Flughafen Rostock-Laage von nun an in privater Hand

Stand: 01.01.2022 11:29 Uhr

Nach 28 Jahren hat der größte Airport Mecklenburg-Vorpommerns den Eigentümer gewechselt. Die bisherigen Gesellschafter kassieren 200.000 Euro für den Verkauf.

von Axel Krummenauer, NDR 1 Radio MV


"Fliegen von zuhause" - mit diesem Slogan hat der Flughafen Rostock-Laage einmal geworben. Doch "von zuhause" fliegt schon lange kaum eine Maschine. Ab und zu Urlaubs-Charterflüge, Hansa Rostock nutzt den Airport für Reisen zu weiter entfernten Auswärtsspielen - ansonsten herrscht Ruhe auf dem zivilen Teil des größten Flughafen Mecklenburg-Vorpommerns. Die Berliner Zeitfracht Gruppe will das ab sofort ändern und Laage zu einem "kleinen Logistikdrehkreuz in Deutschland" machen, wie der Vorstandsvorsitzende von Zeitfracht, Wolfram Simon-Schröter, im NDR Interview ankündigte.

Zeitfracht Gruppe will unabhängig sein

Zeitfracht bezeichnet sich als Familienunternehmen, das etwa 3.000 Mitarbeiter beschäftigt. Diese arbeiten bei den Adler-Modemärkten, bei der Fluggesellschaft German Airways, beim ehemaligen Buchversand-Dienstleister KNV oder beim Raumfahrtunternehmen PTS, das unter anderem eine Zwischenstufe für die europäische Weltraumrakete Ariane 6 entwickelt. Wie passt da der Flughafen Rostock-Laage ins Portfolio? "Für uns ist entscheidend, dass wir für unsere Unternehmen eine eigene Versorgungssicherheit darstellen können", sagt Simon-Schröter. "Das können wir mit einer eigenen Infrastruktur sehr gut tun." Die Zeitfracht Gruppe will, vereinfacht gesagt, zum Beispiel für die Adler-Modemärkte bestimmte Kleidung nicht über die Flughäfen Köln/Bonn oder Leipzig/Halle einfliegen und an die dortigen Betreiber Gebühren für Landung und Abfertigung bezahlen. Dieses Geld soll künftig an die eigene Tochtergesellschaft fließen, den Flughafen Rostock-Laage.

Wartungsbasis für Embraer-Flotte

Schon in diesem Frühjahr, so kündigte Simon-Schröter gegenüber dem NDR an, soll die Wartungsbasis für die fünf Flugzeuge der German Airways nach Laage verlegt werden. Bisher werden die Flugzeuge vom Typ Embraer E190 mit jeweils 100 Sitzplätzen in Köln/Bonn gewartet. Künftig, so schrieb es Zeitfracht im Kaufangebot an die bisherigen Eigentümer unter der Überschrift "Strategische Ziele und Pläne", soll auch der Unternehmenssitz von German Airways nach Laage verlegt werden. 50 Arbeitsplätze ziehen damit vom Rhein in Richtung Ostsee. Zeitfracht sieht außerdem "das Potential, mit einem dauerhaft am Flughafen Laage stationierten Regionaljet ... der German Airways innerdeutsche sowie touristische Destinationen eigenwirtschaftlich zu bedienen". Die Geschäftsführerin von German Airways, Maren Wolters, wird gleichzeitig zweite Geschäftsführerin des Flughafens Laage, neben der bisherigen Airport-Chefin Dörthe Hausmannn, die zur Sprecherin der Geschäftsführung berufen wurde.

20 Millionen für neue Logistikhalle

Weiterhin will Zeitfracht 20 Millionen Euro in eine neue Logistikhalle investieren. 225 Arbeitsplätze sollen entstehen. Den Bauantrag will das Unternehmen nach Angaben von Vorstandschef Simon-Schröter bis Mitte dieses Jahres stellen. Spätestens Ende 2024 sollen sie in Betrieb gehen. Alle "Warenströme insbesondere aus und nach Asien" will Zeitfracht über den Flughafen und den 20 Kilometer entfernten Überseehafen Rostock bündeln, heißt es in dem Kaufangebot weiter.

Anscheinend ein lukratives Geschäft

Für Zeitfracht ist es anscheinend ein äußerst lukratives Geschäft. Für 200.000 Euro kaufte das Unternehmen einen zivilen Flughafen samt der dazugehörigen Fläche von 360.000 Quadratmetern. Allein das Grundstück hat einen Wert von 7,2 Millionen Euro, wie aus Unterlagen der Rostocker Versorgungs- und Verkehrsholding GmbH hervorgeht. Über diese Holding war die Stadt Rostock als Hauptgesellschafter am Flughafen beteiligt. Laut Kaufvertrag "verpflichtet sich" Zeitfracht für mindestens zehn Jahre den Verkehrsflughafen zu betreiben. Wird der Flughafen früher geschlossen, erhöht sich nachträglich der Kaufpreis.

