Stand: 28.12.2018 12:10 Uhr

Nord Stream 2: Druck von allen Seiten

von Kai Küstner, NDR Info

Die Diskussion über das Bauprojekt Nord Stream 2 flammt immer wieder auf. Die Pipeline, die schon in einem Jahr den Nordost-Zipfel Deutschlands direkt mit Russland verbinden soll, ist nach wie vor umstritten. Man könne so den Deutschen und der EU zu mehr Energiesicherheit verhelfen, sagen die einen. Man begebe sich in eine Abhängigkeit von Moskau, schimpfen die anderen. Wie ist der Stand der Bauarbeiten an der Ostseeküste? Und wer oder was könnte der Pipeline jetzt noch gefährlich werden?

Bild vergrößern
Im Moment sind viele Arbeiter im Weihnachtsurlaub. Erst Anfang Januar wird dann in Lubmin mit vereinten Kräften weiter gebaut.

Eine Gas-Pipeline muss eine ganze Menge aushalten. Daher sind die auf dem Meeresgrund der Ostsee bereits verlegten Stahlrohre doppelt und dreifach gesichert: Sie sind sowohl durch eine Anti-Rost-Beschichtung geschützt als auch von einem dicken Beton-Mantel umhüllt.

Ob die Nord-Stream-2-Pipeline allerdings dem politischen Druck gewachsen sein wird, der auf ihr lastet, ist noch nicht entschieden. Auch wenn man sich vonseiten der Betreiber unbeirrt gibt: "Es ist weiterhin geplant, Ende 2019 den Bau und die Inbetriebnahme abzuschließen und dann mit dem Gastransport Richtung Europa zu beginnen", sagt Steffen Ebert. Man liege damit voll im Zeitplan, so der Kommunikationsdirektor der Nord Stream 2 Betreibergesellschaft im NDR Info Interview.

Bauarbeiten kommen gut voran

In der Tat haben bislang weder die Spannungen im Schwarzen Meer zwischen Russland und der Ukraine noch der jüngste Streit der NATO mit Moskau um nukleare Mittelstreckenwaffen die Pipeline-Pläne durcheinander zu bringen vermocht. Mehr als 300 Kilometer Rohre - und damit rund ein Viertel der Gesamtstrecke - sind bereits verlegt. Man liegt so gut im Soll, dass man den Arbeitern auf der Baustelle nahe Lubmin - jenem Badeort an der Ostsee unweit von Greifswald, wo das russische Gas schon in zwölf Monaten ankommen soll - bis zum 7. Januar frei gegeben hat. Vieles ist hier im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns schon fertig.

Bütikofer: "Das Projekt nützt Europa und auch Deutschland nichts"

In Eberts Stimme ist der Stolz über das gute Vorankommen der Bauarbeiten nicht zu überhören. Von einem der großen Sicherheitsabsperrventile geht es - ausgerüstet mit gelbem Schutzhelm und Neon-Weste - über die Baustelle und an einem gigantischen Rohr vorbei. Das scheint nur darauf zu warten, mit dem Rest der Trasse verbunden zu werden.

Bei all dem ist kein Geheimnis, dass es mächtige Gegner der Pipeline gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass dieses Neun-Milliarden-Euro-Projekt ein unvollendetes bleibt. "Deutschland ist dabei, sich in dieser Frage maximal zu isolieren. Aus ökologischen und klimapolitischen Gründen bis hin zu sicherheitspolitischen Fragen ist es so eindeutig, dass dieses Projekt Europa nicht nützt und auch Deutschland nicht nützt", kritisiert etwa der EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer von den Grünen.

Ukraine fürchtet Einbußen in Milliarden-Höhe

Bild vergrößern
Etwa neun Milliarden Euro soll das Pipeline-Projekt kosten, wenn alles im veranschlagten Rahmen bleibt.

Die baltischen Staaten und Polen sind schon immer Gegner von Nord Stream 2 gewesen. Der EU-Partner Ukraine sowieso, weil das Land fürchten muss, dass ihm Milliarden-Summen flöten gehen, die ihm mit dem Durchleiten von Gas aus Russland in die EU derzeit noch garantiert sind.

