Stand: 05.09.2020 09:35 Uhr

Wölfe in MV: Artenschutz versus Tierschutz

Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Susanne Petersen züchtet in Quarlitz Dorperschafe. © NDR Foto: Franziska Drewes
Dorperschafe auf einer Weide im Landkreis Rostock - die Rasse kommt ursprünglich aus Südafrika.

Kein anderes Tier polarisiert so stark wie der Wolf. Tierhalter in Mecklenburg-Vorpommern haben Angst um ihre Schafe, Ziegen oder Kälber. Immer mehr Tiere werden hierzulande von Wölfen angegriffen. Halter schützen ihre Tiere verstärkt mithilfe von Elektrozäunen und Herdenschutzhunden. Naturschutzorganisationen wie der NABU, der BUND, der WWF und auch der Landesjagdverband begrüßen die Rückkehr des Wolfes. Für sie ist es ein klares Zeichen dafür, dass mit ihm Mecklenburg-Vorpommern artenreicher geworden ist. Für den WWF ist der Wolf ein wichtiger Teil unseres Ökosystems und seine Rückkehr ein großer Erfolg für den Artenschutz.

Auch die Deutsche Wildtierstiftung widmet sich dem Tier. Die Artenschützer finden, dass der Mythos vom "bösen Wolf" noch immer tief in der Bevölkerung verankert ist und Ängste schürt. Nach Angaben der Deutschen Wildtierstiftung kommt es immer wieder vor, dass Wölfe vergiftet oder erschossen werden - und das ist illegal. Die Politik verweist auf die gesetzlichen Vorgaben, die einen Abschuss von sogenannten Problemwölfen klar definiert. Fakt ist: Wölfe sind laut EU-Recht und Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.

Einst ausgerottet, nun zurückgekehrt

1904 wurde in Deutschland der letzte Wolf geschossen. Seitdem galt das Tier hierzulande als ausgerottet. Mittlerweile ist das Raubtier auch nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt. Im Jahr 2014 wurde das erste neue Rudel registriert. Die genaue Anzahl der Wölfe wird deutschlandweit über das sogenannte Wolfsmonitoring ermittelt. Dafür werden auch Wildkameras und Daten von Sendern ausgewertet, mit denen Wölfe ausgestattet wurden. Tiere werden auch von Wolfsbetreuern, Jägern oder Landwirten beobachtet und gemeldet.

Aktuelle Landeszahlen liegen seit Anfang September vor. Demnach ist die Zahl der Wölfe deutlich gestiegen. Drei neue Rudel wurden registriert. Sie leben in den Regionen Laasch im Landkreis Ludwigslust-Parchim, Billenhagen bei Rostock und Eichhorst bei Neubrandenburg. Damit ist die Zahl der Rudel im Laufe eines Jahres von acht auf elf gestiegen. Aus den Daten geht hervor, dass im Mai insgesamt 21 Welpen geboren wurden. Im Rudel in Billenhagen konnten beispielsweise sieben Welpen bestätigt werden, im Rudel im Müritz Nationalpark wurden drei Welpen gefilmt. Das bekannte Wolfspaar in der Region Lübtheen konnte erneut bestätigt werden. Ob eine Wölfin noch immer in der Ueckermünder Heide lebt, ist derzeit unklar. Sie wurde im vergangenen Jahr das letzte Mal gesichtet. Neben den bekannten Territorien gibt es Hinweise auf Wölfe aus mehreren anderen Regionen des Landes.

Immer mehr Wolfsrisse in Mecklenburg-Vorpommern

Die Statistik belegt auch, dass immer mehr Nutztiere durch Wölfe gerissen werden. Im laufenden Jahr gab es schon mehr als 50 Risse, die entweder nachweislich oder sehr wahrscheinlich durch Wölfe verursacht wurden. Nicht in allen Fällen liegen dem Umweltministerium bereits genetische Untersuchungsergebnisse vor. In diesem Jahr haben Wölfe überwiegend Schafe, in einigen Fällen auch Ziegen, Damwild oder Kälber verletzt beziehungsweise getötet. Die meisten Rissvorfälle in diesem Jahr wurden bislang aus den Landkreisen Vorpommern-Greifswald (13), Vorpommern-Rügen (10) und Ludwigslust-Parchim (7) gemeldet. Bei knapp jedem zweiten Fall seien die Tiere nicht ausreichend geschützt gewesen, so Umweltminister Till Backhaus (SPD). Um Nutztiere besser vor Wölfen zu schützen, können Halter beim Land finanzielle Unterstützung beantragen, etwa für Herdenschutzhunde oder spezielles Zaunmaterial. Bis zum Sommer dieses Jahres wurden dafür etwa 440.000 Euro beantragt.

Gerissener Zuchtbock war ein "beliebtes Familienmitglied"

In Quarlitz im Landkreis Rostock züchtet Susanne Petersen Dorperschafe. Die Rasse kommt ursprünglich aus Südafrika. Die Züchterin hatte in diesem Jahr erstmals einen Riss. Am späten Abend des 31. Mai rief sie der Jäger an. "Ich musste den Bock einschläfern, weil ihm die Gedärme heraushingen, er aber noch lebte. Das hat mich emotional sehr angefasst." Der Zuchtbock war genetisch gesehen einer ihrer besten und "ein beliebtes Familienmitglied". Die Tierärztin hält 400 Muttertiere. Um ihre Herden bestmöglich zu schützen, sind die Koppeln von hohen Stromnetzen umschlossen, die teilweise 3.500 Volt stark sind. "Die muss der Wolf übersprungen haben. Anders kann ich es mir nicht erklären", erzählt Susanne Petersen. Mittlerweile denkt sie über Herdenschutzhunde nach. "Die sind aber sehr aufwendig in der Aufzucht und Erziehung. Das kostet viel Geld. Es kann nicht sein, dass wir immer nur aufrüsten."

