Stand: 27.04.2020 09:30 Uhr  - NDR 90,3

Hinter geschlossenen Türen: Corona und häusliche Gewalt

von Lisa Hentschel und Susanne Röhse
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Von Plattenbau bis Villenviertel: Häusliche Gewalt gibt es überall, sagen Experten. Nur ist diese in Zeiten von Corona kaum sichtbar.

Die Anzahl der Fälle häuslicher Gewalt ist in Zeiten von Corona gestiegen, davon sind Initiativen überzeugt. Sichtbar ist das jedoch nicht. Weder sind Hilfetelefone überlastet noch hat die Hamburger Polizei mehr Gewaltdelikte in den eigenen vier Wänden registriert. Die Befürchtung vieler: Die Gewalt bleibt in Zeiten von Corona unsichtbar, versteckt hinter geschlossenen Türen. NDR 90,3 und das Hamburg Journal haben mit denen gesprochen, die versuchen, die Barriere von drinnen nach draußen zu durchbrechen.

Eine weiße Häuserfront. Davor die Angst, dass die Gewalt dahinter verborgen bleibt. Vor allem jetzt, in Zeiten von Corona. Auch hier, in Steilshoop, aber eben nicht nur. "Häusliche Gewalt gibt es überall, Ausweichmöglichkeiten dafür nirgends mehr", sagt Inge Pries und meint Schlupflöcher für Betroffene wie das vorgeschobene Treffen mit Freundinnen und Freunden, der vermeintliche Weg zum Arzt. Ausreden, die zumindest kurzfristig die Flucht vor der Gewalt zu Hause ermöglichen. Mehr noch: Es sind Zeitfenster, in denen sich Betroffene Hilfe holen können - normalerweise. Aber in Zeiten von Corona ist alles anders. Die Tür nach draußen bleibt geschlossen, der Partner zu Hause - auch ohne Arbeit, ohne Sport, dafür mit Emotionen, Aggressionen.

Häusliche Gewalt: Zahlen trotz Corona nicht gestiegen

Und doch scheint alles wie sonst, zumindest wenn man den Zahlen glaubt. Von der Polizei Hamburg heißt es, eine erste interne Statistik mit aktuellen Zahlen gebe man zwar nicht heraus, allerdings so viel: Die Anzahl der Fälle von Beziehungsgewalt habe im Vergleich zum Vorjahr nicht zugenommen. Martin Helfrich, Pressesprecher der Sozialbehörde, betont jedoch: "Es ist nicht auszuschließen, dass Taten derzeit (noch) nicht bekannt, aber durchaus verübt werden."

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Expertin: Direkter Kontakt als Mittel gegen Gewalt

Häusliche Gewalt findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Das Nachbarschaftsprojekt "SToP" will hier helfen. Entwickelt wurde es von Sabine Stövesand von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). mehr

"StoP": "Starke Nachbarschaft kann Gewalt verhindern"

Häusliche Gewalt auch in Zeiten von Corona sichtbar machen, das versuchen Mitarbeitende von "StoP" zu erreichen. Bei der Initiative "Stadtteile ohne Partnergewalt" ist Inge Pries seit Anfang an mit dabei. 2010 war das. Eine Zeit, in der sie als Nachbarin zwar häusliche Gewalt mitbekam, aber nicht darauf reagieren sollte: "Damals hieß es: 'Das geht dich nichts an, kümmere dich da nicht drum!'" Bis heute gelte der Hilferuf für viele als Denunzieren, insbesondere für den, der die Polizei ruft. "Da wollen wir es den Menschen einfacher machen, als Vertrauenspersonen", sagt Rukiye Camli von "StoP", als sie ein Plakat in einem Hausflur in Steilshoop aufhängt. Darauf sind nicht nur die Mitarbeitenden der Initiative abgebildet - groß und mit Namen versehen. Sondern auch die Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt: "Auch, wenn ihr denkt, ihr seid gerade alleine, das stimmt nicht. Die Hilfsangebote gibt es nach wie vor und uns auch", wendet sich die Hamburgerin direkt an Betroffene.

Häusliche Gewalt: "Hilfsangebote sichtbarer machen!"

Hilfsangebote noch sichtbarer machen, das sei gerade jetzt eine gesamtgesellschaftliche Pflicht, betont Anika Ziemba. Die studierte Pädagogin arbeitet seit sechs Jahren im 4. Hamburger Frauenhaus - auch mit Kindern Betroffener. Für sie sei die Corona-Zeit besonders heikel. Ein offener Umgang mit Gewalt sei unabdingbar. "Warum nicht die Nummer für das Hilfetelefon auf jeden Kassenzettel drucken?", fragt die Hamburgerin ernst.

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Anika Ziemba arbeitet seit sechs Jahren im 4. Hamburger Frauenhaus in Wilhelmsburg.

Beim bundesweiten Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" beraten Mitarbeitende rund um die Uhr und in mehreren Sprachen. Zahlen konkret für Hamburg sammelt die anonym arbeitende Hilfe nicht. Vom zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) heißt es: Bundesweit habe es im März keinen, in den ersten drei Aprilwochen 20 Prozent mehr Beratungskontakte gegeben. Aber, "ob sich daraus ein stabiler Trend entwickelt, gilt abzuwarten und lässt sich derzeit schwer beurteilen".

Corona: Die Angst vorm Ungewissen

Es ist die Ungewissheit, die Anika Ziemba ängstlich macht. Zwar sind Plätze im 4. Hamburger Frauenhaus frei, Ausweichflächen von der Stadt organisiert und im Sommer soll das sechste Frauenhaus in Hamburg eröffnen. Und doch: "In Hamburg fehlen knapp 200 Plätze in Frauenhäusern, um alleine den 'normalen' Bedarf zu deckeln. Und auch unsere Expertise und unser Engagement hat irgendwann Grenzen; nicht, weil wir das wollen, sondern, weil wir Menschen sind." Noch ist der Ansturm nicht da, noch ist es nur eine Vermutung. Aber so wird das nicht bleiben - wissen, hoffen und fürchten Helfende zugleich.

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Schutz vor Gewalt: Frauenhäuser in Hamburg

Die Koordinierungs- und Servicestelle "24/7" bietet Frauen Hilfe bei Gewalt. Mehr Informationen gibt es bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. extern

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Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" berät Opfer bundesweit

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" berät auch Frauen aus Hamburg, die Opfer häuslicher Gewalt sind - kostenlos, rund um die Uhr und in mehreren Sprachen; auch in Zeiten von Corona. extern

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Die Webseite von "StoP" - "Stadtteile ohne Partnergewalt" - Steilshoop

"StoP" in Steilshoop sagt der Partnergewalt durch eine "starke Nachbarschaft" den Kampf an. extern

Coronavirus in Hamburg: Hier bekommen Sie Hilfe

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburg Journal | 27.04.2020 | 19:30 Uhr

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