Stand: 23.08.2018 18:38 Uhr

Ostsee-Hering verliert MSC-Nachhaltigkeitssiegel

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Nicht nur Schleppnetzfischer rechnen mit enormen Einbußen, ein ganzer Industriezweig könnte von der fehlenden Zertifizierung betroffen sein.

Die deutsche Herings-Schleppnetzfischerei in der westlichen Ostsee hat das MSC-Nachhaltigkeitssiegel verloren. Es sei ausgesetzt worden, sagte der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann. Vom 1. September an darf der Hering aus der westlichen Ostsee nicht mehr als MSC-zertifiziert verkauft werden.

Veränderte Richtwerte für nachhaltigen Fischfang

Begründet wird der Schritt mit den bereits im Frühjahr von 90.000 auf 120.000 Tonnen nach oben korrigierten Richtwerte für einen nachhaltigen Biomasse-Bestand an Heringen. Weil der aktuelle Heringsbestand bei etwa 105.000 Tonnen liege, galt der Hering demnach als gefährdet, was eine nachhaltige Fischerei ausschließt. Es fehlen rechnerisch Elterntiere, die in den nächsten Jahren für Nachwuchs sorgen müssten. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES), ein grenzübergreifend besetztes Gremium von Fischereibiologen, hatte deswegen bereits im Frühjahr einen Fangstopp für Hering in der westlichen Ostsee empfohlen, damit sich die Bestände erholen können.

Hering: Ohne Siegel nahezu unverkäuflich

Damit hatte sich die Aussetzung des Nachhaltigkeitssiegels für die Heringsfischer im Nordosten bereits abgezeichnet. Schleppnetzfischer im Land befürchten erneut erhebliche Einkommenseinbußen.Trage der Hering das Siegel künftig nicht mehr, würde sich das auch im Preis widerspiegeln. Unzertifizierter Fisch erziele deutlich geringere Preise und gilt in Deutschland als nahezu unverkäuflich, sagte der Geschäftsführer der in Cuxhaven ansässigen Kutterfisch-Zentrale, Kai-Arne Schmidt. Sein Unternehmen habe etwa 90.000 Euro in die Zertifizierung investiert, deren Refinanzierung nun in Frage steht. Mit acht Schiffen in Sassnitz befische das Unternehmen rund 50 Prozent der deutschen Ostseefangquote.

Fischverarbeiter prüfen Marktlage

Der Wegfall des Siegels bedroht nicht nur die heimischen Fischer, sondern einen ganzen Industriezweig. Im EuroBaltic-Fischwerk Sassniz, das rund 80 Prozent der Herings-Quote verarbeitet, werde derzeit geprüft, wie unzertifizierter Fisch auf dem nationalen und an internationalen Märkten platziert werden könne, so Geschäftsführer Uwe Richter.

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Zimmermann: Langfristig niedrigere Quoten nötig

Eine langfristige Reduzierung der Fangquote sei auch dann nötig, sollte der Heringsbestand im kommenden Jahr als nicht mehr gefährdet gelten und damit wieder MSC-zertifizierbar sein, sagt Zimmermann, der selbst Mitglied der ICES-Gremiums ist. Er bedauere, dass er sich in diesem Jahr mit dieser Argumentation im ICES noch nicht durchsetzen konnte. Dennoch könne die Fischerei nicht in der Form fortgesetzt werden, wie bisher. Denn auch der Klimawandel setze dem Hering in der westlichen Ostsee zu, wie eine noch unveröffentlichte Studie des Thünen-Instituts belegen soll. Durch eine Erhöhung der Wassertemperatur könnten sich die Larven nicht mehr optimal entwickeln, sodass der Bestand langfristig weiter zurückgehen werde, so die Studie. Der Greifswalder Bodden gilt als die "Kinderstube" des Herings.

Fischereiminister: "Herber Rückschlag für Küstenfischer"

Fischereiminister Till Backhaus (SPD) kritisierte die Aberkennung der MSC-Zertifizierung für den Hering in der westlichen Ostsee als "weiteren herben Rückschlag für die wenigen noch verbliebenen Küstenfischer im Land". Das Thünen-Institut für Ostseefischerei müsse möglichst schnell eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung darüber vorlegen, ob der Heringsbestand in der westlichen Ostsee noch innerhalb biologisch sicherer Grenzen liege, erklärte er in Schwerin. Eine wichtige Erkenntnis zeichne sich bereits ab, nämlich, dass die Bestandsentwicklung beim Hering maßgeblich von Faktoren abhänge, die nicht auf die Fischerei zurückzuführen seien. "Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass die Folgen des Klimawandels eine zentrale Rolle spielen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.08.2018 | 18:15 Uhr

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