Stand: 20.04.2017 06:00 Uhr

V-Mann-Affäre: Polizei erneut in Erklärungsnot

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Im Fall des Einsatzes eines minderjährigen V-Mannes für die Polizei erhebt dessen Mutter neue Vorwürfe. (Symbolbild)

In der Affäre um den Einsatz eines minderjährigen V-Mannes in Rostock gerät die Polizei erneut in Erklärungsnot. Die Mutter des Mannes, der schon als Minderjähriger für die Rostocker Ermittler im Einsatz gewesen sein soll, erhebt im Gespräch mit NDR 1 Radio MV Vorwürfe gegen die Polizei und widerspricht der Darstellung des Schweriner Innenministeriums. Ihr Sohn sei schon 2003 als 15-Jähriger nicht nur Informant gewesen, sondern habe regelmäßig Aufträge bekommen.

Mutter erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Es habe außerdem deutlich mehr als nur die angeblich drei Treffen mit dem V-Mann-Führer "Peter" gegeben, und sie wisse, dass dabei mehr als einmal Geld gezahlt wurde. Die Mutter wirft der Polizei vor, ihren damals minderjährigen Sohn nur benutzt und emotional missbraucht zu haben. Den Ermittlern sei es irgendwie gelungen, ihm Anerkennung zu vermitteln, auch durch wiederholte Geldzahlungen. Die familiäre Beziehung sei schwer belastet worden, weil die Polizei ihr erklärtes Nein zu der V-Mann-Arbeit umgangen habe und trotzdem weiter Kontakt gehalten habe, so die gebürtige Mecklenburgerin, die mit Blick auf die heikle Lage ihres Sohnes anonym bleiben will.

Wie viele Treffen gab es wirklich?

Sie sagte, als sie von der Zusammenarbeit erfahren habe, sei sie in das zuständige Polizeirevier gegangen und habe auf ein Ende gedrängt. Drei Tage später sei es dann zu einem Treffen mit dem V-Mann-Führer "Peter" in einem Café gekommen. Sie habe sich machtlos gefühlt, so die Frau. Zu dem Zeitpunkt hätte sich ihr Sohn schon verändert, sei sehr fixiert auf die Polizei und seinen V-Mann-Führer gewesen. Das habe sie zum Handeln gezwungen. "Wenn es tatsächlich, wie vom Innenministerium behauptet, nur drei Treffen gegeben hätte, dann hätte ich doch überhaupt keinen Anlass gehabt, zur Polizei zu gehen und mein Veto einzulegen."

Magisch angezogen und "rettungslos verstrickt"?

Doch trotz des Vetos habe die Polizei den Kontakt nicht abgebrochen. Ihr Sohn sei fast magisch angezogen gewesen von der Arbeit für die Polizei. Er habe die Schule vernachlässigt und sonst übliche Aktivitäten wie Eisverkaufen am Strand aufgegeben. Am Ende sei ihr der Junge irgendwie "entglitten" und "rettungslos verstrickt" gewesen. Sollte die Rostocker Polizei den Mann tatsächlich schon als Minderjährigen als V-Mann beschäftigt haben, wäre das ein Verstoß gegen bundesweit gültige Richtlinien.

V-Mann-Tätigkeit erst 2014 beendet

Das Innenministerium stellt die Situation bisher anders dar: Der Junge sei seinerzeit selbst auf die Polizei zugekommen und habe als Informant eine Aussage zur lokalen Drogenszene machen wollen. Es habe dann drei Kontakte geben, einmal sei Geld geflossen. Das Ministerium bestätigt auch das Eingreifen der Mutter, anschließend sei der Kontakt zu dem Jugendlichen eingestellt worden. Mit seinem 18. Geburtstag sei der junge Mann dann ganz offiziell V-Mann geworden. Diese bezahlte Tätigkeit im Rotlicht- und Rockermilieu wurde nach NDR Informationen erst 2014 beendet.

Polizeispitzel will vor Innenausschuss aussagen

Der Anwalt des Betroffenen, Peter Michael Diestel, fordert vor allem wegen des frühen Beginns der V-Mann-Tätigkeit eine Therapie für seinen Mandanten. Immerhin sei er unter den Augen und der Anleitung des Staates auf die schiefe Bahn geraten. Der Ex-V-Mann selbst will im Innenausschuss des Landtags aussagen und die Angaben des Innenministeriums richtigstellen. Die Linksopposition unterstützt diese Absicht.

Ex-V-Mann: Nicht mehr gewusst, "was gut und falsch ist"

Der Betroffene sagte, er habe durch die frühe und lange andauernde Spitzel-Tätigkeit irgendwann nicht mehr gewusst, was "was gut und was falsch ist". Der ständige Zwang zur Konspiration und zur Legendenbildung habe seinen Charakter früh verändert und geprägt. Seit Herbst sitzt er wegen eines Betrugsdelikts in Haft. Er kam zunächst nach Bützow. Als dort seine V-Mann-Tätigkeit aufflog, griffen ihn Mithäftlinge an und verletzten ihn. Zur eigenen Sicherheit wurde der mittlerweile 29-Jährige in eine JVA nach Süddeutschland verlegt.

Weitere Informationen

Ex-V-Mann will vor Innenausschuss aussagen

Im "V-Mann-Fall" der Rostocker Polizei widerspricht der Betroffene der Version des Innenministeriums. Der mittlerweile 29-Jährige bot an, im Landtag seine Sicht der Dinge darzulegen. (27.03.2017) mehr

Minderjähriger V-Mann zunächst nur Informant

Das Innenministerium hat im Landtag Details zum mutmaßlichen Einsatz eines minderjährigen V-Manns der Polizei mitgeteilt. Der Betroffene sei als Jugendlicher lediglich Informant gewesen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 20.04.2017 | 06:00 Uhr

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