Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek im Corona-Podcast: "Wir sind dem Virus nicht ausgeliefert"

Stand: 20.10.2020 17:00 Uhr

Virologin Sandra Ciesek betont in der neuen Podcast-Folge, dass jeder die Ausbreitung des Coronavirus beeinflussen kann. Außerdem warnt Gast Prof. Stefan Kluge vom UKE vor einem Pflegenotstand.

von Sonja Puhl

"Keiner der Experten hätte so einen massiven Anstieg der Neuinfektionen zu diesem Zeitpunkt vorhergesagt." Darin sind sich Prof. Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am UKE in Hamburg, und die Virologin Prof. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, in der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update" einig. "Ich hätte damit auch eher im November oder Dezember gerechnet", pflichtet Ciesek, die zum Coronavirus forscht, ihrem Kollegen Kluge bei, der aus seinem Praxisalltag berichtet. Er kann beurteilen, ob tatsächlich alles anders ist als im Frühjahr, als die Kliniken durch das Coronavirus vor eine neue Situation gestellt wurden.

Kluge: Die Patientenzahlen auf Intensivstationen werden steigen

Derzeit sei die Lage noch beherrschbar, bilanziert Klinikdirektor Kluge, der Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie ist, aber die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen werde sicher steigen, weil sich die Schwere der Erkrankung erst entwickele: "Die Zahlen von heute wirken sich erst in circa zwei Wochen auf die Krankenhäuser aus." Momentan sei der Altersdurchschnitt relativ gering: bei 39 Jahren. "Wenn wir aber wieder ein Eindringen in ältere Altersschichten haben - wie europäische Nachbarländer - dann wird es zum Problem."

Problem: Zu wenig geschultes Pflegepersonal für Intensivbetten

Prof. Dr.  Stefan Kluge, Direktor Klinik für Intensivmedizin UKE Hamburg © UKE Foto: Axel Kirchhoff
Prof. Stefan Kluge warnt vor einem sich durch Corona verschärfenden Pflegenotstand.

Er warnt davor, nur auf die reine Zahl der im Deutschen Intensivregister ausgewiesenen freien Intensivbetten zu gucken. "Wir haben derzeit nicht das Personal, um die zu bepflegen." Für 20 bis 30 Prozent der Intensivbetten habe schon vor der Pandemie das Personal gefehlt. Kluges dringender Appell: "Wir müssen die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung für Pflegekräfte verbessern, sonst werden wir weiter Probleme bekommen."

Derzeit gibt es am UKE wieder zwei reine Covid-19-Intensivstationen. Bei weiter steigenden Infiziertenzahlen müssen Mitarbeiter von anderen Stationen abgezogen werden. Kluges Befürchtung: Möglicherweise könnten die Kliniken in Deutschland bald nicht mehr in der Lage sein, Patienten mit Schlaganfall, Herzinfarkt oder Krebserkrankungen so gut zu versorgen wie sonst auch.

Pflegekräfte fallen wegen Quarantäne weg

Sandra Ciesek weist auf ein weiteres Problem hin: "Momentan haben wir viele Fälle beim Pflegepersonal oder anderem Krankenhauspersonal." Das führe dazu, dass es zu Engpässen auf einigen Stationen komme, weil wichtige Mitarbeiter durch Quarantäne oder Isolation wegfielen.

Noch kein Durchbruch bei Therapie erreicht

Der große "Game-Changer" in Sachen Medikation fehlt immer noch. Immerhin gibt es einige Erkenntnisse, die bei der Behandlung schwerer Fälle helfen. "Wir wissen jetzt, dass wir die Covid-19-Patienten mit Lungenentzündung ähnlich behandeln müssen wie andere mit Lungenentzündung, dass wir nicht zu früh intubieren sollten, weil die Patienten dann sehr lange am Beatmungsgerät sind", erklärt Kluge. Außerdem werde zur Thrombose-Prophylaxe jetzt im Regelfall eine Blutverdünnung eingeleitet, die Medikamente Remdesivir und Dexamethason bei schweren Verläufen eingesetzt: "Trotzdem sterben mindestens 30 Prozent der Beatmeten." Kluge will die Krankheit dennoch keinesfalls herunterspielen: "Die Forschung muss weitergehen und wir hoffen sehr auf die Impfung."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Winter is coming (60 Min)

Wissenschaftler sprechen sich gegen Durchseuchungs-Konzept aus

Dass - gerade im Hinblick auf den kommenden Winter - weiter etwas gegen die Verbreitung des Coronavirus getan werden muss, fordert auch eine internationale Allianz von Wissenschaftlern im sogenannten John Snow Memorandum. Es ist eine Reaktion auf die Diskussion zum Thema Durchseuchung, also Risikogruppen und Ältere zu isolieren und die große Mehrheit auf eine Herdenimmunität zusteuern zu lassen. Sandra Ciesek hat das John Snow Memorandum ebenfalls unterschrieben - und sich mit einer der Erst-Autorinnen ausgetauscht: Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut hat sich mit der Modellierung von zu erwartenden Todesfällen durch Covid-19 und der sogenannten Kipp-Punkte beschäftigt. Ein Kipp-Punkt sei erreicht, wenn die Gesundheitsämter die Infektionsketten nicht mehr nachverfolgen könnten. Dann steigt die Dunkelziffer, viele Leute infizieren unwissentlich andere Leute. Es kann zu einer exponentiellen Ausbreitung kommen.

"Verlauf der Pandemie durch unser Verhalten beeinflussen"

Gerade wenn die Gesundheitsämter nicht mehr hinterherkämen, sei es umso wichtiger, dass die Gesellschaft versucht, die Dynamik der Ausbreitung auszubremsen, betont die Virologin: "Es ist nichts, dem wir hoffnungslos ausgeliefert sind: Wir verbreiten ja das Virus. Das Virus braucht immer einen Wirt und das sind wir. Der Verlauf der Pandemie ist auch ein Ausdruck des menschlichen Verhaltens."

Übertragung des Coronavirus durch Schmierinfektionen bei Kälte höher

Für Aufregung hatte eine Studie gesorgt, die besagt, dass das Coronavirus abhängig von der Temperatur bis zu 28 Tage auf glatten Oberflächen überleben könne. Das Virus sei stabiler, je kälter die Umgebung sei. Virologin Ciesek schränkt die Bedeutung dieser Studie fürs tägliche Leben aber ein. Die Untersuchungen seien unter Laborbedingungen mit einer extrem hohen und damit sehr langlebigen Viruslast erfolgt. UV-Licht und andere Wetterbedingungen reduzieren die Ansteckungsgefahr. Die Übertragung durch Tröpfchen oder Aerosole sei viel wahrscheinlicher. Dennoch: "Händewaschen mit Seife bleibt wichtig, umso wichtiger, je kälter es wird."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.10.2020 | 18:05 Uhr

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