Kommentar: "Wir alle müssen Hass im Netz entgegentreten"

Stand: 19.06.2021 08:40 Uhr

Für viele Hamburger Politikerinnen und Politiker sind Hassbotschaften im Internet Alltag. Das ergab eine Befragung von NDR 90,3 und dem Hamburg Journal. Einige waren sogar bereit, darüber auch vor der Kamera und dem Mikrofon zu sprechen. Das ist nicht selbstverständlich - das ist mutig! Ein Kommentar von Susanne Röhse.

von Susanne Röhse

Selten habe ich Politikerinnen und Politiker so offen, so ehrlich über ihre Ängste, über Kränkungen und Sorgen sprechen hören. Einige winkten anfangs ab, das sei ganz normal, da müsse man sich als Politikerin oder Politiker ein dickes Rüstzeug zulegen. Aber es war sehr häufig zu spüren, dass das sehr wohl etwas mit der betreffenden Person macht - das geht an keinem spurlos vorbei. Andere wiederum erzählten von Anfang an frei heraus, was für ein Dreck ihnen im Internet entgegen geschleudert wird. Teilweise wirkten sie erleichtert, darüber sprechen zu können. Wir waren baff über die Offenheit und den Mut der Politikerinnen und Politiker - das waren intensive und ungewöhnliche Interviews.

Demütigungen und Bedrohungen

Die junge Abgeordnete Julia Barth (SPD) schilderte uns, welche Demütigungen sie als junge Frau in der Politik ertragen muss. Kazim Abaci, der langjährige SPD-Bürgerschaftsabgeordnete, erzählte, wie ihm in Hasspostings das Recht abgesprochen wird, hier leben zu dürfen. Der Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz (Grüne) berichtete über Drohungen, die er bekam - etwa, dass man ihn ins Fadenkreuz nehmen wolle. Auch AfD-Politiker schilderten sehr konkrete Bedrohungen.

Öffentliche Thematisierung ist wichtig

Es ist mutig und auch wichtig, dass Politikerinnen und Politiker über Hassbotschaften, die sie erhalten, öffentlich sprechen. Damit zeigen sie anderen Menschen, denen das auch passiert, dass sie nicht allein sind. Es ist wichtig, dass sie sich wehren und anklagen. Der Hass aus dem Netz trifft nicht nur Menschen in der Politik. Aber wenn sie es öffentlich machen, können sie Vorbilder sein für andere.

Weitere Gesetze und härtere Strafen notwendig

Hass und Drohungen gab es schon immer - aber nie war es so leicht, Hassbotschaften zu verschicken und sie gleichzeitig so weit und schnell zu verbreiten. Mit bestehenden Gesetzen, Regeln und Selbstverpflichtungen der Netzbetreiber scheint diese Art der Kommunikation immer weniger beherrschbar. Deshalb müssen wir jetzt offen darüber reden, was wir gegen den Hass im Netz tun können. Politikerinnen und Politiker müssen jetzt handeln, mit weiteren Gesetzen und härteren Strafen. Und wir alle müssen dem Hass im Netz entschieden entgegentreten und öffentlich widersprechen!

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Jeden Sonnabend um 8.40 Uhr kommentiert die Aktuell-Redaktion von NDR 90,3 das politische Geschehen in Hamburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 19.06.2021 | 08:40 Uhr

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