Susanne Petersen züchtet in Quarlitz Dorperschafe. © NDR Foto: Franziska Drewes
Schäferin Susanne Petersen mit ihren Dorperschafen. Nachdem der Wolf zum ersten Mal eines ihrer Tiere gerissen hat, denkt sie über Herdenschutzhunde nach.

Susanne Petersen liebt es, Schafe zu züchten. Sie mag auch den Wolf. Trotzdem fordert sie von der Politik ein nachhaltiges, gut durchdachtes Wolfsmanagement ein. "Der Wolf ist streng geschützt. Mir ist klar, dass wir keine Quote festlegen können, um seine Ausbreitung zu kontrollieren. Aber wir müssen einen Plan haben, wohin das führen darf. Klar ist, die Wölfe werden sich weiter vermehren." Susanne Petersen möchte nicht aufhören, ihre wertvollen Dorperschafe zu züchten. Nur weiß sie nicht, wie lange sie dem psychischen Druck gewachsen ist. Seit dem Riss vergeht kein Tag mehr, an dem sie nicht an den Wolf und ihre Tiere denkt. Mittlerweile kontrolliert sie ihre Herden mehrmals täglich.

Viel Strom hält Wölfe ab

Jürgen Lückhoff war jahrelang der Vorsitzende des Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes. Mittlerweile hat er sein Ehrenamt aus Altersgründen an Susanne Petersen abgegeben. Noch immer engagiert er sich, ist wolfspolitischer Sprecher des Verbandes und Mitglied der AG Wolf, die beim Umweltministerium angesiedelt ist. Lückhoff findet: "Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir den Wolf nie wieder wegbekommen". Erfahrungen zeigen aber, so Jürgen Lückhoff, dass vor allem viel Strom Wölfe abhält, Herden anzugreifen. Das bestätigen auch Experten. Für die Tierhalter bedeutet das, ihre Schafe oder Ziegen zu schützen, um im Falle eines Risses Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung zu haben. Ein solcher Grundschutz ist im "Managementplan Wolf" strikt geregelt. Zäune müssen von allen Seiten komplett geschlossen sein, auch möglichst dicht zum Boden hin, damit die Wölfe sich nicht durchbuddeln können. Elektrozäune müssen mindestens 90 Zentimeter hoch sein und mindestens 2.000 Volt haben. Maschendrahtzäune müssen mindestens 120 Zentimeter hoch sein.

"Allerdings einen hundertprozentigen Schutz vor Wölfen gibt es nicht", betont Jürgen Lückhoff und ist damit nicht allein. Er verweist zudem auf die vielen Hobbyzüchter im Land, die einige wenige Schafe oder Ziegen halten. "Die müssten aus ihrer Koppel einen Hochsicherheitstrakt machen. Es gibt Weideflächen am Wasser oder auf dem Deich, die gar nicht von allen Seiten durch Elektrozäune geschützt werden können." Lückhoff ist sich sicher, dass sich der eine oder andere Hobbyhalter genau überlegen wird, ob er seine Tiere schützt oder abschafft. Und das würde auch Deutschlands einzigartige Weidelandschaften als Teil der Natur bedrohen.

Züchter: Auffällige Wölfe schneller "entnehmen"

Die Rinderallianz von Mecklenburg-Vorpommern und der Landesschaf- und Ziegenzuchtverband haben ein Positionspapier vorgelegt. Darin fordern sie eine schnellere Entnahme auffälliger Wölfe - also die Möglichkeit, Wölfe, die etwa mehrfach hintereinander Herden angreifen, auch kurzfristig abschießen zu dürfen. Sowohl die Kriterien einer solchen Entnahme als auch der Entscheidungsweg seien klar geregelt, heißt es darin. Eine Genehmigung müsse zeitnah erteilt werden, alles andere wäre eine Farce.

Jürgen Lückhoff macht auf ein Problem aufmerksam. Seiner Meinung nach werden deutschlandweit zu wenig Referenzlabore beauftragt, Rissvorfälle zu analysieren, also DNA-Spuren auszuwerten, um herauszufinden, ob wirklich ein Wolf das Tier verletzt oder getötet hat. Weitere Labore seien wichtig, um eine möglichst zeitnahe Entnahme zu verwirklichen. "Sonst könnte der auffällige Wolf längst in ein anderes Territorium und damit in einen anderen Zuständigkeitsbereich gewandert sein."

Deutschland hat Platz für zehntausend Wölfe

Im Mai dieses Jahres veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz eine neue Studie. Demnach weisen weite Teile Deutschlands geeignete Lebensräume für Wölfe auf. Die Autoren sprechen von 700 bis 1.400 möglichen Wolfsterritorien. Eine Übersichtskarte macht deutlich, dass besonders Mecklenburg-Vorpommern für Wölfe geeignet ist. In der Studie wird auch klar formuliert, dass nachhaltig verhindert werden muss, dass Wölfe Nutztiere angreifen. Herdenschutzmaßnahmen zu fördern und umzusetzen, komme eine maßgebende Rolle zu. Die Experten empfehlen, Herden frühzeitig zu schützen, auch dort, wo sich bislang noch keine Wölfe etabliert haben. Denn die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Wölfe mittlerweile durch ganz Deutschland ziehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.09.2020 | 10:00 Uhr

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