Ein Tropfen hängt an der Nadel einer Spritze. © dpa-Bildfunk Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nordländer gegen getrennte Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte

Stand: 11.11.2021 11:40 Uhr

Die Zahl der Neuinfektionen nimmt zu. Klar ist: Geimpfte infizieren sich seltener. Wäre es also besser, die Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte getrennt zu berechnen, damit der Unterschied sichtbar wird?

von Isabel Lerch

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Hamburg betrug am vergangenen Dienstag 149,4. Ein hoher Wert. Doch schaut man sich die Inzidenz mit Blick auf den Impfstatus der Infizierten an, ändert sich das Bild: So lag die Inzidenz in der Hansestadt bei den Geimpften an eben jenem Dienstag bei knapp unter 20, bei den Ungeimpften hingegen bei über 450. Im Vergleich zur Vorwoche sei der Wert bei den Geimpften stabil geblieben, bei den Ungeimpften aber um 30 gestiegen, so Senatssprecher Marcel Schweitzer.

Hamburg: Getrennte Inzidenz nur "auf Nachfrage" veröffentlicht

Der Unterschied ist deutlich. Sollte man die Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte daher nicht regelmäßig getrennt publizieren, um den Unterschied sichtbar zu machen? "Wir beobachten die Zahlen kontinuierlich und gegebenenfalls werden wir auch beide Inzidenzen regelmäßig veröffentlichen. Aber das kann ich noch nicht konkret in Aussicht stellen“, erklärt Martin Helfrich, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, dem NDR. Aktuell habe man aufgrund von Nachfragen entschieden, die Inzidenzen beider Gruppen einmalig zu veröffentlichen, so Helfrich weiter. Grundsätzlich bleibt die Behörde aber zurückhaltend. Der Grund dafür: die Berechnung der getrennten Inzidenzen ist mit vielen Unsicherheiten behaftet.

Unsichere Datenlage - komplexe Berechnung

Das sieht man auch in Niedersachsen so: "Die Berechnung ist recht komplex und aufwendig, weil es verschiedene Faktoren gibt, die man berücksichtigen muss", sagt Holger Scharlach, Sprecher des Landesgesundheitsamtes in Niedersachsen. Ähnlich sieht das auch sein Kollege Marius Livschütz, Sprecher des schleswig-holsteinischen Gesundheitsministeriums. Auch das nördlichste Bundesland hatte die Sieben-Tage-Inzidenz zwar Ende August einmal exemplarisch getrennt für Geimpfte und Ungeimpfte veröffentlicht – doch das blieb eine Ausnahme. Die Datenlage sei zu unsicher, so die Begründung.

Denn geimpft ist nicht gleich geimpft: Wenn jemand beispielsweise die erste Impfung mit dem Impfstoff BionTech erhalten hat und sich dann, noch vor der zweiten Impfdosis, mit dem Coronavirus infiziert – welchem Inzidenzwert soll diese Neuinfektionen dann hinzugerechnet werden? Der Inzidenz der Geimpften oder der Ungeimpften? Diese und anderen Fragen sind bislang noch nicht ausreichend geklärt. Und vor allem: Nicht bundeseinheitlich.

Bayern und Baden-Württemberg veröffentlichen getrennte Inzidenzen

Bislang veröffentlichen nur Bayern und Baden-Württemberg die Sieben-Tage-Inzidenz getrennt nach Impfstatus - trotz diverser Schwachstellen bei der Datenqualität. Das bayerische Landesgesundheitsamt beispielsweise unterscheidet nur nach dem Status "vollständig geimpft" und "ungeimpft". Eine Berechnung, die der Einfachheit gegenüber der Genauigkeit den Vorzug gibt. Denn durch diese Aufteilung wird ein Teil der Neuinfektionen bei der Berechnung der getrennten Inzidenzen gar nicht erfasst. Wer also – wie in dem oben genannten Beispiel – seine erste BionTech-Impfung erhalten hat und sich dann infiziert, fällt aus dem Raster und wird gar nicht betrachtet. Dass diese begonnenen Impfserien nicht berücksichtigt werden, könnte etwa zu einer Unterschätzung der Geimpften-Inzidenz führen, merkte das RKI bereits Anfang September in seinem wöchentlichen Bericht an.

Weniger Tests bei Geimpften

Auch andere Faktoren tragen zur unsicheren Datenqualität bei: So unterliegen auch die Informationen zum Impfstatus einem Meldeverzug. Zudem ist nicht bekannt, ob und wie stark sich das Testverhalten von geimpften und ungeimpften Menschen unterscheidet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Ungeimpfte viel öfter testen lassen als Geimpfte. Viele Neuinfektionen bei geimpften Personen werden eventuell gar nicht erfasst. Würden sie es, würden sie die Geimpften-Inzidenz erhöhen.

Inzidenz bei Geimpften deutlich niedriger

Trotz dieser Ungenauigkeiten und Unsicherheiten: Das Beispiel aus Hamburg veranschaulicht, dass die Inzidenz bei Geimpften insgesamt deutlich niedriger liegen dürfte als bei Ungeimpften.

Das RKI bestätigt diese Beobachtung. In seinem Lagebericht Ende Oktober hieß es dazu in einer Analyse: "In der vollständig geimpften Bevölkerung lag sowohl die Inzidenz der symptomatischen Fälle als auch die Hospitalisierungsinzidenz zu jedem Zeitpunkt deutlich unter der jeweiligen Inzidenz der ungeimpften Bevölkerung." Betrachtet wurde dabei der Zeitraum zwischen Mitte Juli und Mitte Oktober. Und auch, wenn die Zahl der Neuinfektionen auch bei vollständig Geimpften derzeit in jedem Bundesland zunimmt: Der Vergleich der getrennten Inzidenzen macht deutlich, dass eine Corona-Schutzimpfung das Risiko einer Infektion klar verringert.

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NDR Info | Aktuell | 11.11.2021 | 09:18 Uhr

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