HVO 100 - wie gut ist die neue Alternative zum Dieselkraftstoff?

Stand: 30.05.2024 15:37 Uhr

Auch in Deutschland kann man jetzt einen neuen Bio-Kraftstoff tanken. Die Alternative zum herkömmlichen Diesel wird aus recycelten Abfällen und Pflanzenölen hergestellt. Deshalb gilt HVO als fast CO2-neutral. Aber es gibt auch Nachteile.

Mit HVO - die Abkürzung steht für "Hydrotreated Vegetable Oils", also für Fette und Öle, die bei einer hohen Temperatur mit Wasserstoff behandelt wurden - sollen moderne Dieselmotoren nahezu klimaneutral laufen. Der neue Sprit, den es in vielen europäischen Staaten schon länger gibt, wird in Mecklenburg-Vorpommern allerdings erst an genau zwei Tankstellen angeboten. Trotzdem ist das Thema hochinteressant, denn alleine in MV sind rund 280.000 Diesel-Fahrzeuge unterwegs. Laut Bundesverkehrsminister Volker Wissing ist es möglich, mit HVO die CO2-Emissionen gegenüber fossilem Diesel um bis zu 90 Prozent zu reduzieren. Zudem verbrennt der Bio-Diesel geruchsärmer und sauberer, es wird weniger Feinstaub und Stickoxid freigesetzt. In unserem aktuellen NDR MV live sprachen wir mit Michael Gebhardt vom ADAC über die Diesel-Entwicklung.

E-Autos allein reichen für Klimaziele nicht aus

Gebhardt ist von dem neuen Kraftstoff überzeugt. Er sagt: "HVO 100 ist ein wunderbarer Hebel, um die Bestandsflotte klimaneutral zu kriegen." Und er fährt fort: "Die Erneuerung der Fahrzeugflotte durch E-Autos allein wird nicht reichen, um unsere Klimaziele zu erreichen. Wir müssen an die Bestandsflotte ran." Zwar wird bei der HVO-Verbrennung ähnlich viel Kohlendioxid ausgestoßen wie bei herkömmlichem Diesel, da der Kraftstoff aber aus recycelten Fetten und damit aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, wird lediglich zuvor gebundenes CO2 erneut freigesetzt. Die Klimabilanz könnte also erheblich besser als bei fossilen Kraftstoffen sein.

HVO nur für moderne Diesel-Pkw geeignet

Wichtig: Der Kraftstoff ist laut Bundesverkehrsministerium für moderne Dieselmotoren grundsätzlich geeignet. Allerdings müssen die Autobauer das jeweilige Modell für den neuen Kraftstoff freigeben. Die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) hat in Abstimmung mit den Fahrzeugherstellern eine offizielle Freigabeliste erstellt. Um sicherzugehen, dass der Motor den Kraftstoff HVO verträgt, sollten Autobesitzer zudem die Angaben in der Bedienungsanleitung und die Kennzeichnung im Tankdeckel prüfen, rät der ADAC. "Bei den neueren Fahrzeugen ist ein XTL im Tankdeckel zu finden", so Michael Gebhardt.

Umweltverbände kritisieren HVO als "Mogelpackung"

Umweltverbände wie NABU, Deutsche Umwelthilfe oder Greenpeace sehen den neuen Kraftstoff kritisch. HVO sei eine "Mogelpackung", so der NABU. In einem neunseitigen Faktencheck haben die Umweltschützer ihre Bedenken zusammengefasst. Die Ausgangsstoffe seien nicht ungenutzte Abfälle, sondern teils wertvolle, umkämpfte Rohstoffe. Zudem würden auch frisch produzierte Pflanzenöle wie Palmöl verwendet. Besonders deutlich wird die Deutsche Umwelthilfe: HVO diene vor allem dazu, Verbrennerfahrzeugen ein grüneres Image zu geben, um den dringend nötigen Ausstieg aus dem Verbrennermotor zu verschleppen und klimaschädliche Geschäftsmodelle zu erhalten.

Ist der Klimaschutz nur vorgegaukelt?

Diese Ansicht vertritt auch Anne Frank von der Deutschen Umwelthilfe in unserem NDR MV live. Sie sagt, dass ein alternativer Kraftstoff keine Alternative zu einer echten Mobilitätswende darstelle. Mit HVO 100 gebe es nicht mehr Klimaschutz, sondern mehr Green-Washing zu Gunsten von Verbrennermotoren. Frank wörtlich: "Es wird Klimaschutz vorgegaugelt, wo mit massiven Nebenwirkungen zu rechnen ist." Sogar von Betrugsverdacht spricht sie und behauptet, dass frisches Palmöl statt alten Frittenfetts zur Produktion verwendet werde. ADAC-Sprecher Gebhardt betont dagegen, dass umdeklariertes Palmöl aus China keinesfalls in den Tank fließen dürfe. "So was darf es nicht geben und das muss kontrolliert werden."

HVO-Diesel noch deutlich teurer

Ein weiterer Nachteil am HVO-Diesel: Schätzungen des ADAC zufolge dürfte der Preis pro Liter noch um etwa 15 Cent über dem Preis herkömmlichen Dieselkraftstoffes liegen - und das, obwohl auf HVO keine CO2-Abgabe fällig wird. Gebhardt erklärt: "Die Produktion ist noch sehr teuer, da noch nur kleine Mengen hergestellt werden." Er hofft, dass sich die Preise des neuen und des herkömmlichen Diesels schnellstmöglich angleichen.

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Eine Hand hält einen Stutzen mit der Aufschrift "HVO100 Diesel" in den Tank eines blauen Autos © Christian Charisius/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 30.05.2024 | 16:00 Uhr

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