Stand: 18.10.2019 07:38 Uhr

Wie hoch ist das Krebsrisiko für Feuerwehrleute?

von Marie Löwenstein, NDR Info

Flammen löschen, Menschen retten: Der Job von Feuerwehrleuten ist unter Umständen lebensgefährlich. Und das nicht nur wegen des Feuers: Bei Bränden werden manchmal auch Stoffe freigesetzt, die krebserregend sind. Feuerwehrverbände und Betroffene fordern daher, dass manche Krebsarten für die Einsatzkräfte auch als Berufskrankheit anerkannt werden.

Michael Hartz steigt in Feuerwehrmontur eine Leiter hinauf. Er blickt von unten in die Kamera und unter im befindet sich ein Löschfahrzeug. © NDR Foto: Michael Hartz
Michael Hartz war selbst 25 Jahre lang als aktiver Feuerwehrmann tätig.

Wenn seine Kolleginnen und Kollegen der Feuerwache Hamburg-Süderelbe zum Einsatz gerufen werden und losfahren, bleibt Michael Hartz in der Wache zurück. 25 Jahre war er im aktiven Dienst, jetzt sitzt er am Schreibtisch: "Manchmal bin ich ein bisschen wehmütig, aber ich bin zu 100 Prozent schwerbehindert. Ich habe meinen Job hier und bin auch dankbar, weil ich bei meinen Jungs und Mädels bin."

Dass Hartz heute überhaupt wieder bei der Feuerwehr arbeiten kann, ist nicht selbstverständlich. Mit 49 Jahren wurde bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Es folgten Dutzende Operationen mit schweren Komplikationen. Er überlebte nur knapp. Er glaubt, dass der Beruf als Feuerwehrmann sein Krebsrisiko zumindest erhöht hat: "Man hat halt in seinem Feuerwehr-Leben immer viel Rauch eingeatmet. Auch wenn die Vorgaben heute schärfer sind: Man kann sich in dem Beruf nicht vor allem schützen, das geht nicht."

Einsatzkräfte der Polizei und Feuerwehr stehen am 30.05.2018 in Rostock bei einem Brand auf dem Gelände eines Entsorgungsunternehmens im Stadtteil Neu Hinrichsdorf vor einer Feuerwand. © dpa-Bildfunk Foto: Christopher Sebastian Harms

AUDIO: Erhöhtes Krebsrisiko für Feuerwehrleute? (3 Min)

Politik: Wissenschaftliche Grundlagen fehlen

Betroffene wie Hartz fordern, dass die Bundesregierung bestimmte Krebsarten als Berufserkrankung bei Feuerwehrleuten anerkennt. Denn dann wäre es für sie leichter, Entschädigungen einzufordern oder eine bessere medizinische Versorgung zu bekommen. "Auch von politischer Seite könnte für uns da einiges getan werden", meint Hartz.

Aus Sicht der Bundesregierung fehlen dafür bislang aber die wissenschaftlichen Grundlagen. Manche internationalen Studien legen zwar nahe, dass Feuerwehrleute ein erhöhtes Krebsrisiko haben. Für Deutschland - wo der Arbeitsschutz oft nicht vergleichbar ist - gibt es aber bisher wenige Erkenntnisse.

Die Situationen vor Ort sind unterschiedlich

Ein Puzzlestück könnte bald vielleicht der Mediziner Wolfgang Hoffmann von der Universität Greifswald liefern. Im Auftrag des Landes Mecklenburg-Vorpommern soll er Krebsfälle an einer Wache in Neubrandenburg untersuchen. Dort waren in den vergangenen 15 Jahren neun Feuerwehrleute an Krebs gestorben und viele weitere erkrankt. Der Epidemiologe will jetzt herausfinden, ob das Zufall ist oder mit den konkreten Einsätzen der Kräfte zusammenhängt. Denn nicht bei allen Bränden entstünden krebserregende Stoffe: "Das hängt sehr stark davon ab, wie die Umstände der Situation sind, was da brennt, wie gut die Sauerstoffzufuhr ist, wie hoch die Temperatur ist, ob Dampf auch abtransportiert werden kann oder sich staut."

Nur im schlimmsten Fall entstünden Karzinogene, sagt Hoffmann. Und auch dann seien Feuerwehrleute dem nicht hilflos ausgesetzt: "Es gibt einen sehr ausgeprägten Arbeitsschutz bei der Feuerwehr. Deswegen ist es so, dass, wenn alles richtig gemacht wird, nicht damit zu rechnen ist, dass erhöhte Risiken vorliegen."

Selbstschutz steht heute mehr im Fokus

Alles richtig machen: Das hieße zum Beispiel möglichst immer Atemschutz tragen und sofort nach dem Einsatz alle kontaminierten Kleider waschen. Heute würde das alles viel stärker beachtet, lobt Feuerwehrmann Hartz. Zu Beginn seiner Karriere sei das aber noch ganz anders gewesen.

Zudem habe sich bei manchen Einsätzen die Lage so schnell geändert, dass an Schutz nicht zu denken war. Etwa als 1991 ein Kühlhaus an der Elbe brannte. Hartz ging mit der Nachhut ins Gebäude, ohne Atemschutz: "Das Feuer ist dann praktisch von oben im Fahrstuhlschacht runter gelaufen und kam dann von unten, das war natürlich dicker, schwarzer Rauch. Das sind Belastungen, die der Körper mitkriegt", sagt der ehemals vor Ort aktive Feuerwehrmann.

Verbände fordern noch mehr Forschung

Michael Hartz steht vor einem Löschfahrzeug der Feuerwehr. Er lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Michael Hartz
Michael Hartz hätte wenig Aussicht auf Erfolg, wollte er seine Krebserkrankung als Berufskrankeit anerkennen lassen.

Hartz könnte auch jetzt schon versuchen, seinen Krebs im Alleingang als beruflich bedingt anerkennen zu lassen. Doch die Erfolgsaussichten sind gering, denn er hat keine Beweise. Vorfälle, bei denen der Arbeitsschutz versagte, wurden früher, anders als heute, nicht dokumentiert: "Wir sind ins Feuer und raus - und dann ging das Leben weiter."

Das Tragische daran: Krebserkrankungen brechen meist erst Jahrzehnte später aus. Ein Zusammenhang zwischen Krankheit und Unfällen beim Einsatz ist dann kaum noch herzustellen. Feuerwehrverbände fordern deswegen - neben konsequenter Dokumentation und Arbeitsschutz - mehr Forschung zu dem Thema. Denn nur dann kann ihr Ziel - eine Anerkennung von bestimmten Krebsarten als Berufskrankheit - vielleicht näher rücken.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 18.10.2019 | 07:38 Uhr

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