Das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 4" liegt im Rostocker Hafen. © NDR Foto: NDR

Kreuzfahrtbranche: "Es sieht nicht gut aus dieses Jahr“

Stand: 13.11.2020 10:08 Uhr

Für dieses Jahr hatte der Hafen Rostock ein neues Rekordjahr bei der Kreuzfahrt angepeilt und sich mit Millioneninvestitionen darauf vorbereitet. Wegen des Coronavirus kam dann aber alles ganz anders.

von Jana Schulze

Fast 210 Kreuzfahrtschiffe sollten 2020 in Rostock anlegen. Mehr als 900.000 Gäste sollten der Stadtkasse, Hotels und Museen Millionen Euro einbringen - und nun kamen wegen Corona weder Schiffe noch Menschen. Dabei hat Rostock gerade ein millionenschweres, neues Cruise-Terminal und eine Landstromanlage bekommen.

"Mein Schiff 4" macht für unbestimmte Zeit fest

Jan Fortun, Kapitän der "Mein Schiff 4", steht im Rostocker Hafen vor seinem Schiff. © NDR Foto: NDR
Ungewohntes Programm für Kapitän Fortun und seine Mannschaft: Sie müssen die "Mein Schiff 4" für den kalten Winter in Rostock vorbereiten.

Wenn Jens Aurel Scharner derzeit aus seinem Bürofenster im Rostocker Überseehafen schaut, sieht der Geschäftsführer von Hafenbetreiber Rostock Port im frühen Abendhimmel das Logo der Reederei TUI Cruises hell leuchten - nur wenige Schritte entfernt vom Sitz des Hafenmanagements liegt seit ein paar Tagen die "Mein Schiff 4". Der schwimmende 293-Meter-Ferien-Koloss hat das erste Mal im Hafen am der Warnowkai festgemacht - wie lange, weiß niemand genau. Gäste sind nicht mitgekommen nach Rostock, erzählt Jan Fortun, Kapitän der "Mein Schiff 4". An Bord waren nur 73 Crewmitglieder, die meisten davon aus asiatischen Staaten wie den Philippinen und Indonesien. Fortun und sein nautisches Personal kennen das seit den ersten Anti-Corona-Maßnahmen Mitte März: In Bremerhaven lagen sie schon, in Kiel und Barcelona - mal in Parkposition, mal zum Bunkern, aber niemals zum Passagierwechsel. Immerhin: Zuvor war die "Mein Schiff 4" wochenlang in der Deutschen Bucht herumgeschippert, weil alle Häfen dicht gemacht hatten.

AIDA Cruises scheitert mit Neustart

Hafen-Manager Scharner und sein Team können in diesem Jahr die Kreuzfahrtschiffe, die in ihrem Hafen festmachen, an einer Hand abzählen: Am 24. März sollte die "Boudicca" den Auftakt machen. Doch bis Juli kam kein Kreuzfahrtschiff. Dann machten "AIDAmar" und "AIDAblu" im Überseehafen fest - aber ohne Passagiere. Die Rostocker Reederei AIDA Cruises wollte ihre Schiffe fitmachen für den verspäteten Saisoneinstieg, ließ rund 750 Mann Besatzung einfliegen - um dann im August ab Hamburg und Rostock auf Urlaubsfahrten zu gehen. Daraus wurde nichts. Im August legte die "Europa" für ein paar Stunden in Warnemünde an, mit nicht einmal 200 Passagieren an Bord. Eine Herausforderung für das Team des Rostocker Hafens, sagt Scharner NDR 1 Radio MV und dem Nordmagazin: "Einen Restart wieder sicherzustellen, das bedeutete für uns: Umsetzen des Hygiene-Konzepts am Terminal, Mindestabstand zwischen den Mitarbeitern bei der Abfertigung einhalten, zuvor die Konzepte mit den Gesundheitsämtern abstimmen. Das war immer wieder Start, Vollstop, Start, Vollstop." Eigentlich waren 207 Anläufe für Rostock-Warnemünde und den Überseehafen für 2020 geplant. Ein neuer Rekord, den vor allem Anwohner entlang der Warnowmündung und Umweltschützer skeptisch sahen.

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Finanzsenator: "Über 40 Millionen Euro Umsatz fehlen"

"Uns fehlen in 2020 rund sechs Millionen Euro Einnahmen aus der Kreuzfahrt", sagt Scharner. Hinzu kommen noch 20 Millionen Euro, die die internationalen Passagiere in Rostock ausgeben für Museen, fürs Parken, für Hotel- und Restaurantbesuche und weitere fünf Millionen Euro, die die Besatzungsmitglieder ausgeben - vorzugsweise für Schokolade im Supermarkt am Kirchplatz in Warnemünde. "Summa summarum reden wir über 40 Millionen Euro Umsatz, die fehlen", rechnet Rostocks Finanzsenator, Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD), im Interview vor. "Das wird Rostock in der Stadtkasse merken."

