Stand: 27.11.2019 17:42 Uhr

Friedländer Große Wiese: Modellprojekt angekündigt

Abbild der ausgetrockneten Friedländer Wiese.
In der Friedländer Großen Wiese sind in diesem Jahr rund 320 Hektar vertrocknet, der Torf zersetzt sich.

Die Friedländer Große Wiese südlich von Anklam - das einst größte zusammenhängende Niedermoorgebiet in Mecklenburg-Vorpommern - soll künftig nachhaltiger und klimafreundlicher genutzt werden. Das Land will zu diesem Zweck ein Modellprojekt auflegen und finanzieren, wie Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) am Mittwoch bei einem Runden Tisch in Ueckermünde (Landkreis Vorpommern-Greifswald) erklärte. Landwirte, Wissenschaftler und Naturschützer sollen daran aktiv beteiligt werden und gemeinsam Lösungswege erarbeiten. Als ersten Schritt kündigte der Minister eine genaue Analyse an. Mit ersten Ergebnissen sei in etwa zwei Jahren zu rechnen, so der Minister: "Das ist ein enorm komplexes Thema."

Interessen von Landwirtschaft und Naturschutz prallen aufeinander

In dem artenreichen Areal prallen seit Langem die Interessen von Umweltschutz und Landwirtschaft aufeinander. Das rund 12.000 Hektar große Gebiet wurde seit dem 18. Jahrhundert schrittweise entwässert - in der letzten Stufe Ende der 1950er-Jahre im Rahmen eines der größten FDJ-Projekte der DDR: Etwa 6.000 Mitglieder von FDJ-Brigaden schaufelten bei dem sozialistischen Vorzeigeprojekt ein Grabensystem, welches das Gebiet gitterförmig durchzieht.

Weite Teile für Tierfutter-Anbau genutzt

Denn die DDR-Landwirtschaft brauchte für ihre intensive Tierproduktion viel Futter, und das sollte die Friedländer Große Wiese liefern. Im Osten des Moorgebietes entstand in der DDR einer der größten Agrarbetriebe mit bis zu 44.000 Rindern. Heutzutage werden rund 2.400 Hektar Moorfläche als Acker- und etwa 6.000 Hektar Moor als Grünland von insgesamt 40 Agrarbetrieben aus der Region genutzt.

Vom Moor zum C02-Emittenten

Mit Sorge sehen Landwirte, Naturschützer und Behörden die zunehmende Austrockung der Friedländer Großen Wiese, die sich durch die Niederschlagsarmut der vergangenen Jahre noch verstärkt hat. Allein in diesem Jahr sind rund 320 Hektar restlos ausgedörrt wie in der Steppe: Landwirte erlitten Ernteausfälle, der Torf hat sich zersetzt. Nach Angaben des Agrarministeriums hat das Gebiet vielerorts seine moortypischen Eigenschaften verloren - mit Folgen für den Klimaschutz: Durch die Zersetzung von Pflanzenmasse werde sehr viel klimaschädliches Kohlenstoffdioxid frei. Das Ministerium spricht von jährlich etwa 37 Tonnen pro Hektar. Das Moor sei an einigen bereits bis zu zweieinhalb Meter abgesackt. Das solle nun gestoppt werden, so Backhaus.

Backhaus: Kein Weiter-So wie bisher

An dieser Stelle soll das Modellprojekt ansetzen. Ziel sei es, den Torfrückgang auf rund 10.000 Hektar zu stoppen und die CO2-Freisetzung zu verringern. Dazu ist laut Backhaus eine nachhaltige Landwirtschaft gefordert, die die vielfältigen Ansprüche von Natur-, Boden- und Klimaschutzes berücksichtigt. "Eine landwirtschaftliche Nutzung, wie sie derzeit dort betrieben wird, hat keine Perspektive", so der Minister. Der Vorschlag einiger Landwirte, die Ackerflächen mit Wasser aus der Peene zu versorgen, sei nicht erfolgversprechend, sagte Backhaus.

Backhaus: Landwirte müssen für Umweltschutz Geld bekommen

Backhaus warb stattdessen für alternative Nutzungsmethoden. Von den Landwirten wünsche er sich deshalb zunächst einmal Gesprächsbereitschaft und den Blick über den Tellerrand. "Die Bauern müssen aber künftig auch für Klima- und Artenschutz sowie sauberes Wasser bezahlt werden." Das werde er bei der EU für die nächste Förderperiode einfordern, so Backhaus. Der Betreiber eines großen Agrarbetriebs in der Region mit 20.000 Rindern wies darauf hin, dass die Wiesen und Felder bisher für das Tierfutter unabdingbar seien. Sein Betrieb sei aber im Sinne des Klimaschutzes für das Projekt offen.

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Paludi-Kulturen als Lösung?

Es sei durchaus möglich, auch nasse Moore produktiv zu nutzen, sagte die Leiterin des Greifswald Moor Centers, Franziska Tanneberger. Dies könne durch den Anbau sogenannter Paludi-Kulturen geschehen. Dabei handle es sich um Schilf, das sich sehr gut als Dämmstoff eignet, aber nur bedingt als Tierfutter, so die Expertin: "Das Entscheidende ist, dass der Wasserstand wieder angehoben wird. Nur dann haben wir die Einsparung von Treibhausgasen, der Torf bleibt erhalten und die Nitratausträge werden reduziert." Backhaus verwies auf den großen Bedarf an Rohr. Das in Deutschland verwendete Rohr stamme nur zu etwa 15 Prozent aus einheimischen Beständen. Der vorhandene Bedarf werde durch Importe aus Süd- und Osteuropa gedeckt. "Ein Markt der auch für Mecklenburg-Vorpommern interessant ist, da Rohrdächer hierzulande nicht nur in Küstennähe einen landschaftsprägenden Charakter haben."

Streit um 240 Meter hohe Windkraftanlagen

Backhaus bezog auch zu einem anderen in der Region strittigen Thema Stellung: Den Bau von Windrädern in der Friedländer Großen Wiese, wie ihn eine Brandenburger Windkraftfirma plant, lehnt er ab. "Dort haben wir bis in eine Tiefe von zwölf Metern Torf, das wird etwas schwierig", so Backhaus. Die zwölf Windrädern sollen je etwa 240 Meter hoch sein. Dagegen und gegen weitere Windparkplanungen gibt es seit Monaten Widerstand. Die Region gilt als bedeutendes Brut- und Rastgebiet für Vogelarten, darunter Kraniche, etliche Gänsearten, Rotmilane sowie Jagdgebiet für den Schreiadler. Die Deutsche Wildtierstiftung lehnt Windräder in der Region auch ab. Am Montag hatte der Kreistag Vorpommern-Greifswald zudem einen Stopp für den Bau neuer Windräder im Kreisgebiet beschlossen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.11.2019 | 16:10 Uhr

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