Stand: 19.10.2018 15:30 Uhr

Kaum Frauen auf Chefposten in MV

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

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Bisher herrschen Männern in den Chefetagen in MV: Ist eine Quote für Frauen in Führungspositionen also sinnvoll?

SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern haben sich vor zwei Jahren auf ein klares Ziel geeinigt: Sie wollten mehr Frauen auf Chefposten bringen. Im Koalitionsvertrag sind gleich drei Absätze vor allem Frauen und ihren Chancen gewidmet. Der wichtigste ist die Nummer 285: "Ziel der Koalitionäre ist es, den Anteil von Frauen in Führungspositionen in allen Bereichen weiter zu erhöhen", heißt es dort. Besonders im Blick haben sie die Landesverwaltung, die Polizei und die Wirtschaft. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat die Angelegenheit quasi zur Chefin-Sache gemacht.

Wirtschaft ist männlich besetzt

Wie sieht es aus mit dem Vorhaben? In der Wirtschaft haben eindeutig die Männer das Sagen, alle drei Industrie- und Handelskammern sind an der Spitze in männlicher Hand, bei den großen Unternehmen wie AIDA, den Helios-Kliniken oder Nordex sitzen Anzugträger auf den Chefsesseln. In den neun Sparkassen sieht es schon etwas anders aus. Aber auch dort dominieren Männer; nur drei Institute haben Frauen als Vorstandsvorsitzende. In den landeseigenen Unternehmen wie dem Berufsförderungswerk Stralsund, der Wirtschaftsfördergesellschaft Invest MV, dem Datenverarbeitungszentrum oder der Verkehrsgesellschaft bestimmen meist Männer den Kurs. Eine Ausnahme ist die Lottogesellschaft: Sie wird von Barbara Becker-Hornickel geleitet.

Auch Polizei und Justiz sind männerdominiert

Ein ebenso eindeutiges Bild zeigt sich bei der Polizei: Von den zwölf Inspektionen, die jeweils mehr als 100 Beschäftigte haben, werden nur zwei von Frauen geführt - in Wismar und in Anklam. Die beiden Polizeipräsidien waren bisher in Männerhand, der Chef-Posten in Rostock ist seit Ende August zwar vakant, ob dort aber eine Frau zum Zuge kommen wird, gilt als ziemlich unwahrscheinlich. Auch das Landeskriminalamt, die Bereitschaftspolizei und der Verfassungsschutz haben Männer als Chefs. Die Justiz ist ebenfalls eine Männerdomäne: Nur 9 von 34 Leitungsposten in Gerichten und Staatsanwaltschaften haben Frauen inne. Schwesig hatte deshalb jüngst mit ihrer Forderung nach mehr Frauen in Justiz-Führungspositionen für Aufmerksamkeit gesorgt. Auch in der übrigen Landesverwaltung sind Frauen in Spitzenposten unterrepräsentiert. Von den 37 Abteilungsleiter-Posten in den Ministerien ist nicht einmal ein Drittel mit weiblichen Spitzenkräften besetzt - es sind zehn.

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CDU ist gegen eine Frauenquote

Politisch ziehen die Koalitionspartnern SPD und CDU bei dem Thema zwar an einem Strang, aber möglicherweise in unterschiedliche Richtungen: Die Landes-CDU hat jüngst klargestellt, dass sie gegen eine Frauenquote bei Führungspositionen im öffentlichen Dienst ist. "Statt einer starren Quote müssen unterschiedliche Lebensentwürfe stärker berücksichtigt werden", erklärte der Generalsekretär der Landes-CDU, Wolfgang Waldmüller. In Bereichen, in denen Frauen unterrepräsentiert seien, sollte es eine besondere Förderung geben. Dagegen hatte Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) ein Gesetz angekündigt, nach dem Leitungspositionen im öffentlichen Dienst bis 2025 je zur Hälfte mit Männer und Frauen besetzt werden müssen. Auch Regierungschefin Schwesig hatte sich in ihrer Zeit als Familienministerin in Berlin für Frauenquoten ausgesprochen - dabei vor allen aber auf die Wirtschaft abgezielt. Zu Barleys Vorstoß wollte sie sich auf Anfrage noch nicht äußern.

Schule ist weiblich, Schulleitung nicht mehr unbedingt

Ganz ohne Quote haben Frauen im Bildungsbereich die Oberhand: Schule ist weiblich; von den rund 12.650 Lehrkräften sind etwa 9.890 Frauen. Das entspricht einem Anteil von 78 Prozent. In den Leitungsfunktionen sinkt dieser Anteil zugunsten der Männer. 72 Prozent aller Schulleitungen sind weiblich. In den Chefbüros der vier Schulämtern ist das Verhältnis schon gleich: Zwei Männer stehen zwei Frauen gegenüber. Das Lehrerbildungsinstitut IQMV ist dagegen fest in der Hand von Männern. Auch im Bildungsministerium haben sie das Sagen; die beiden Abteilungsleiter für Schulentwicklung und Schulaufsicht sind Männer, die beiden Staatssekretäre ebenfalls. Ganz oben steht allerdings eine Frau: Ministerin Birgit Hesse (SPD).

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Im Kabinett gibt es im Geschlechtervergleich fast eine Patt-Situation: Fünf Minister stehen vier weiblichen Regierungsmitgliedern (einschließlich Schwesig) gegenüber. Ansonsten ist auch Landespolitik eher männlich: 53 Landesabgeordnete sind Männer, nur 18 Mitglieder des Landtags (MdL) sind Frauen. Die AfD-Fraktion gilt dabei als politischer Männer-Club, in ihren Reihen fehlen Frauen gänzlich. Vor Baden-Württemberg hat der Schweriner Landtag mit 25,3 Prozent den zweitniedrigsten Frauenanteil aller Landesparlamente. Im Kommunalen sieht es kaum anders aus: Von den sechs Landräten und fünf Oberbürgermeistern ist Kerstin Weiß (SPD), Landrätin in Nordwestmecklenburg, die einzige Frau. Es gibt vier Kreistagspräsidenten, aber nur zwei Präsidentinnen. Der Kreistag Rostock zählt 56 Männer und 13 Frauen, in Vorpommern-Greifswald ist das Verhältnis 51 zu 17.

Frauen stellen die Mehrheit in MV

Deutlich in der Minderzahl sind Frauen auch in der Wissenschaft: Der Anteil der Professorinnen beträgt nur etwa 21 Prozent. Der Befund ist dort wie fast überall eindeutig: In Führungspositionen sind Frauen nahezu durchweg in der Minderheit. Dabei stellen sie in der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern die Mehrheit: 816.000 weiblichen Einwohnern im Nordosten stehen "nur" 795.000 männliche gegenüber.

Regierung sieht sich auf gutem Weg

Regierungssprecher Andreas Timm (SPD) sagte, es sei in der Vergangenheit einiges erreicht worden. "Wir sind aber noch nicht am Ziel", stellte er klar. Gleichstellung bleibe ein wichtiges Thema für die Landesregierung. Es gebe in allen Ministerien Zielvereinbarungen, um den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, hinzu kämen ein Mentoringprogramm und Veranstaltungen zur Vernetzung von Frauen in der Landesverwaltung, so Timm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 19.10.2018 | 17:10 Uhr

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