Ein Kameramann filmt eine Pressekonferenz. © picture alliance/dpa | Oliver Berg Foto: Oliver Berg

Wermelskirchen: Ein Verdächtiger kommt aus MV

Stand: 01.06.2022 11:28 Uhr

Der neue Missbrauchskomplex von Wermelskirchen hat nach Angaben der Ermittler eine neue Dimension an Brutalität. Hauptbeschuldigter ist ein 44-Jähriger aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen. Ein Verdächtiger kommt aus Mecklenburg-Vorpommern.

Bislang seien 73 Verdächtige und 33 Opfer identifiziert worden, berichteten die Ermittler. Die meisten Beschuldigten - nämlich 26 - kommen aus Nordrhein-Westfalen. Die übrigen Verdächtigen stammen mit Ausnahme von Bremen und dem Saarland aus dem gesamten Bundesgebiet - einer auch aus MV. Die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg hat am Mittwoch bestätigt, dass sie in dem Missbrauchskomplex gegen einen Beschuldigten ermittelt. Weitere Einzelheiten könnten aber noch nicht genannt werden.

Alle Beschuldigten sind Männer

Wie der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer einen Tag zuvor auf NDR Anfrage mitteilte, sind alle Beschuldigten Männer. "Die Landkreise haben wir nicht bezeichnet, um etwaige Ermittlungen der dort zuständigen Staatsanwaltschaften nicht zu stören", hieß es von Bremer. Ob bei einigen der Beschuldigten Untersuchungshaft angeordnet worden sei und ob es in Norddeutschland Opfer der Kindesmissbrauchs-Fälle gebe, könne er nicht sagen.

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"Bin erschüttert und fassungslos"

Als Hauptbeschuldigter gilt ein 44-Jähriger aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen. Er habe die Taten weitgehend eingeräumt, hieß es. Der kinderlose und verheiratete Angestellte habe im Internet seine Dienste als Babysitter angeboten und sich so seinen Opfern nähern können, teilten die Ermittler am Montag in Köln mit. Mit Dutzenden weiteren Männern habe er zudem kinderpornografische Bilder und Videos "unvorstellbarer Brutalität" getauscht. "Ich bin erschüttert und fassungslos. Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet", sagte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel.

Riesige Datenmengen sichergestellt

Von den Opfern sei das jüngste nur einen Monat alt gewesen. Zudem seien fünf weitere Säuglinge und auch Kinder mit Behinderung darunter. Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass die Kinder in einigen Fällen betäubt worden waren. Insgesamt wurde eine Datenmenge im Volumen von 32 Terabyte sichergestellt - mit 3,5 Millionen Bildern und 1,5 Millionen Videos. Die Gewaltfantasien, die dabei verwirklicht worden seien, hätten auch erfahrene Ermittler entsetzt. Es handle sich "um brutalste Vergewaltigungen von Babys und Kleinkindern". Möglicherweise werde sich die Zahl der Missbrauchsopfer weiter erhöhen. Bislang seien erst zehn Prozent der Daten ausgewertet worden.

Eltern schöpften keinen Verdacht

Die Eltern der Kinder hätten in keinem Fall Verdacht geschöpft, so die Ermittler. Auch einige Opfer seien völlig überrascht gewesen von der Nachricht der Polizei, dass sie vor Jahren im Kleinkindalter Opfer schwersten Missbrauchs geworden seien. Ihnen sei Hilfe angeboten worden. Der nicht vorbestrafte Babysitter soll im Großraum Köln selbst zwölf Kinder - zehn Jungen und zwei Mädchen - missbraucht haben. Die Taten reichten bis ins Jahr 2005 zurück.

Um Zugriff auf die unverschlüsselten Daten des 44-Jährigen zu bekommen, hätten Spezialkräfte ihn im vergangenen Dezember am eingeschalteten Rechner während einer Videokonferenz mit Arbeitskollegen überwältigt. Auf die Schliche gekommen sei man dem Wermelskirchener im vergangenen November durch Ermittlungen gegen einen seiner Chat-Partner in Berlin.

Kinderhilfe: Mehr KI bei Auswertung von Datenmengen

Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender des Vereins Deutsche Kinderhilfe e.V. und jahrelang Polizeidirektor, forderte bei NDR MMV Live, dass bei der Auswertung der sichergestellten Daten mehr Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt werden sollte. Es sei für einzelne Menschen kaum möglich, diese Massen an Daten auszuwerten, um Beweismaterial aufzuspüren. Ein weiteres Problem aus seiner Sicht ist: Die Polizei hat in den vergangenen Jahren deutlich mehr Stellen und Geld bekommen, um im Bereich Kinderpornografie ermitteln zu können. Fünf Millionen Euro zusätzlich waren das seit 2021. Aber aus Beckers Sicht fehlen diese bei den Staatsanwaltschaften, die den Prozess weiterführen müssen. Da sollte aus seiner Sicht noch aufgestockt werden.

Fallzahlen im Bereich Kinderpronografie in MV seit 2019 verdoppelt

Die Fallzahlen im Bereich Kinderpornografie haben sich in Mecklenburg-Vorpommern von 2019 bis 2021 auf 510 erhöht und damit mehr als verdoppelt. Dies geht aus der jüngsten Kriminalitätsstatistik hervor, die Innenminister Christian Pegel (SPD) vor rund einem Monat vorgestellt hatte. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es noch 88 Fälle. Experten führen den Anstieg auch darauf zurück, dass die Ermittlungen in diesem Kriminalitätssegment erheblich ausgeweitet worden sind und oft auch international geführt würden. Es gibt immer mehr Hinweise - meist kommen sie aus den USA. Dort müssen Internetdienste wie Google oder Facebook Kinderpornografie-Verdachtsfälle an eine Kinderschutzstelle melden. Diese leitet das dann weltweit an die zuständigen Behörden weiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 31.05.2022 | 14:00 Uhr

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