Stand: 13.04.2018 13:46 Uhr

Warum Deliveroo-Fahrradkuriere protestieren

von Sebastian Friedrich, NDR Info

In größeren Städten sieht man sie immer häufiger: Fahrradkuriere mit großen bunten Warmhalte-Boxen auf dem Rücken - unterwegs von einem Restaurant zum anderen, um den Kunden ihr online bestelltes Essen an die Wohnungstür zu liefern. Die Kuriere beklagen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen immer mehr verschlechtern. In zehn Städten gibt es deshalb am Freitag Proteste gegen Deliveroo, einen der großen Bringdienste - im Norden unter anderem in Hamburg. NDR Info hat vorab einen Radkurier bei seiner Arbeit begleitet.

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Das finanzielle Risiko fährt mit: 75 Prozent der Deliveroo-Fahrer in Deutschland arbeiten freiberuflich.

Ein belebtes italienisches Restaurant im Grindelviertel in Hamburg. Viele Kunden bestellen Pizza und Pasta übers Internet - zum Beispiel über den Serviceanbieter Deliveroo, über den die Bezahlung und die Lieferung erfolgen. Thomas arbeitet etwa seit einem dreiviertel Jahr für Deliveroo als Fahrradbote - freiberuflich.

Zu Beginn hatte er noch finanzielle Unterstützung der Arbeitsagentur, berichtet Thomas: "Ich bin monatlich damit über die Runden gekommen, mit einer sehr geringen Aufstockung. Nebenbei habe ich noch ein bisschen Trinkgeld gehabt. Nachdem die Unterstützung aber ausgelaufen ist und mit den weiteren Kosten, die dann noch entstehen - die ganzen Versicherungen, die Krankenkasse, der Arbeitergeberanteil, den man selber zahlt -, das reicht vorne und hinten nicht."

Ein Fahrradfahrer des Bringdienstes Deliveroo hat einen großen Rucksack auf seinem Rücken. © dpa picture alliance Fotograf: Julien Mattia

Deliveroo: Strampeln für 'nen Appel & ein Ei

NDR Info - Aktuell -

Mitarbeiter des Lieferdienstes Deliveroo beklagen schlechte Arbeitsbedingungen. Mit bundesweiten Protestaktionen wollen sie auf die Missstände aufmerksam machen.

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Geschäftsmodell: Freiberuflichkeit

Thomas ist kein Einzelfall: Von den 1.500 Fahrern in Deutschland arbeiten laut Deliveroo 75 Prozent als Freiberufler. Deliveroo teilte NDR Info schriftlich mit:

"In den meisten anderen Ländern, in denen Deliveroo tätig ist, bewegen wir uns klar in Richtung des freiberuflichen Modells. Wir haben hier eine Größe erreicht, die uns erlaubt, den Fahrern die Flexibilität zu bieten, die sie sich wünschen und gleichzeitig ihre Einnahmen zu maximieren und zu schützen. Das gilt auch für Deutschland."

"Das Risiko liegt komplett bei den Fahrern"

Nina Scholz glaubt nicht, dass Deliveroo auf Wunsch der Fahrer immer mehr auf Selbständige setzt. Die Buchautorin beschäftigt sich seit Jahren mit digitaler Ökonomie. Laut Scholz steht hinter dem freiberuflichen Modell eine Strategie. Festangestellte seien für die Unternehmen ein Risiko: "Die können streiken, die haben Mitspracherechte, die haben überhaupt Rechte. Für Deliveroo ist es einfach so, dass sie gar kein Risiko am Ende des Tages haben. Und für die Fahrer ist es so, dass das Risiko komplett bei ihnen liegt."

Kein fester Stundenlohn einplanbar

Deliveroo zufolge verdienen Festangestellte neun bis zehn Euro, freiberufliche Fahrer durchschnittlich 16 Euro pro Stunde. Fest rechnen können die freien Fahrer mit dem Geld nicht, weil es von der Zahl der Aufträge abhängt.

Thomas liegt mal über dem Durchschnitt, mal darunter. Im März seien es nur 13 Euro die Stunde gewesen. Hinzu kommt: Selbständige haben zusätzliche Ausgaben. Sie müssen sich komplett alleine versichern - das macht auch Thomas so: "Ich habe jetzt bei der Krankenkasse erstmal angegeben, dass ich das Wenigste verdiene, was man irgendwie berechnen kann. Das ist trotzdem bei fast 300 Euro im Monat - und das auch fast ohne jeden Zusatz. Wenn ich krank bin, habe ich Pech gehabt, dann gibt's halt kein Geld. Dazu kommt die Berufsgenossenschaft, Betriebshaftpflicht, die ich auch noch abschließen musste, das sind feste Kosten im Monat, die ich erstmal reinfahren muss, bevor ich überhaupt auf Plus/Minus null bin."

Flexibilität wird immer öfter vorausgesetzt

Um Geld zu verdienen, muss Thomas vor allem am Wochenende und abends arbeiten, wenn besonders viel los ist. Für Nina Scholz ist das Arbeitsmodell von Deliveroo beispielhaft für eine Arbeitswelt, in der immer mehr auf Flexibilität gesetzt werde: "Was diese prekären Arbeitsverhältnisse angeht, das erlebt man mittlerweile überall. Also Lohnrücknahme, keine Gehaltserhöhungen mehr, keine Anpassung. Der Chef ruft im Feierabend an, Kernarbeitszeiten werden immer mehr ausgehöhlt, man wird im neuen Job nicht mehr fest angestellt, sondern befristet und solche Sachen."

Gezielte Aktion von Deliveroo?

Deliveroo-Fahrer fangen an sich zu wehren. Vor einigen Monaten hat sich in Köln ein Betriebsrat gegründet. Laut der Bürgerrechtsinitiative Aktion Arbeitsunrecht hat Deliveroo darauf mit einem gezielten Abschmelzen der Festangestellten reagiert. Von 200 fest angestellten Fahrern seien innerhalb weniger Monate nur noch 35 übrig geblieben. Deliveroo bestreitet die Vorwürfe: Man habe die Gründung eines Betriebsrats unterstützt.

Thomas gibt auf

Die Aktion Arbeitsunrecht organisiert auch die bundesweiten Proteste gegen die Bedingungen bei Deliveroo. Thomas ist in Hamburg dabei. Es sei ein gutes Gefühl zu wissen, dass man mit den Problemen nicht alleine ist, sagt er. In dem Job sieht er keine Zukunft: "Ich kann momentan, ob ich möchte oder nicht, nicht weitermachen. Wenn Deliveroo die Kosten bei übertriebenen Wartezeiten und bei schlechter Auftragslage übernehmen würde, dann würde ich es tatsächlich gerne weitermachen. Aber da das nicht passieren wird, wünsche ich Deliveroo noch eine schöne Zukunft, viel Erfolg!"

15 Stunden pro Woche sitzt Simon Dreßler durchschnittlich für Foodora auf dem Rad. © NDR/Vincent TV/Simone Brannahl, honorarfrei

Kuriere am Limit? - Heiße Ware per Fahrrad

DIE REPORTAGE -

Fahrradboten, die mit großen Thermoboxen auf dem Rücken durch europäische Großstädte rasen, sind ein neues Phänomen. Die Reportage verrät, was und für wen sie liefern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 13.04.2018 | 06:38 Uhr

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