Familie in Schule" in Lüneburg

Beziehung zwischen Eltern und Kindern stärken

Entscheidend beim FiSch-Projekt ist, dass die Eltern bei den Treffen immer dabei sein müssen. Denn Verhaltensprobleme der Kinder ließen sich nur mithilfe der Eltern lösen. Ein wichtiger Bestandteil sind deswegen Spiele, um die Beziehung untereinander zu stärken. Die Eltern seien unheimlich stolz auf ihre Kinder, wenn die ihre Ziele erreichen, erklärt Lehrerin Bals. "Es ist sehr schön zu sehen, was da zwischen Eltern und Kindern passiert. Da entwickelt sich eine ganz neue Beziehung, eine ganz andere Art der Wahrnehmung. Das bestärkt auch die Kinder, sich noch mehr anzustrengen, weil sie wissen, dass die Eltern das wahrnehmen."

Auch Tylers Vater nimmt sich Mittwochvormittag immer Zeit für die Treffen der FiSch-Klasse. Für den 51-Jährigen ist der Erfahrungsaustausch mit den anderen Eltern besonders wichtig. Schon nach wenigen Treffen hat der alleinerziehende Vater bemerkt, dass sein Sohn zu Hause ruhiger sitzt und konzentrierter ist. Die Veränderungen kämen langsam, aber es beginne zu fruchten.

Ein voller Erfolg

In der Regel kommt jedes Kind zwölf mal zur FiSch-Klasse. Hat die intensive Betreuung nicht den gewünschten Erfolg, dürfen die Kinder auch öfter kommen. Die Erfahrungen seien aber durchweg positiv, sagt Henning Torp, Leiter einer Grundschule in Lüneburg. Er hat gemeinsam mit einer Nachbarschule schon mehr als 20 Kinder zum FiSch-Projekt geschickt und ist sehr zufrieden: "An beiden Schulen sind die Ergebnisse so gut, dass auch die Lehrkräfte und Eltern uns positive Veränderungen bei ihren Kindern zurückmelden. Das nehmen wir auch im Unterricht wahr."

Tyler kommt jedenfalls gerne zur FiSch-Klasse. Und seitdem er an seinen Zielen arbeitet und erfährt, dass auch er Erfolg haben kann, ist in der Schule kein Streit mehr eskaliert und er musste nicht mehr abgeholt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 24.05.2018 | 06:20 Uhr

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