Sexualisierte Gewalt in der Familie: "Wunde, die nie weggeht"

Stand: 04.12.2021 20:12 Uhr

Oft ist sie ein Tabuthema: Sexualisierte Gewalt in der Familie. Die Täterinnen und Täter nutzen diesen eigentlich geschützten Raum aus, um sich meist über Jahre an Kindern und Jugendlichen zu vergehen. Zwei Betroffene sprechen über ihre Erfahrungen.

von Johannes Wulf

Lena Jensen, Missbrauchsüberlebende, sieht in die Kamera. © NDR Foto: Screenshot
Lena Jensen überwand sich, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Sie hat gelitten. Sie war auf sich allein gestellt. Und sie hat lange gebraucht, um ihre Geschichte erzählen zu können. Lena Jensen wurde als kleines Kind sexuell missbraucht. Eltern, Freundinnen und Freunde ahnten nichts. Die Täter: Zwei Mitglieder ihrer eigenen Familie, denen alle vertrauten. "In diesen Situationen, in denen sie auf mich aufgepasst haben, haben sie mich eben sexuell missbraucht. Das waren meistens Situationen, die schlafnah waren. Also entweder im Schlaf sind sie reingekommen mit einer Taschenlampe und haben mich dann beleuchtet und mich aus dem Bett rausgehoben und das dann mit mir quasi vollzogen", sagt Lena Jensen. Diese Situationen seien auch gefilmt worden. Es wurde "einfach eiskalt ausgenutzt", dass sich Lena Jensen noch nicht körperlich wehren konnte. "Und deshalb sind natürlich diese Kreise für die natürlich viel interessanter als vielleicht jemand Fremdes auf der Straße", so Jensen.

Missbrauch im Familienumfeld

Laut einer aktuellen Studie der Aufarbeitungskommission des Bundes findet jeder zweite Missbrauchsfall bei Kindern im engsten Familienumfeld statt. "Ein zentrales Merkmal von Familie als Tatkontext ist die Möglichkeit der Täter oder Täterinnen, sich nach außen abzuschotten, den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten und so einem betroffenen Kind alle Auswege aus der Gewalt zu versperren", heißt es. Auch Nicolas Haaf fand lange keinen Ausweg. Heute sitzt der 44-Jährige im Betroffenenrat des Bundes. Und plant gerade, mit anderen eine Selbsthilfegruppe für männliche Missbrauchsüberlebende in Hamburg zu gründen. "Mir ist sexuelle Gewalt passiert in der Familie." Das sei im Alter von fünf Jahren bis zum 15. Lebensjahr passiert. "Es ist die gesamte Mischung gewesen aus sexueller Gewalt, körperlicher Gewalt, emotionalem Missbrauch und auch Vernachlässigung. Also die gesamte Bandbreite an schlimmen Dingen, die einem passieren kann", sagt Haaf. "Also ich wusste von vornherein als Kind: Was hier passiert, das ist falsch. Das ist Unrecht."

Eine Anlaufstelle für Männer in Hamburg

Männer tun sich oft schwer, über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen. Es passt bei vielen nicht zum Selbstbild von Stärke und Unverwundbarkeit. Deshalb gibt es für männliche Betroffene sexualisierter Gewalt eine eigene Anlaufstelle in Hamburg. Bei Basis Praevent am Steindamm melden sich pro Jahr rund 80 Jungen und Männer jeden Alters. "Es gibt eine, wie ich finde, bittere Statistik, die wir aus der Forschung wissen, und danach braucht ein Betroffener sieben andere Personen, bis ihm geglaubt oder geholfen wird", sagt Clemens Fobian von Praevent. "Das hat was damit zu tun, dass sie natürlich ganz oft nicht explizit aussprechen, was passiert ist, aber in ihrer Art und Weise schon versuchen, das auszudrücken. Und wir sagen immer: Sexualisierte Gewalt ist nicht zu verstehen, ohne auch das Geschlecht sich mit zu betrachten." Männer und Jungen würden sexualisierte Gewalt anders erleben. "Und mir hat mal einer in der Beratung gesagt: Das Schlimmste war die Isolation. Und ich glaube, das ist so ein Teil, dieses Gefühl 'Ich bin damit alleine und nur mir ist das passiert'", so Fobian.

