Güstrow: Giftiger Müll in Trinkwasserschutzzone

Stand: 13.04.2021 11:05 Uhr

Jahrzehntelang wird auf einem Gelände in Güstrow (Landkreis Rostock) Müll gelagert - eine Genehmigung dafür gibt es nicht. Die Betreiber der illegalen Müllkippe sind für die Behörden nicht greifbar.

von David Pilgrim, NDR Nordmagazin

Die Geschichte klingt unfassbar: Am Stadtrand von Güstrow lagern fast 20.000 Kubikmeter überwiegend gefährlicher Müll. Inmitten einer Trinkwasserschutzzone. Direkt neben einer Kleingartenanlage und einer Obstbaumplantage. Schon Anfang der 1990er Jahre ist ein Antrag auf "Errichtung einer Mülldeponie" auf einem Gelände, auf dem zu DDR-Zeiten Getreide gelagert wurde, vom damals zuständigen Landkreis Güstrow abgelehnt worden - mit dem Hinweis, dass das Areal im Einzugsbereich der Rostocker Trinkwasserversorgung liege. Und trotzdem ist bereits 1994 dort illegal Müll gelagert worden. Das ist auch bemerkt worden und dem NDR vorliegende Dokumente bestätigen, dass der Betreiber schon im März 1994 aufgefordert wurde, die "Einlagerung von Altkunststoffen sofort einzustellen" und "die widerrechtlich eingelagerten Altkunststoffe zu beseitigen". Ein Zwangsgeld in Höhe von 5.000 Mark wird angedroht. Doch es passiert nichts.

Jahrzehntelang tut sich nichts

Spätestens im Mai 1994 ist den zuständigen Behörden klar, dass der unerlaubt gelagerte Abfall in großen Teilen giftig ist. In einem landkreisinternen Schreiben, dass dem NDR vorliegt, heißt es:

"Bei den abgelagerten Materialien handelt es sich unter anderem um Behältnisse für Tetenal, Farbentwickler, Carclin, Developer SGX-D 1, Sumazon liquid H, Frostschutzmittel. Bei Regenwetter kommt es zu Abspülungen und damit zur Verunreinigung des Oberflächen- und Grundwassers. Der Standort befindet sich in der Trinkwasserschutzzone 3 Warnow. (…) Damit ist eine Gefährdung des Trinkwassers für die Stadt Rostock gegeben. Es ist erforderlich, die Fläche sofort von diesen Materialien zu räumen." Schreiben des Landkreises Güstrow

Doch wieder passiert nichts. Stattdessen kommt in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Müll dazu. Auf dem Gelände herrscht zwischenzeitlich rege Betriebsamkeit. Ein provisorisches Büro ist eingerichtet, ein Mitarbeiter lotst die ankommenden Lkw auf das sechs Hektar große Gelände, schiebt die Müllberge mit einem Radlader zusammen. Die benachbarten Kleingärtner beschweren sich. Immer wieder. Aber über die Jahre resignieren sie auch. Weil sich nichts tut. Außer, dass die Müllberge wachsen.

Kriminelle Energie schlägt Verwaltungsrecht

Eine illegale Mülldeponie in Güstrow. © NDR Foto: NDR
Durch Gutachten ist die Giftigkeit des Mülls belegt.

Die Behörden konnten dem NDR gegenüber glaubhaft machen, dass sie sehr wohl tätig waren. Aber sie sind eben auch ans Verwaltungsrecht gebunden. Das bedeutet im Grundsatz, dass der Verursacher eines Schadens für dessen Beseitigung aufkommen muss und eben nicht die Allgemeinheit - also die Steuerzahler. Doch der Verursacher, eine mutmaßliche Betreibergesellschaft der illegalen Mülldeponie, wechselt häufig die Anschrift, den Namen, verwendet Fantasieadressen, sodass die Behörden ihn eben nicht erreichen können. Der Landkreis Güstrow sei in der Vergangenheit erfolglos mit ordnungsrechtlichen Verfügungen gegen die Verantwortlichen zur Unterbindung der Ablagerung von Müll auf dem Gelände vorgegangen, sagt Ines Liefke, Leiterin des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Mittleres Mecklenburg. Aber das illegale Müllabladen ging weiter - noch bis ins Jahr 2020.

Schummriges Gefühl vor Ort

Der NDR ist von dem Müllexperten Michael Billig auf die Deponie aufmerksam gemacht worden. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit illegaler Abfallentsorgung und betreibt eine eigene Website zu dem Thema. Michael Billig hat Proben auf dem Güstrower Gelände genommen und sie in einem Labor analysieren lassen. Gefunden wurden: stark erhöhte Schwermetallwerte, dazu Arsen und Quecksilber. Als ich als Reporter, zusammen mit Michael Billig, das Gelände erkunde, tragen wir FFP3-Masken und Schutzanzüge und trotzdem fühlen wir uns nach einer Stunde etwas schummerig und nehmen deutlich chemische Gerüche wahr, die ungesund sein können.

Das StALU schaltet sich ein

Seit Februar 2020 ist das StALU Mittleres Mecklenburg in Rostock für den Fall zuständig. Die Behörde hat eigene Gutachten erstellt, die die Recherchen von Michael Billig bestätigen. Das Amt hat inzwischen Grundstückseigentümer und mutmaßliche Betreiber der Abfalldeponie ermittelt. Laut Ines Liefke sind beide angeschrieben worden. Doch das Schreiben an die Besitzerin des Geländes, eine Gesellschaft in Liquidation, war nicht zustellbar. Der Betreiberin der Müllkippe sei Anfang Mai 2020 eine Anordnung zur Untersagung weiterer Ablagerungen zugestellt worden. Sie wurde aufgefordert, eine Gefährdungsabschätzung und ein Entsorgungskonzept vorzulegen, hat jedoch nicht reagiert und sämtliche Fristen verstreichen lassen, heißt es aus dem Amt in Rostock. Das StALU hat inzwischen auch Anzeige bei der Rostocker Staatsanwaltschaft gestellt. Gegenüber dem NDR hofft die Amtsleiterin, dass im Herbst dieses Jahres die Abfallberge beseitigt werden können. Sie schätzt die Kosten auf etwa vier Millionen Euro. Und das sei nur das, was man sieht, welche Schäden im Untergrund lauern, weiß man im Moment noch nicht. Die Gesamtmenge schätzt Liefke inzwischen auf etwa 19.400 Kubikmeter Müll - oder anders: 14.000 Tonnen.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 13.04.2021 | 19:30 Uhr

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