Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek über Omikron: Nicht verharmlosen, nicht in Panik verfallen

Stand: 30.11.2021 17:00 Uhr

Die neue Coronavirus-Variante trägt mehr als 50 Mutationen. Aufmerksamkeit erregen vor allem jene, mit denen das Virus der Immunantwort entkommen könnte, sagt die Virologin Sandra Ciesek in einer Sonderfolge des Podcasts Coronavirus-Update von NDR Info.

von Ines Bellinger

"Man darf das Virus weder verharmlosen, noch darf man in Panik verfallen", sagt Ciesek und verweist auf fehlende Daten zur Variante B1.1.529. Die Variante war Ende vergangener Woche im südlichen Afrika entdeckt worden. Seit dem Wochenende sequenziert die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main mit ihrem Team im Labor mehrere Verdachtsfälle von Reiserückkehrern. Die europäische Seuchenschutzbehörde meldete bis Dienstagmittag 42 bestätigte Omikron-Fälle in zehn europäischen Ländern. In Deutschland waren bis zu diesem Zeitpunkt vier Menschen nachweislich mit der neuen Variante infiziert.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
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Omikron: Noch Monate, bis repräsentative Daten vorliegen

Doch wie gefährlich ist die neue Variante: Ist sie ansteckender oder sogar krankmachender? Erste Berichte aus dem südlichen Afrika gehen von milderen Verläufen und der Möglichkeit von Reinfektionen aus. "Ich habe Berichte über milde und schwerere Verläufe gelesen, aber man kann das nicht aufgrund von Anekdoten über Einzelfälle beurteilen", sagt Ciesek. "Wir müssen dafür repräsentative Daten bekommen, aber das wird leider Wochen bis Monate dauern." Zudem müssten die Gesamtsituation im jeweiligen Land und die Bevölkerungsstruktur zu einer Beurteilung der Daten herangezogen werden. Omikron ist binnen weniger Wochen in Südafrika dominant geworden, aber bei sehr niedrigen Fallzahlen. Südafrika hat eine viel niedrigere Impfquote als Deutschland, aber dort leben deutlich mehr Menschen, die die Infektion bereits durchgemacht haben.

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Die allermeisten Infektionen bislang im Umfeld von Reiserückkehrern

Über Reiserückkehrer ist das Virus offenbar nach Europa gelangt. "Bisher hatten wir in Frankfurt noch keine Probe mit dem Verdacht auf die neue Variante, die nicht auf einen Flug aus Afrika oder einen direkten Kontakt zu einem Reiserückkehrer zurückzuführen war", sagt Ciesek. Klar ist, dass die in ihrem Labor aufgefallenen Proben (ein bestätigter Fall, sieben Verdachtsfälle) von geimpften Reisenden stammen, sonst wären sie nicht an Bord eines Flugzeugs gekommen. Allerdings ist in Sachsen mittlerweile auch ein Fall aufgetreten, bei dem es keine klare Reisevorgeschichte gibt.

Schon kommende Woche spezialisierte Mutations-PCR

Bei der Untersuchung der Abstriche machen die Virologen zunächst ein Screening auf Schlüsselmutationen, denn unter den mehr als 50 Mutationen, die Omikron trägt, sind laut Ciesek "ein paar übliche Verdächtige dabei, die wir kennen". Fällt eine Deletion, also ein Verlust eines DNA-Abschnitts, auf, der schon von der Alpha-Variante bekannt war, die also von der längst in Deutschland dominanten Delta-Mutante abweicht, ist das ein starker Hinweis darauf, dass eine Omikron-Infektion vorliegen könnte. Diesem Verdacht wird dann per aufwendiger Genom-Sequenzierung nachgegangen. Speziell auf Omikron zugeschnittene Mutations-PCR werden laut Ciesek womöglich kommende Woche verfügbar sein.

Impfstoffanpassung "ginge relativ schnell und unkompliziert"

Mit Beta war in Südafrika schon einmal eine Variante entdeckt worden, die wie Omikron Mutationen aufwies, durch die das Virus einer Immunantwort ausweichen kann. Diese Variante hat sich in Europa allerdings nicht durchgesetzt. Bei Omikron müsse nun das Zusammenspiel der vielen verschiedenen Mutationen - allein 32 am Spike-Protein, mit dessen Hilfe das Virus an die menschliche Zelle andockt, - genauestens beobachtet werden.

Im Fokus haben Virologen und Impfstoffentwickler vor allem Mutationen, die eine Immunflucht begünstigen könnten, weil sie die Antikörper-Neutralisierung verringern. Bisherige, von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "besorgniserregend" eingestufte Varianten wiesen eher einen geringen sogenannten Immune Escape auf. Die Vakzin-Hersteller arbeiteten aber bereits an einer Anpassung der Impfstoffe, sollte sie denn nötig werden, sagt Ciesek: "Das ginge relativ schnell und unkompliziert." Zudem zeige Omikron nur jeweils eine Mutation an den Angriffspunkten der kürzlich entwickelten Medikamente Molnupiravir und Paxlovid, sie würden wohl weiter wirken.

"Auf keinen Fall mit der Corona-Impfung warten"

Auf keinen Fall sollten Unentschlossene in Deutschland jetzt aber weiter mit einer Booster- oder Erst- und Zweitimpfung warten. Bis ein Update produziert und ausgeliefert wird, könnten trotz allem Monate vergehen. Die Eindämmung der vierten Welle stehe zweifelsfrei im Mittelpunkt: "Delta ist nach wie vor unser großes Problem", sagt Ciesek. "Die Impfung wirkt sehr gut, es ergibt keinen Sinn damit zu warten. Bei Omikron haben wir noch zu viele Unwägbarkeiten."

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NDR Info | 30.11.2021 | 17:00 Uhr

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