Weg zurück in die Selbstbestimmung

Eine Person steht an einer Uferzone und sieht in die Ferne. © NDR Foto: Screenshot
"Es ist eine Wunde, die wird auch nie weggehen", sagt Nicolas Haaf.

Je früher Betroffene erzählen, gleich welchen Geschlechts, und bei Bedarf eine Therapie beginnen, desto eher kann der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben gelingen. Nicolas Haaf hat 20 Jahre der Aufarbeitung gebraucht: "Die haben sich gelohnt. Und es nicht so, dass man sagen kann, es war immer total ein Zuckerschlecken. Es war echt teilweise brutal. Es ist eine Wunde, die wird auch nie weggehen." Andererseits habe er ein glückliches Leben. "Also ich lebe ein Leben, was ich mir nie habe vorstellen können, ehrlich gesagt. Dass ich merke, dass ich glücklich bin", sagt Haaf.

Die Angst vor der Offenbarung

Auch Lena Jensen hat eine langjährige Therapie hinter sich. Heute unterhält sie über 100.000 Follower im Internet - und kandidiert gerade für die Wahl zur Miss Germany. "Als ich dann angefangen habe, darüber zu erzählen, hatte ich erst das Gefühl, oder meine Angst vorher war, dass mich dann alle vielleicht eklig oder komisch finden. Oder mich in eine Schublade stecken", sagt Jensen. Sie sorge sich, dass sie nicht mehr "als die Lena gesehen werde, als die sie mich vielleicht kennen". Doch dann habe sie gemerkt, dass diese Sorge unbegründet war. "Im Gegenteil, ich wurde eher als stark wahrgenommen. Und ich wurde endlich als Ganzes wahrgenommen, mit meiner gesamten Geschichte. Und das hat mich auch nochmal mehr dahin gebracht, das auch wirklich anzunehmen." Lena Jensen leidet nicht mehr. Sie ist nicht mehr auf sich allein gestellt. Und sie erzählt jetzt ihre Geschichte. Um denen zu helfen, deren Stimmen nicht gehört werden.

Weitere Informationen
Ein Mann bedroht eine auf dem Sofa zusammengekauert sitzende Frau mit seiner Faust. (Themenbild) © picture-alliance / dpa Foto: Jan-Philipp Strobel

Tag gegen Gewalt an Frauen: Politik und Verbände fordern besseren Schutz

Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen fordern Politikerinnen und Frauenverbände auch in Hamburg einen besseren Schutz für Frauen. mehr

Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Wand und streckt eine Hand abwehrend vor dem Gesicht aus. © NDR Foto: Julius Matuschik

Hilfe für Opfer sexualisierter Gewalt in Hamburg

Sie oder ihr Kind sind Opfer sexueller Gewalt geworden? Hier finden Sie eine Liste an Hilfs- und Beratungsangeboten in Hamburg. mehr

Eine zusammengekauerte Frau schützt sich vor einem Schlag © fotolia Foto: John Gomez

Bundeshilfetelefon zu Gewalt gegen Frauen

Kostenlos, mehrsprachig und barrierefrei: Das Hilfetelefon berät unter der Nummer 08000 116 016 zu allen Formen der Gewalt gegen Frauen. Mehr Infos bei hamburg.de. extern

Eine Frau schaut aus einem Fenster nach draußen. © dpa Foto: Maja Hitij

Schutz vor Gewalt: Frauenhäuser in Hamburg

Die Koordinierungs- und Servicestelle "24/7" bietet Frauen und ihren Kindern in Hamburg Hilfe bei Gewalt. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 04.12.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Ein Stapel gelber Impfpässe. © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Hamburger Polizei: Soko geht gegen Impfpass-Fälscher vor

Die Sonderkommission "Merkur" ermittelt unter anderem gegen eine Mitarbeiterin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. mehr