Stand: 09.01.2020 16:48 Uhr

Leonie-Prozess: Lebenslange Haft für Stiefvater

Der 28 Jahre alte Stiefvater der gewaltsam zu Tode gekommenen Leonie aus Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) muss ins Gefängnis. Das Landgericht in Neubrandenburg hat den Mann am Donnerstag wegen Mordes durch Unterlassen, Körperverletzung mit Todesfolge und schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

VIDEO: Lebenslang für Leonies Stiefvater (3 Min)

Jubel bei Urteilsverkündung

"Wir sind davon überzeugt, dass es keinen Treppensturz von Leonie gegeben hat, wie vom Stiefvater behauptet", sagte Richter Jochen Unterlöhner. Die Gerichtsmedizin habe diesen Sturz ausschließen können. Vielmehr sei das Mädchen durch stumpfe, massive Gewalteinwirkungen zu Tode gekommen. Dafür sei der 28 Jahre alte Stiefvater zur Verantwortung zu ziehen. Bei der Urteilsverkündung klatschten und jubelten viele der Zuschauer im voll besetzten Gerichtssaal. Leonies leiblicher Vater, der Nebenkläger im Prozess war, riss jubelnd die Arme hoch. Der Richter rügte das Verhalten der Zuschauer. Der Stiefvater nahm das Urteil hingegen regungslos und mit gesenktem Blick hin. Er war bis zum Schluss bei der Version des Treppensturzes geblieben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger will wahrscheinlich gegen in Revision gehen. Aber das sei noch nicht sicher, hieß es.

Gericht folgt Antrag der Staatsanwaltschaft

Der Richter erklärte dass sich auch die Mutter von Leonie "durch Wegsehen" strafbar gemacht habe. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung ist bis zum Schluss von einem Treppensturz ausgegangen und hatte eine deutlich mildere Strafe gefordert.

Das Mädchen war am 12. Januar 2019 tot in der Wohnung der Mutter und ihres Lebensgefährten in Torgelow gefunden worden. Experten hatten zahlreiche schwere Verletzungen und Knochenbrüche bei Leonie und ihrem damals zwei Jahre alten Bruder festgestellt. Rettungskräfte und die Polizei verfolgten erst den vom Stiefvater ins Spiel gebrachten Treppensturz, fanden dann aber an anderen Orten in der Wohnung nicht erklärbare Blutspuren sowie immer mehr Ungereimtheiten.

Lob an die Ermittler

Richter Unterlöhner lobte auch die Arbeit der Ermittler, die sich heftiger Kritik ausgesetzt sahen, insbesondere wegen der Flucht des Angeklagten. Er war am 14. Januar 2019 bei einer Vernehmung im Polizeirevier Pasewalk getürmt und erst Tage später wieder gefasst worden. "Es war völlig unverhältnismäßig, wie die Politik wegen der Flucht des Stiefvaters auf die Polizei eingedroschen hat." Ohne die "vorbildliche Ermittlungsarbeit" hätte man den Stiefvater schwer überführen können.

Richter: Leonie wurde Opfer einer Bestrafung

Das Mädchen sei Opfer einer Bestrafung geworden, vermutlich als es mit dem Puppenwagen der Mutter zum Einkaufen hinterher gehen wollte, sagte der Richter. Lediglich der Puppenwagen sei hinuntergestürzt, aber nicht das Kind. Nach Ansicht des Gerichts schlug der Verurteilte Leonie mit einem Sicherungsbügel des Puppenwagens so heftig auf den Kopf, dass das Mädchen davon eine Gehirnblutung bekam. An dem Bügel waren Leonies DNA-Spuren entdeckt worden. Laut einer Gutachterin sind Leonies Kopfverletzungen nicht durch einen Sturz erklärbar.

Stiefvater täuschte Notuf nur vor

Das Ganze habe sich abgespielt, als Leonies Mutter einkaufen war. Nach ihrer Rückkehr habe der Stiefvater verhindert, dass für die im Bett liegende Leonie sofort Hilfe geholt wurde. Er habe die Mutter angewiesen, sich um das gemeinsame Baby zu kümmern. Selbst als die Mutter beim Baden - etwa zwei Stunden später - die vielen Verletzungen und der "leere Blick" von Leonie aufgefallen seien, habe der Stiefvater einen Notruf nur vorgetäuscht. Er habe verhindern wollen, dass herauskommt, dass er Leonie und ihren Bruder schon über eine längeren Zeitraum schwer misshandelte hatte.

"Eine Abartigkeit sondergleichen"

Leonie sei langsam gestorben, sagte der Richter. Erst nach weiteren Stunden, als das Mädchen im Bett geröchelt habe, sei der Notruf gewählt worden. Und selbst da habe der Mann der Leitstelle vorgespielt, dass Leonie im Hintergrund noch weint und lebt, wie aus der Audioaufzeichnung des Notrufs hervorging. "Eine Abartigkeit sondergleichen", so Richter Unterlöhner. Bei rechtzeitiger Hilfe hätte das Kind nach Ansicht einer Gutachterin vielleicht überleben können. Mehr als drei Monate und fast einem Dutzend Verhandlungstagen nach Prozessbeginn wurde Richter Unterlöhner am Ende persönlich. "Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich bin tief davon überzeugt, dass Leonie jetzt an einem besseren Ort ist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Frühaufsteher | 09.01.2020 | 10:10 Uhr

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