Millioneninvestitionen liegen brach

Und dabei haben die Stadt und das Land Mecklenburg-Vorpommern gerade zwei Millionenanschaffungen an der Kaikante in Warnemünde finanziert - ausgerechnet im Corona-Jahr: Im März eröffneten sie mit Masken und gebührendem Abstand unter den Gästen das zweite, gläserne Kreuzfahrtterminal. Es liegt nur wenige Schritte entfernt vom ersten, das in den vergangenen Jahren nicht mehr genug Kapazitäten hatte - eben weil die Kreuzfahrt auch in Rostock boomte. Dem Fußboden im neuen Kreuzfahrtterminal fehlt noch der letzte Schliff, aber es kommt derzeit ohnehin niemand anderes als der Hafenmeister. Das erste Terminal hatte Rostock Port zwischenzeitlich fremdvermietet: einmal ans Historische Museum Rostock für eine Ausstellung und einmal an eine Regional-Produkte-Messe des Landes. So gab es wenigstens ein paar Mieteinnahmen.

Neuer Landstromanschluss ohne Nutzer

Die zweite millionenteure Anschaffung trägt die Farbe Blau: Die neue Landstromanlage an beiden Terminals. Damit sollen Kreuzfahrtschiffe Energie des städtischen Stromnetzes nutzen und ihre eigenen Dieselmotoren abschalten. Etwa 20 Millionen Euro und jede Menge Diskussionen um die Finanzierung der Anlage zwischen Stadt, Land und der Reederei AIDA hat die Anlage gekostet. Nun warten sie die Techniker - bis irgendwann wieder ein Kreuzfahrtschiff kommt und zwar hoffentlich eines mit Landstromanschluss. "Wir haben das Terminal fertiggestellt, die Landstromanlage ist fertig. Es ist also kein Jahr, das völlig verloren ist, aber wir haben keine Umsätze gemacht", sagt Jens Aurel Scharner und es klingt nach Zweckoptimismus. Rostock-Warnemünde hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Kreuzfahrthäfen in Deutschland ent­wickelt: Mehr als 900.000 Gäste kamen pro Jahr mit Luxuslinern in die Hansestadt.

Seemannsmission hilft Crews mit Beschränkungen umzugehen

Stefanie Zernikow, Chefin der Rostocker Seemannsmission, greift in ein Regal mit Chipstüten. © NDR Foto: NDR
Lieferdienst statt Anlaufstelle: Stefanie Zernikow versorgt mit der Seemannsmission die festsitzenden Crews im Rostocker Hafen.

Stefanie Zernikows Büro liegt im Überseehafen genau zwischen dem des Rostock-Port-Managements und der Brücke der "Mein Schiff 4". Auch die Chefin der Rostocker Seemannsmission schaut auf ein Jahr, wie sie es noch nie erlebt hat - ein herausforderndes, sagt sie: "Früher konnten die Seeleute jeder Zeit von Bord gehen und zu uns kommen und wir haben umgekehrt Bordbesuche gemacht, hatten ein paar Notsachen wie Zahnpasta dabei, wenn jemand nicht von Bord konnte, weil er Schicht hat", erzählt Zernikow. Sie packt gerade die nächste Fuhre für die Seeleute im Rostocker Hafen. "Jetzt ist es so, dass die meisten Seeleute nicht von Bord dürfen. Sie brauchen dann alles, deshalb haben wir jetzt einen Lieferdienst für sie eingerichtet und machen mehr Bordbesuche." Während der ersten Corona-welle im Frühjahr hätten sie und ihre Kollegen sich vor allem um die damals fast 300-Mann-starke Crew der "MS Bremen" gekümmert, die vor der Neptun-Werft liegt. "Die Leute durften nicht übers Werftgelände, also haben wir einen Shuttle zum Supermarkt eingerichtet, alles unter den Hygienevorschriften."

"Mein Schiff 4"-Crew bereitet sich auf Winter in Rostock vor

Jan Fortun, der Kapitän der "Mein Schiff 4" sagt, er habe gerade in diesen schwierigen Zeiten die Arbeit der Seemannsmission einmal mehr geschätzt. Er und seine Crew dürfen sich aktuell im Rostocker Überseehafen bewegen, immerhin. Sie wissen nicht, wie lange sie hier bleiben werden - offiziell heißt es von TUI Cruises dazu: "Bis wir wieder zu unseren Nordtouren starten." Für die 73 Männer und Frauen an Bord des 2.500-Passagier-Riesen laufe der "Betrieb für die Nautik und Technik normal weiter": "Es wird in Rostock sehr kalt im Winter, da müssen wir das Schiff winterfest machen. Das Wasser aus den Leitungen ablassen, damit sie nicht gefrieren und brechen. Dann gibt es noch ein paar Housekeeper, die die Kabinen reinigen, Gänge sauber halten und den Staub wegmachen, bis es dann irgendwann wieder losgeht", sagt der Kapitän und grinst fast dabei. Oben am Schornstein seines Schiffes leuchtet im frühen Abendhimmel der Namesschriftzug seines Arbeitgebers. Hafenchef Jens Aurel Scharner schaut hinüber auf die Reklame: "Wenn unsere Kunden diese Dienstleistung erfragen, die Schiffe zu parken, dann tun wir dies auch und gerne, allerdings ist es auch - traurig."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 13.11.2020 | 08:30 Uhr

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