Und dann sind da noch die USA. "Die ganze Welt redet darüber: Wir sollen Euch vor Russland beschützen - und gleichzeitig bezahlt Ihr Milliarden von Dollars an Russland für Energielieferungen! Wenn man es genau betrachtet, ist Deutschland ein Gefangener Russlands", beschwerte sich zuletzt beim NATO-Gipfel im Juli US-Präsident Donald Trump, dessen Schimpftirade sich über Minuten hinzog.

Und auch der US-Kongress folgt weitgehend der Einschätzung ihres Präsidenten - mal abgesehen von der den meisten doch etwas abwegig erscheinenden Behauptung, Deutschland werde sozusagen aus Moskau ferngesteuert.

Mächtigster Gegner sind die USA

Videos
06:26
Nordmagazin

Dänen verweigern Zustimmung für Nord Stream 2

Nordmagazin

Dänemark sieht die Interessen der baltischen Staaten durch die geplante Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 gestört. Dennoch könnte das Projekt umgesetzt werden - auf einer anderen Route. Video (06:26 min)

Aus Washington jedenfalls dürfte derzeit die größte Gefahr für die Rohrleitung kommen. Sollten europäische Unternehmen, die mit Russland Gasgeschäfte machen, tatsächlich eines Tages mit Sanktionen belegt werden, wird es brenzlig. Bei Nord Stream 2 sieht man darin den Trump-Versuch, das derzeit preislich weniger attraktive US-Flüssiggas mit aller Macht in den europäischen Markt hinein und Moskau hinaus zu drücken: "Die Amerikaner versuchen offensichtlich, über diese politische Schiene einen ernsthaften Wettbewerber aus dem Markt zu drängen", meint Ebert.

Jedenfalls dürfte es nicht zuletzt der Widerstand aus den USA sein, der in Berlin zumindest ein neue Nachdenklichkeit ausgelöst hat. So schlugen alle drei aussichtsreichen Kandidaten für den CDU-Vorsitz - inklusive der letztlich gewählten Annegret Kramp-Karrenbauer - neue, kritische Töne gegenüber Nord Stream 2 an. Ob das allerdings dazu führt, dass sich die offizielle Bundesregierungs-Linie ändert, ist fraglich. "Ich begrüße, dass in der Union neu nachgedacht wird. Es hat ja immer schon Stimmen gegeben, die davor gewarnt haben, die deutsche Politik zum Hilfsmotor der russischen Politik zu machen", sagt Bütikofer. 

Greift die EU noch ein?

Der Druck auf die Rohrleitung kommt aus allen Himmelsrichtungen: Auch die EU-Kommission hat ihre Versuche noch nicht aufgegeben, sich ein Mitspracherecht bei Nord Stream 2 zu sichern - was die Bundesregierung bislang mit Erfolg blockierte. Sollte Brüssel dies allerdings doch noch gelingen, könnte die Kommission über den Umweg EU versuchen, die Leitung so unattraktiv für Russland zu gestalten, dass es die Lust verliert. Doch selbst wenn die Pipeline doch noch gestoppt werden sollte, würde dies buchstäblich auf den letzten Metern geschehen, denn in der Ostsee werden in zügigem Tempo weiter unbeirrt Rohre verlegt.

Weitere Informationen

Nord Stream 2: Dänemark ist gegen geplante Route

Die Fronten im russisch-amerikanischen Energiekonflikt verlaufen über den gesamten Planeten. In Europa entzündet sich der Streit am Pipeline-Projekt Nord Stream 2. Dänemark kündigt sein Veto an. mehr

Rügen: Strandfund stammt von Nord-Stream-Schiff

Der mysteriöse Klumpen, der am Strand von Kap Arkona auf Rügen gefunden wurde, gehört zu einem Verlegeschiff für die Nord-Stream-Gaspipeline. Es könnten noch weitere Teile auftauchen. mehr

Dänen können Nord Stream 2 blockieren

Beim Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 gibt es neue Schwierigkeiten: Nach einer Gesetzesänderung könnte Dänemark das Projekt in seinen Hoheitsgewässern verhindern. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.12.2018 | 07:20 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

03:02
Nordmagazin