Mitarbeiter-Übernahme nicht festgeschrieben

Bei Schließung vor Ablauf eines Jahres werden demnach 2,25 Millionen Euro zusätzlich fällig. Wird der Flughafenbetrieb sechs Jahre nach der Übernehme geschlossen, kostet das keinen Nachschlag mehr. Für diesen Fall haben die bisherigen Gesellschafter - die Stadt Rostock, der Landkreis Rostock sowie die Stadt Laage - kein vertragliches Rückkaufrecht. Verkauft Zweifracht Anteile am Grundstück, kann auch die öffentliche Hand bieten, ein Vorkaufsrecht ist nach NDR Informationen jedoch nicht vereinbart. Früheren Angaben zufolge sind am Flughafen rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Eine Übernahme ist im Kaufvertrag offenbar nicht festgehalten.

Flughafen bislang immer mit Verlusten

28 Jahre lang hatten die kommunalen Gesellschafter den zivilen Flughafen von der "Flughafen Rostock Laage Güstrow GmbH" betreiben lassen. Jedes Jahr mussten sie Millionen-Defizite für den laufenden Betrieb ausgleichen. Mit 4,1 Millionen Euro waren es 2020 so viel wie in keinem Jahr zuvor. Solche Zahlungen sparen die Kommunen künftig ein. Es waren nicht die einzigen Gelder, die der Flughafen bekam. Nach Berechnungen des Bundes der Steuerzahler wurden seit der Gründung in den Flughafen Laage rund 130 Millionen Euro investiert. Allein das für jährlich eine Million Passagiere ausgelegte Flughafenterminal, das 2005 eröffnet wurde, kostete 24,1 Millionen Euro. Es war eine der wenigen Investitionen, die das Land zu hundert Prozent bezahlte.

Innenministerium stimmt Unterwertverkauf zu

Aus den öffentlich zugänglichen Bilanzen der "Flughafen Rostock Laage Güstrow GmbH" geht hervor, dass die Gesellschaft ein Anlagevermögen von rund 22 Millionen Euro besitzt. Laut Jahresabschluss 2020 verfügt der Flughafen zudem über eine Gewinnrücklage von rund 2,5 Millionen Euro. Das zuständige Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns hat dem Unterwertverkauf jedoch zugestimmt, weil ein besonderes öffentliches Interesse bestehe. So steht es in einem Schreiben des Innenministeriums vom 24. November 2021, das dem NDR vorliegt. Als Gründe werden der Weiterbetrieb des Flughafens, das Freiwerden erheblicher Finanzmittel und die Chance auf eine Weiterentwicklung des Standortes genannt.

Hinweise auf Risiken des Kaufvertrags

Allerdings mahnt das Innenministerium darin auch, dass es sich "nicht um ein bedingungsfrei durchgeführtes Bietverfahren" handele. Deshalb könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Kaufpreis dem Marktwert entspricht. Hintergrund ist, dass bei der Suche nach einem Investor im sogenannten Interessenbekundungsverfahren bereits als Bedingungen ein Betriebskonzept für den Flughafen und die Absicherung der Beschäftigten aufgeführt wurden. Das Ministerium wurde sogar noch deutlicher, schrieb unter anderem von möglichen Risiken und Nachteilen im Kaufvertrag, denn die "Zusicherung des Erhalts der Arbeitsplätze ist nicht im Kaufvertrag verankert". Das Schreiben erreichte die Rostocker Bürgerschaftsabgeordneten erst am Abend der endgültigen Abstimmung über den Kaufvertrag im Dezember.

Bund der Steuerzahler begrüßt Verkauf

Ausdrücklich begrüßt wurde der Verkauf vom Bund der Steuerzahler in Mecklenburg-Vorpommern. Die stellvertretende Landesvorsitzende Diana Behr teilte auf NDR Anfrage mit, es reiche bei einem Verkauf nicht mehr aus, allein auf den Kaufpreis zu schauen. "Die Übernahme von Verbindlichkeiten und ein Sanierungsstau müssen ebenfalls mit eingerechnet werden." Der Verbleib des Flughafens in öffentlicher Hand "wäre ohne jede Perspektive, jedoch mit einem weiteren Verbrennen von Steuergeldern einhergegangen". Der Bund der Steuerzahler macht sich daher auch dafür stark, das Subventionieren anderer Regionalflughäfen in Mecklenburg-Vorpommern, wie Heringsdorf und Trollenhagen, zu beenden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 01.01.2022 | 12:00 Uhr

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